Auf die Gesundheit der hier anwesenden Frauen

Tilman Rammstedt

Russland (Ausgabe III/2015)


Ich stand mitten auf der achtspurigen Bolschaja ­Sadowaja und war auf einmal allein. Vor mir Autos, hinter mir Autos, alle sehr hastig, alle sehr lückenlos, sehr unnachgiebig, und die Melancholie stand auf der anderen Straßenseite, in Sicherheit, und rief mir etwas zu. Ich konnte nicht verstehen, was es war, zu laut die Autos, zu panisch mein Atem. Bis zur Mitte bin ich gekommen, bis zur Mitte kommt man schließlich meistens, dann setzte der Verkehr wieder ein, und ich konnte weder vor noch zurück, ich konnte nur warten, ich konnte nur hoffen, irgendeine Seite unbeschadet zu erreichen. Es war mein letzter Tag in Moskau, und ich hatte wenig Lust, hier zu sterben.

Seit zehn Tagen war ich in Moskau. Offiziell hatte ich andere Gründe, hier zu sein, in Wahrheit aber war ich Melancholietourist. Viel zu lang hatte ich gedacht, mich mit billigen Melancholiekopien abgegeben zu haben, ich wollte das Original, ich wollte an die Quelle, an den Urmeter der Schwermut. Die Melancholie ist schließlich von den Russen erfunden worden, irgendwann unter irgendeinem bärtigen Zar. Sie lässt Romane tausendseitig werden und Theaterstücke seufzend, sie ist schwarzes Quadrat, sterbender Schwan und Rote-Beete-Suppe. Sie ist diese Sprache in Baritonlage mit unentschlossenen Vokalen und immer leicht gelallt klingenden stimmlosen Reibelauten. Das alles ist wunderschön, und das alles passt viel zu gut zusammen. Und so ist die Melancholie auch längst Hauptexportartikel Russlands mit Pipelines in die ganze Welt, sie ist denkmalgeschützte Sehenswürdigkeit und Bürgerpflicht, und schon wenige Stunden nach meiner Ankunft stellte sie sich zu mir und meinen Begleitern an den Tisch.

Die Melancholie hieß Andrej und trug eine blaue Adidas-Jacke, sie schenkte sich einen Plastikbecher mit unserem gerade gekauften Wodka voll und sagte, in gebrummtem, ausgeleiertem Englisch: „Welcome to Russia.“ Und tatsächlich fühlte ich mich schlagartig willkommen. Die Melancholie ist zutraulich. Sie erklärt einem ungefragt die Welt, und so erklärte uns auch Andrej, dass Russisch die einfachste Sprache der Welt sei, genau genommen brauche man nur zwei Ausdrücke: „toska“, die Sehnsucht, und „nu schto“, was so etwas wie „mal sehen“ bedeute oder „na ja“ oder „ach“ aber eigentlich gar nichts, man fülle damit nur Lücken, und es gebe hier sehr viele Lücken und sehr wenig angemessene Füllungen. Dann tranken wir und Andrej sprach die Toasts aus: „Auf die Gesundheit der hier anwesenden Frauen“, „Auf alte und neue Freunde“, „Auf die toska, die verdammte Sehnsucht“, und zwischendurch entschuldigte er sich dafür, den Zweiten Weltkrieg gewonnen zu haben. Natürlich war es mehr Stolz als Bedauern, aber mit jeder neuen Runde glaubte er sich mehr. „Es tut mir leid, dass wir den Krieg gewonnen haben. Es tut mir wirklich leid.“ Selbst ein historischer Triumph wurde zum Anlass des Seufzens, zu einem willkommenen Anlass, und es muss nicht erwähnt werden, dass wir uns bald in den Armen lagen, Andrej, die toska, Moskau, Russland, all die Siege und all die Niederlagen, meine Begleiter und ich.

Die Melancholie bringt einander nah. Die Melancholie entwaffnet. Die Melancholie macht angreifbar. Die Melancholie legt einen Sepiafilter über die Welt, und das Seufzen ist ein kluger Laut, der die Stille weniger bedrohlich macht und jedes Wort als nutzloses Gefasel erscheinen lässt, und dann wankt es sich etwas leichter. Andrej verschwand in den anbrechenden Abend, aber die Melancholie blieb bei mir, als treuester aller Reiseführer, sie war Schneematsch in den Brachen der Außenbezirke; sie war trostloser Blumenstrauß, der an den Metrostationen zum Kauf angeboten wurde; sie war schief sitzender Anzug des Türstehers irgendeines basslastigen Clubs. Und ich hakte mich bei ihr ein, vertraute ihr blind, zehn Tage lang war sie das vertraute Gefühl inmitten unvertrauter Gebäude und Buchstaben, unvertrauter Teigtaschen, Blicke und Witterungen. Mit ihr konnte ich alles erklären, auch wenn das natürlich nicht stimmte, aber der Melancholie ist die Wahrheit herzlich egal.

Ich weiß nicht, wie lange ich da stand, auf der Bolschaja Sadowaja, gefühlte Stunden, auch der Angst ist die Wahrheit schließlich egal. Ich zitterte. Ich verfluchte mich. Ich betete. Und als sich dann endlich, endlich eine Lücke auftat, als ich über die verbleibenden vier Spuren rannte, auf die wartende Melancholie zu, war sie auf einmal verschwunden. Stattdessen stand dort Andrej, in blauer Adidas-Jacke, und schaute mich abschätzig an. „Du hast nichts verstanden“, sagte er, sehr klar, sehr langsam und sehr bestimmt. Dann ging er und sah nicht mehr, wie lange ich nickte.



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