„Die Russen haben vergessen, wie man ein Regime stürzt“

ein Interview mit Orlando Figes

Russland (Ausgabe III/2015)


Herr Figes, wer sind für Sie die drei wichtigsten Personen in der russischen Geschichte?

Viele würden sagen: Peter der Große, Lenin, Stalin. Aber ich kann keinen der drei besonders gut leiden. Meine Wahl wären: Tolstoi, Tschechow, Stolypin (Premierminister von 1906 bis 1911, der im russischen Kaiserreich Reformen durchsetzte, Anm. d. Red.). Aber die Person, die mir am angenehmsten ist, ist Iwan Turgenew, weil sich sein Leben stark um die Frage drehte, wie man Russe und gleichzeitig Europäer sein kann. Turgenew hat die ganze Welt umreist, studierte an der Berliner Universität, nannte Deutschland seine zweite Heimat. Aber schreiben konnte er nur auf Russisch. Vieles in der russischen Geschichte dreht sich um die Frage, wie das Land zu Europa steht.

Welche Rolle spielte dabei die Oktoberrevolution 1917?

Die Revolution fiel in eine Zeit, als sich Russland von Europa abwandte. Sinnbildhaft dafür war die Verlegung der Hauptstadt von Sankt Petersburg nach Moskau, nachdem die Deutschen erstere 1918 bombardiert hatten. Mit dem Vertrag von Brest-Litowsk im selben Jahr, wodurch Russland aus dem Ersten Weltkrieg ausschied, wurde Moskau mit Sicherheit zur eurasischen Macht. Unter Michail Gorbatschow und zu einem gewissen Grad auch Boris Jelzin sah es so aus, als ob Russland seinen Weg zurück nach Europa fände. Aber jetzt schaut das Land wieder gen Osten.

Der Politiker Pjotr Stolypin soll eines von Wladimir Putins historischen Vorbildern sein. Ist das richtig?

In den frühen Regierungsjahren von Putin stimmte das tatsächlich. Pjotr Stolypin war ein konservativer Reformpolitiker, der Russland durch wirtschaftlichen Liberalismus und politischen Konservatismus wieder zur Großmacht führen wollte – sei es durch ein eigenständiges Parlament oder ein Vielparteiensystem. Das entspricht Putins Modell zwischen 2000 und 2004. Seitdem gab es offenkundig den Schwenk zum autoritären Ende des politischen Spektrums und Putin erwähnt Stolypin heute nicht einmal mehr.

Wer oder was ist heute Putins Vorbild?

Ich weiß aus verlässlicher Quelle, dass er ein ­Porträt von Zar Nikolaus I. in seinem Vorzimmer hat und er so etwas wie ein Vorbild für ihn ist: der Polizeistaat, der Nationalismus, die Orthodoxie, der Panslawismus. Und dann gibt es noch das sowjetische Vermächtnis, über das ich in meinem Buch „Hundert Jahre Revolution“ schreibe.

Was meinen Sie mit „Hundert Jahre Revolution“?

Es macht Sinn, die bolschewikische Revolution als einen Zeitraum zu betrachten, der bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 dauerte. Stalin dachte, dass er Lenins Revolution fortführe, ­Chruschtschow, dass er zu ihr zurückkehre, und Gorbatschow war sicherlich ein Revolutionär. Je mehr man Russland heute unter Putin betrachtet, desto mehr sieht man, dass der Kreislauf aus Gewalt, autoritären Regierungssystemen, Nationalismus oder dem Bedürfnis, ewig Feinde zu haben – alles Grundelemente der Revolution –, immer noch in Kraft ist.

Sie sagen, dass Putin auf die sowjetische Vergangenheit ­Russ­lands zurückgreift. Wie tut er das?

Auf einem der ersten Wahlplakate von „Vereinigtes Russland“, Putins sogenannter Partei, waren eine Reihe Gesichter aus der russischen Geschichte abgebildet: Peter der Große, Tschechow, Tolstoi, ­Lenin und sogar Stalin. Putin greift auf die sowjetische Vergangenheit als Teil der russischen Identität heute zurück, als etwas, auf das man stolz sein kann. Das trägt sehr zu seiner Popularität bei.

Wie geht Putin dabei mit Stalins Terrorregime um?

Als solches wird Stalins Herrschaft nicht betrachtet. Für die Russen war Stalin ein großer Führer, der das Land industrialisierte und zur Großmacht aufbaute. Das ganze Ausmaß des stalinistischen Terrors wurde an den Schulen in der Sowjetunion nicht gelehrt. Heute ist es möglich herauszufinden, was damals geschah, aber die Massenmedien befassen sich kaum damit. Die Mehrheit der Russen akzeptiert instinktiv, dass der Staat zum Schutz der Gesellschaft Gewalt anwenden darf – auch wenn dabei Unschuldige sterben. Auf dieser Grundlage heißen viele auch das, was in der Ostukraine geschieht, gut. Putin muss Stalin nicht verleugnen. Er kann an die sowjetische Vergangenheit anknüpfen, indem er die Instinkte, die staatliche Gewalt untermauern, fördert.

Warum wurde nach 1991 die Diktatur nicht aufgearbeitet?

Das Verfassungsgericht war damals nicht stark genug und es betraf zu viele Menschen. Die politischen Eliten fanden sich schnell im neuen System zurecht und wollten nicht, dass die Leute, die politisch belastet waren, entfernt wurden. Sie hätten sich ja ins eigene Fleisch geschnitten. Es war vermutlich richtig, die Leute nicht strafrechtlich zu verfolgen, denn wen hätte man verfolgen sollen? Es hätte das Land vollständig gespalten. In fast jeder Familie gab es Mitglieder, die Opfer der Repressionen waren, während andere in der Partei aktiv waren.

Hatte die Demokratie nach dem Zusammenbruch der ­Sowjetunion eine Chance, sich in Russland zu entwickeln?

Kaum. 1991 war keine echte Revolution. Es war ein Machtverzicht. Wenn Gorbatschow die Kommunistische Partei in eine sozialistische und eine kommunistische Partei gespalten hätte, wäre es vielleicht zu einem Bürgerkrieg gekommen oder Russland hätte ein Zweiparteiensystem erhalten. Aber Gorbatschow tat dies nicht, und es gab auch keinen institutionellen Rahmen, in dem echte Parteien hätten entstehen können. Das lag auch am Wesen der Politik in Russland. Warum sind damals keine echten Berufsorganisationen oder Gewerkschaften entstanden? Ein Grund war das Erbe der Revolution. Die Menschen hatten gelernt, alles an die Partei oder den Führer zu übertragen, die sagten, was man zu denken oder tun hatte.

Wird sich das in naher Zukunft in Russland ändern?

Ich sehe da schwarz. Mit den Protesten auf dem Bolotnaja-Platz 2011 gab es einen Moment, wo die sogenannte Intelligenzija genug von der Korruption und dem Regime Putin hatte. Damals protestierten rund eine Million Menschen. Aber wo sind die jetzt? Wahrscheinlich im Ausland. Sie haben aufgegeben. Der Westen hat diese Menschen ungemein überschätzt und sie haben sich selbst überschätzt. Sie dachten, sie sprächen für die Russen, aber sie sprachen für niemanden als sich selbst.

Die Opposition in Russland ist also nicht groß genug, repräsentiert niemanden und ist zerstritten?

Sie ist ganz erbärmlich zerstritten. Ich will nicht schlecht über die Bolotnaja-Platz-Proteste reden, aber was haben sie getan? Die Leute kamen zu ein paar Demonstrationen zusammen. Dann wurde es kalt und alle sagten: „Gut, wir sehen uns nach Weihnachten.“ Aber man muss dort ausharren, bis man ein Ärgernis für die Machthaber wird und die westlichen Kameras nicht mehr aufhören zu klicken. Dann kann so etwas wie in der Ukraine passieren. Dasselbe geschah bei der Februarrevolution 1917. Die Russen wussten damals, wie man eine Revolution macht. Sie hatten von der erfolglosen Revolution 1905 gelernt: Man protestiert jeden Tag, die Massen kommen zusammen, eine Eigendynamik entwickelt sich, die Machthaber bekommen Panik und ein Fehler geschieht. Plötzlich wird aus einer Serie von Protesten eine Revolution. Die Russen haben diese Geschichte vergessen. Sie haben den Sinn dafür vergessen, wie man ein Regime stürzt. Ich denke nicht, dass politische Veränderungen in Russland heute in irgendeiner Form vom Volk ausgehen werden.

Trotzki nannte Russland vor 1917 das Land „der Ikonen und der Küchenschaben“. Wie würden Sie Russland 2015 beschreiben?

Trotzki meinte damit, dass Russland eine Gesellschaft war, die in Aberglauben und Armut feststecke. Was Russland heute zurückhält, ist seine Geschichte. Das Land ist in seiner Geschichte gefangen, im Kreislauf der Revolution und der Gewalt der vergangenen hundert Jahre, aus dem es sich nicht befreien kann. Russland ist heute sehr zaristisch.

Das Interview führte Rosa Gosch



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