Europäer zweiter Klasse

Anna Raulf

Russland (Ausgabe III/2015)


Elena Hristova ist müde. Der Beruf als Lehrerin an einer Berufsschule in Sofia zehrt an ihren Kräften, und sie ist es leid, von 350 Euro im Monat über die Runden kommen zu müssen, von denen in den Wintermonaten ein Großteil für Strom- und Nebenkosten draufgeht. Vor allem ist sie der Politik müde. Denn in diese hat sie wie so viele Bulgaren längst das Vertrauen verloren. Sie glaubt nicht mehr, dass sich etwas ändert, ganz egal, wer in der Regierung ist. Früher setzte sie große Hoffnungen in den EU-Beitritt ihres Landes: „Wir dachten, wenn wir in der EU sind, wird alles leichter, aber jetzt sind wir schon über acht Jahre in der EU und es ist nicht so, wie wir es erwartet haben.“

Wie in anderen postkommunistischen Ländern wurde der EU-Beitritt in Bulgarien vor allem als Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft gesehen. Viele teilten die Hoffnung Hristovas: dass durch den EU-Beitritt ihr Leben besonders in finanzieller Hinsicht leichter würde. Und anfänglich schien es so: Nach dem Beitritt 2007 überfluteten westeuropäische Investoren das Land mit Kapital, EU-Gelder flossen in die Verbesserung der Infrastruktur, Autobahnen und Flughäfen wurden gebaut. Die Arbeitsproduktivität wuchs jährlich um zehn Prozent und die Einkommen stiegen. Doch die europäische Finanz- und Wirtschaftskrise erschütterte die bulgarische Wirtschaft schwer, Investoren zogen ihr Geld ab und die Immobilienblase platzte. Heute gibt es bei ­Marktkauf, Zara, H&M und der Supermarktkette Billa alles, was es im restlichen Europa auch gibt – bei einem Durchschnittslohn von 400 Euro. „Was sollen wir schon in Europa, mit dem wenigen Geld, das wir haben?“, fragt Hristova und es klingt, als sei Europa nicht ein Kontinent oder eine Gemeinschaft, zu der man längst gehört, sondern ein Lebensstil, der für einen selbst nicht erschwinglich ist. „Vielleicht werden unsere Kinder einmal wirkliche Europäer, richtige Europäer“, sagt sie.

Wirkliche Europäer? Wer sind die, wenn nicht diejenigen, die in Europa leben? Das ambivalente Gefühl gegenüber Europa gehe weit zurück in die bulgarische Geschichte, erklärt der Geschichtsprofessor Alexander Kiossev: „In der bulgarischen Kultur ist Europa seit mindestens eineinhalb Jahrhunderten eine Art Mythos.“ Bulgarien wurde Ende des 14. Jahrhunderts für 500 Jahre dem Osmanischen Reich unterworfen. Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Phase der sogenannten nationalen Wiedergeburt: die Rückbesinnung auf die eigene Identität und die Orientierung an ­Europa, die schließlich in der Forderung nach Unabhängigkeit mündete. Sämtliche Kulturerzeugnisse dieser Zeit seien von der Idee geprägt, dass „wir nach Europa müssen“, so Kiossev. Diese Idee ist für ihn Utopie als auch Trauma der bulgarischen Gesellschaft, da sich seiner Ansicht nach die Bulgaren niemals richtig zu Europa zugehörig fühlten. Heute ist Bulgarien offizielles EU-Mitglied, aber die paradiesischen Zustände, die viele erwarteten, sind nicht eingetreten, weshalb die Euphorie einer tiefen Enttäuschung gewichen ist und europakritische Stimmen lauter werden. Die Frage, ob man zu Europa gehört, hat sich in die Frage verwandelt, ob man von den anderen Europäern als gleichwertige EU-Bürger wahrgenommen wird.

Wohl kaum, was die in Deutschland oder Großbritannien geführte Diskussion um die befürchtete „Armutseinwanderung“ von Bulgaren und Rumänen im vergangenen Jahr gezeigt hat. Viele ­Bulgaren fühlten sich von der Diskussion und dem schlechten Image des Landes im Ausland gekränkt, sind es doch vor allem die gut Ausgebildeten, die es wegzieht. Die Zustimmung zur EU ist in Bulgarien dennoch immer noch vergleichsweise hoch. Dies hängt vor allem mit dem Misstrauen gegenüber den nationalen Institutionen zusammen, der verbreiteten Korruption und Vetternwirtschaft. Viele hoffen weiterhin auf mehr Druck seitens der EU. Derzeit gewinnt auch die Abwendung von Russland erneut an Relevanz: „Wenn wir der EU 2007 nicht beigetreten wären, dann ginge es uns jetzt wie den Ukrainern. Deshalb ist es gut, dass wir durch die Verträge mit der EU und der Nato klar sagen: Wir gehören zu diesem Teil der Welt“, meint der Journalist ­Georgi Minev. Er ist einer der  jungen und gut ausgebildeten Bulgaren, für die der Beitritt weniger die Hoffnung auf ein leichteres Leben beinhaltete als vielmehr eine Vielzahl an Möglichkeiten. Von seinem Auslandssemester und seinen Praktika in Deutschland erzählt er begeistert. Klar ist für ihn aber auch, dass er in Bulgarien bleiben möchte, denn er liebt sein Land. Europa ist für ihn aber kein Trauma und auch keine Utopie mehr. Vielleicht würde Elena Hristova ihn als richtigen Europäer bezeichnen.



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