Kinder, die es nicht geben darf

von Lena Klimowa

Russland (Ausgabe III/2015)


2013 trat in Russland ein Gesetz in Kraft, das die „Propagierung der Homosexualität unter Minderjährigen“ verbot. Von Journalisten wurde es schnell „Anti-Schwulen-Gesetz“ getauft. Doch diese Bezeichnung verschleiert, dass es LGBT-Jugendliche (Lesbische, schwule, Transgender und bisexuelle Jugendliche) sind, die von dem Gesetz am meisten getroffen werden. Denn die meisten russischen Schwulen- und Lesbenorganisationen arbeiten heute nicht mehr mit Jugendlichen. Sie fürchten eine Strafe wegen eines Verstoßes gegen das „Anti-Schwulen-Gesetz“.

In einem Artikel für die Nachrichtenagentur Rosbalt kritisierte ich das Gesetz. Nach ein paar Tagen schrieb mir im russischen sozialen Netzwerk „Vkontakte“ ein 15-jähriges lesbisches Mädchen aus einer Provinzstadt. Sie erzählte, dass sie von ihren Mitschülern gemobbt werde und selbst ihre Mutter ihr Anderssein nicht akzeptiere. Mein Artikel habe ihr geholfen, ihre Selbstmordgedanken zu verscheuchen.

Mir fiel auf, dass in Russland nahezu niemand über LGBT-Jugendliche spricht oder schreibt. Auch für den Staat existieren sie nicht. Wie der Fehler „404 – page not found“ im Internet. So kam mir die Idee für das Projekt „Kinder-404“. Ich startete die Ausschreibung für die Fotoaktion „Kinder-404. Es gibt uns!“. Ich lud LGBT-Jugendliche dazu ein, uns für die Veröffentlichung im Internet Fotos und Geschichten über ihr Leben zu schicken. Im April 2013 wurde das Projekt lanciert: Auf Facebook und bei seinem russischen Pendant „Vkontakte“ wurden eigene Seiten eingerichtet. Es bildete sich ein ständiges Team aus Volontären und Psychologen.

Das Projekt „Kinder-404“ wird heute von sechs Freiwilligen geleitet. Jewgenija, Nadjeschda und Aleksej sind unsere Moderatoren in den sozialen Netzwerken. Jan, der in Norwegen lebt, kümmert sich um die Verbindungen zur Außenwelt und Hana koordiniert die Arbeit des Psychologenteams, das im Augenblick aus rund zwanzig Mitgliedern besteht. Sie beraten LGBT-Jugendliche kostenlos.

Für jeden Jugendlichen ist es wichtig, in einem geschützten Umfeld offen zu sprechen und Rat zu bekommen. Im russischen Internet ist unser Projekt dafür so gut wie der einzige Ort. Die jungen Menschen schicken ihre Briefe und Fotos, ich redigiere die Briefe, dann werden sie in den sozialen Netzwerken veröffentlicht. Und unsere Moderatoren sichten die Kommentare. Wir haben sehr strenge Regeln. Verboten sind nicht nur Xenophobie und Hassreden, sondern auch leeres Gerede, weil es uns darauf ankommt, denjenigen Hilfe und Rat zu geben, die genau dafür gekommen sind. Unter den Verfassern der Briefe und unter denjenigen, die mit Psychologen sprechen, sind überwiegend Frauen: im Verhältnis von 1:3 bis 1:4.

Wir leisten auch Krisenhilfe. Mehrmals haben sich Jugendliche mit uns in Verbindung gesetzt, die von den Eltern aus dem Haus gejagt worden waren und niemanden hatten, zu dem sie gehen konnten. Wir haben inzwischen in ganz Russland ein Netzwerk kostenloser Unterkünfte eingerichtet, wohin man einen Jugendlichen im Extremfall schicken kann, der kein Dach über dem Kopf hat. In Russland ist es leider unmöglich, eine legale Unterkunft einzurichten, ein Zentrum, zu dem LGBT-Jugendliche gehen können, die aus dem Haus geworfen wurden.

Wegen unserer Arbeit wurden wir immer wieder angegriffen: „Hochmoralische“ Bürger beklagen sich ständig über das Projekt „Kinder-404“ bei Roskomnadsor – der Organisation, welche die Medien und das Internet beaufsichtigt. Sie fordern, unsere Gruppen in den sozialen Netzwerken zu schließen, unsere Seite zu sperren und mich zu bestrafen. 2014 wurde in der staatlichen Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor von einem stellvertretenden Abteilungsleiter ein Protokoll über unsere Aufklärungsarbeit aufgesetzt. Darin stand: „Die Materialien können bei Kindern die Vorstellung entstehen lassen, dass schwul sein bedeutet, ein mutiger, starker, selbstsicherer, hartnäckiger, ein selbstbewusster und sich selbst achtender Mensch zu sein“.

Aus dem Russischen von Carmen Eller



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