Land ohne Vergangenheit

von Holger Heimann

Russland (Ausgabe III/2015)


Die Inselnation Indonesien erlebte in den 1960er-Jahren einen der blutigsten antikommunistischen Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts. Nach einem Militärputsch durch General Suharto wurde 1965 eine Jagd auf Kommunisten entfesselt, der in wenigen Monaten schätzungsweise eine Million Menschen zum Opfer fielen. Allein, wir in Europa wissen erstaunlich wenig über das massenhafte Morden auf dem Inselarchipel.

Der Film „The Act of Killing“ von Joshua Oppenheimer hat die Schlächterei unlängst in schaurige Bilder gefasst. Oppenheimer bat die bis heute unbehelligt gebliebenen Mörder von einst, ihre Taten selbst nachzuspielen. Mit welcher Verzückung die Täter im Film Puppen einen Draht um den Hals legen oder die Augen ausstechen, ist ebenso schwer zu ertragen wie der darin zum Ausdruck kommende frappierende Mangel an Leugnung und Scham.

Doch die offizielle Propaganda, die aus den tatsächlichen Opfern sadistische Unmenschen gemacht und so ihre Auslöschung zu legitimieren versucht hat, scheint in Indonesien bis heute, immerhin mehr als 15 Jahre nach dem Ende des Suharto-Regimes, nachzuwirken. Die Auseinandersetzung mit der blutigen Geschichte jedenfalls kommt nur schleppend voran. Die Aufführung von Oppenheimers Nachfolgestreifen „The Look of Silence“, in dem sich die Opfer eindrücklich zu Wort melden, wurde verboten. Währenddessen erfreut sich das 1990 in der Hauptstadt Jakarta errichtete „Museum des Verrats der Kommunisten“ unvermindert großen Zulaufs. In martialischen Bildern und Szenen werden dort in einer bizarren Ausstellung Kommunisten als wilde, staatsfeindliche Bestien porträtiert.

Es ist seit jeher die indonesische Literatur, die dem offiziellen Geschichtsbild eine andere, differenzierte Sicht entgegenstellt. Der bedeutendste moderne Autor des Landes etwa, der mehrmals als Nobelpreiskandidat gehandelte Pamoedya Ananta Toer, hat das in seinem autobiografischen Werk „Stilles Lied eines Stummen“ getan – unter schwierigsten Arrestbedingungen. Doch erst seit dem erzwungenen Rücktritt Suhartos 1998 können die traumatischen Ereignisse offener und mit Nachdruck diskutiert werden. Eine ganze Reihe von Autoren, darunter viele Frauen, tut dies seither. Eine der interessantesten neuen Stimmen gehört Leila Chudori. In ihrem jetzt auf Deutsch erschienenen Roman „Pulang (Heimkehr nach Jakarta)“ ist der Leser sogleich mittendrin in einer Szenerie von Terror und Bedrohung: Auch 1968 verfolgen die Geheimpolizisten noch immer unerbittlich politische Opponenten. In einem Fotostudio in Jakarta haben sie Erfolg und fassen den dort untergetauchten Hananto Praviro, der auf ihrer Fahndungsliste, die ein Todesverzeichnis ist,  ganz oben steht.

Jedoch ist die packende Eingangssequenz mitnichten Auftakt zu einem Roman, der die Jagd auf Kommunisten und deren  Sympathisanten in einem politischen Thriller ausbreitet. Chudori geht es vielmehr darum, die Auswirkungen des Terrors auf die Opfer und die gesellschaftliche Verfasstheit des Landes insgesamt zu erkunden. Ihr Buch umspannt die Zeit vom Militärputsch bis zum Ende der Suharto-Ära und seines Regimes der neuen Ordnung.

Schauplatz ist im ersten Teil jedoch eher selten Indonesien, vielmehr zumeist Frankreich. Denn nicht zuletzt ist „Pulang“ ein schmerzlicher Exilroman: Hanantos Freunden, überwiegend Journalisten wie er, ist es gelungen, über Santiago und Peking nach Paris zu flüchten. Hier leben sie als Staatenlose und versuchen sich mühsam eine neue Existenz aufzubauen. Aber die Sehnsucht lässt sie nicht los. Das gemeinsam etablierte indonesische Restaurant nennen sie keineswegs von ungefähr „Tanah Air“, was so viel wie „Heimatland“ heißt.

Leila Chudori hat nach eigenen Angaben sechs Jahre an ihrem Buch gearbeitet, in Jakarta und auch Paris recherchiert. Dort, in der französischen Hauptstadt, ist es ihr gelungen, eine Gruppe von indonesischen Exilanten ausfindig zu machen, die das Lokal „Restoran Indonesia“ im 6. Arrondissement betreibt und die zum Vorbild für die im Roman porträtierten Flüchtlinge wurde. „Ich wollte in ihre Psyche schauen; die Gedanken derer erforschen, die weit weg von der Heimat lebten, sich aber immer noch als Teil Indonesiens empfanden, egal welche Art von Pass ihnen ausgestellt wurde und egal wie die Regierung sie behandelte“, sagt sie.

Am schwersten unter der Last des Exils trägt im Roman Dimas Suryo, eine der beiden Hauptfiguren. Denn der ehemalige Zeitungsredakteur ist nur in Sicherheit, weil er an Stelle seines engsten Freundes Hananto 1965 zu einer Konferenz ins Ausland kam. Dessen Frau Surti, die von Suhartos Schergen jahrelang zusammen mit ihren Kindern eingesperrt und psychisch gefoltert wurde, ist Dimas’ große Liebe. Mit der in Indonesien Zurückgebliebenen befindet sich der Exilant seit der Flucht in einem nie abreißenden Gespräch aus Briefen. Seine Ehe mit der Französin Vivienne, die er bei einer Studentendemonstration 1968 in Paris kennenlernt, bleibt von Beginn an überschattet von dieser älteren und tieferen Verbindung.

Dimas war nie ein glühender Kommunist, trotzdem wird er durch die entfesselte Gewalt und eine mörderische Jagd auf politische Gegner in seiner Heimat gezwungen, am falschen Ort zu leben. Leila Chudori entwirft das präzise wie schmerzliche Bild eines durch und durch zerrissenen Menschen. Sie porträtiert einen Unglücklichen, der zwar seine Haut gerettet hat, dessen Leben aber schwer gezeichnet ist von der unheilvollen Geschichte seines Landes.

Lintang Utara, Dimas’ Tocher, aus deren Perspektive der zweite Teil des Buches in weiten Teilen erzählt wird, wächst ohne Wissen um die bedrückende Vergangenheit des Vaters auf. Zwar setzt sich für sie allmählich ein Puzzle aus den Erinnerungsstücken der Elterngeneration zusammen, aber die Verzweiflung des Vaters bleibt ihr dennoch lange fremd. „Ich will nicht so werden wie du! Du kannst einfach nicht glücklich sein. Du kannst nie für das dankbar sein, was du hast. Ich will nicht so werden wie du, du bist immer nur zynisch, wenn du das Glück anderer Leute siehst“, schleudert sie ihm einmal erzürnt entgegen.

Doch Lintang hat die Indonesiensehnsucht ihres Vaters geerbt. 1998 bricht sie, ermuntert von einem ihrer Universitätsprofessoren, zu einer Forschungsreise nach Jakarta auf. Sie will einen Film drehen, in dem Opfer und Täter zu Wort kommen, und so Licht in die dunkle Vergangenheit des Landes und somit auch in ihre eigene Familiengeschichte bringen.

Die junge Filmerin kommt indes in ein Land im Umbruch. Die Studenten gehen massenweise auf die Straße, Suhartos Macht wackelt, aber der bestehende Überwachungsapparat aus Polizei, Behörden und Spitzeln ist immer noch intakt. Es ist gefährlich in Jakarta – zumal für die Tochter eines Verfemten, die unbequeme Fragen stellt.

Leila Chudori, die auch als Journalistin und Drehbuchautorin arbeitet, gelingt es in einer dichten Abfolge von packenden Bildern und Szenen, die entscheidenden Tage vor dem Rücktritt Suhartos einzufangen. Sie zeigt eine junge Generation im Aufbruch, die sich nicht mehr einschüchtern lässt und ein freies Leben einfordert. Doch auffällig ist auch, wie wenig ausgeprägt dabei das Interesse vieler Demonstranten an der monströsen Vergangenheit ist. Lintangs Interviews mit den Opfern von einst – die Täter verweigern jedes Gespräch – stehen denn auch in einem merkwürdigen Kontrast zu den sich überschlagenden Ereignissen.

Dieser in ein flüssiges Deutsch übersetzte Roman gewährt detailgenaue Einblicke in die seelische Verfasstheit eines Landes im Aufbruch, das jedoch ein schweres, unbewältigtes Trauma mit sich herumschleppt. „Pulang“ ist der literarisch gelungene Versuch, über das lange Verschwiegene zu erzählen und der offiziellen Version der zurückliegenden Ereignisse die „Stimmen von der anderen Seite“ – so der Filmtitel Lintangs – gegenüberzustellen. Zugleich deutet Leila Chudori an, wie groß und vielfältig die Widerstände in der gegenwärtigen indonesischen Gesellschaft gegen eine intensive Beschäftigung mit der Geschichte noch immer sind.

Pulang (Heimkehr nach Jakarta). Von Leila Chudori. Aus dem Indonesischen von Sabine Müller. Weidle Verlag, Bonn, 2015.



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