Rom als Vorbild

von Andrej Baldin

Russland (Ausgabe III/2015)


Seit dem Zerfall der Sowjetunion ist in der Architektur in Russland zweimal der Klassizismus aufgetaucht. Diese europäische beziehungsweise römische Architektur zeigte sich zuerst in den 1990er-Jahren durch eine Invasion von Bögen, Portiken und Säulen mit prunkvollen Kapitellen. Diese fröhliche Klassik sah man vereinzelt überall, besonders entzückend aber auf den Anwesen in den Vororten und sichtbar am Baustil der Datschen. Um Moskau herum entstanden überall kleine Schlösser, eines schöner als das andere. Dieses antike Getümmel nahm sich meist recht komisch aus, aber das kümmerte die neuen Patrizier kaum. Hauptsache, sie konnten nach der langen sowjetischen Askese, die jegliche Demonstration von Prunk verboten hatte, ihren Status demonstrieren.

Heute ist die Schwärmerei für Rom anders. Nicht der einzelne Bürger, sondern der Staat als Ganzes richtet sich nach dem klassischen Bild aus. Systematisch entstehen Portiken, Kapitelle oder Skulpturen. Es geht darum, Symbole einer neuen Stabilität, einer neuen Imperatorentradition zu zeigen. In den 1990er-Jahren hat Moskau seine Possen mit der Klassik getrieben und den Beobachter mit einer absurden Üppigkeit antiker Vorbilder verblüfft. Jetzt wirkt der Neoklassizismus ernster und fader.

Das ist logisch, denn die Gefahr eines neuen „Pugatschow-Aufstands“ zeichnet sich ab. Der Kosake Jemeljan Pugatschow hatte im 18. Jahrhundert einen Bauernkrieg gegen die Zentralregierung angeführt. Das Leben in Russland ist heute voller Kontraste: Reichtum erblüht neben Armut. Eine neue Ständegesellschaft ist kurz davor, sich zu bilden. Es riecht nach einem neuen Aufstand. Das glaubt man in den unterschiedlichsten Kreisen – in der Regierung, der Kirche oder bei den Nationalisten. Man kann davon ausgehen, dass die heutigen Kremlherrscher nichts Wichtigeres zu tun haben, als diese Bedrohung abzuwehren.

Hinter der Rückkehr zum Klassizismus verbergen sich der Wunschtraum von einem großen ordnenden Stil und gleichzeitig die Angst vor einem Aufstand. Der Architekt hört diesen verborgenen oder offensichtlichen Auftrag und führt ihn aus. Er holt das verstaubte Kurvenlineal, schlägt Großvaters Fotoalben auf und macht sich an die römische Bauskizze.

Aus dem Russischen von Franziska Zwerg



Ähnliche Artikel

Oben (Bücher)

Illusionslose Härte

von Gerd Koenen

Masha Gessen zeichnet in ihrem Buch »Die Zukunft ist Geschichte« das beklemmende Bild eines Russlands, das sich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht abfinden kann. Ihr auf Interviews und Dokumenten beruhender »faktografischer Roman« erzählt die Geschichte dreier Generationen und ist zugleich eine sozialpsychologische Analyse des Erbes der Sowjetzeit

mehr


Treffen sich zwei. Westen und Islam (Die Welt von morgen)

Gebärstreik

Eine Kurznachricht aus Russland

mehr


Unterwegs. Wie wir reisen (Weltreport)

„Russland ist ein Polizeistaat“

von Robert R. Amsterdam

Robert Amsterdam, einer der Verteidiger Chodorkowskis, über Korruption, Polit-Klüngel und fehlende Rechtsstaatlichkeit

mehr


Frauen, wie geht's? (Pressespiegel)

Spiele am Strand

Russland richtet 2014 die Olympischen Winterspiele in Sotschi aus

mehr


Russland (Thema: Russland )

„Die Russen haben vergessen, wie man ein Regime stürzt“

ein Interview mit Orlando Figes

Eine Geschichte der Angst: Der britische Historiker erklärt den Kreislauf aus staatlicher Gewalt und Obrigkeitsdenken

mehr


Russland (Thema: Russland )

Auf die Gesundheit der hier anwesenden Frauen

von Tilman Rammstedt

Was ich von einem Russen über die Melancholie gelernt habe

mehr