„Es gibt keinen Konflikt zwischen Künstlern und Kirche“

ein Gespräch mit Andrej Kurajew

Russland (Ausgabe III/2015)


Der russisch-orthodoxen Kirche wird eine starke Nähe zur Politik in Russland nachgesagt. Stimmt das?

Es sind fünf, sechs Personen, die als Kirchenobere ihre Kommentare und Erklärungen zur „offiziellen Position der Kirche“ deklarieren. Damit senden sie das Signal an ihre weltlichen Kollegen aus: „Unsere Positionen zur aktuellen Informationspropaganda sind identisch.“ Dennoch glaube ich nicht, dass die Verstaatlichung der Kirche droht. Das Oberhaupt der Kirche, Patriarch Kyrill, ist viel zu ehrgeizig, um nur als Staatsdiener gesehen zu werden. Außerdem wird von den Geistlichen in den Gemeinden nicht gefordert, dass sie die Positionen der Spitze an ihre Gemeindemitglieder weitergeben.

Dennoch setzte eine lokale Verwaltung bei St. Petersburg einen Pater unter Druck, nachdem er sich an Demonstrationen gegen die Kämpfe in der Ukraine beteiligte.

Es gab eine Rüge, aber keine Bestrafung. Ein Gottesdienstverbot erging seitens der Kirche allerdings an einen Geistlichen in Jekaterinburg, weil er freiwillige Kämpfer segnete, die nach Donezk fuhren.

Hohe Beamte wenden sich in solchen Fällen auch an den Patriarchen Kyrill. Erscheint das nicht wie der Zusammenschluss weltlicher Beamter mit Geistlichen?

Ich bin davon nicht begeistert. Ich kann daran allerdings nichts Außergewöhnliches finden, was im Widerspruch zu den Gepflogenheiten westlicher Konfessionen stünde, oder es als schlechten Zug werten, der nur im heutigen russischen Kirchenleben auftritt.

Die Kirche greift oft in die Kunstfreiheit ein. So empörte man sich zum Beispiel über Opernaufführungen wie den „Tannhäuser“, der im März in Nowosibirsk gezeigt wurde. Wie bewerten Sie diese Konflikte?

Seltsamerweise nehmen diejenigen, die sich als freidenkende Persönlichkeiten verstehen, eine Unschuldsvermutung für sich in Anspruch. Wenn ich Kirchenoberen das Recht abspreche, im Namen der Gesamtkirche zu sprechen, wie kann ich die Anmaßungen Dutzender Theaterkritiker und Künstler anerkennen, für die gesamte Bildungsschicht sprechen zu wollen? Es handelt sich also nicht um einen Konflikt zwischen Künstlern und der Kirche, sondern um einen zwischen Einzelpersonen.

Gläubige bezichtigen die polnische Band „Behemoth“ des Satanismus. Konzerte in Russland wurden abgesagt, Fans der Band verprügelt. Das ist doch mehr als ein Konflikt zwischen Einzelpersonen.

Wenn sie sich als Satanisten positionieren, dann werden sie auch als solche behandelt. Wenn auf ihrer Fahne „Gesetzlosigkeit“ steht – und Satan symbolisiert die Gesetzlosigkeit –, dann dürfen sie nicht weinen, wenn man mit ihnen gesetzlos umgeht.

Wäre ein Dialog nicht der bessere Weg?

Der findet ja statt. Tausende Menschen bewegen sich gleichzeitig in der Welt der Kunst und in der Welt der Religion. Sie treffen sich zum Beispiel in Moskauer Privaträumen. Aber es muss auch eine offizielle Plattform geben. Beim Patriarchen gibt es zum Beispiel einen Kulturrat. Dessen Leiter, Tichon Schewkunow, ist durchaus in der Lage, sich einen anderen Standpunkt anzuhören und einen Dialog zu führen. Leider war die Stimme dieses Rats in den jüngsten Konflikten nicht zu hören. Ich habe mich übrigens mit dem Direktor des Nowosibirsker Theaters, Boris Mesdritsch, persönlich getroffen und unser Gespräch war von gegenseitigem Verständnis geprägt.

Kurz gesagt: Einer der wichtigsten Ansprechpartner für diesen Dialog sind Sie selbst ...

Viele Menschen in der Kirche äußern sich zu verschiedenen Fragen. Nur sind die Journalisten seit 25 Jahren daran gewöhnt, den einfachsten Weg zu gehen: Kaum gibt es ein Problem, rufen sie Kurajew an.

Das Interview führte Alexej Olejnikow
Aus dem Russischen von Franziska Zwerg



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