„Starkes Gefühl für Grönland“

ein Interview mit Inuk Silis Høegh

Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Ausgabe II/2015)


Ihr Dokumentarfilm „Sumé – The Sound of a Revolution“ stellt die grönländische Band Sumé aus den 1970er-Jahren vor. Was interessierte Sie an ihrer Geschichte?

Ich war ein Jahr alt, als das erste Album herauskam, und Sumé ist die Musik meiner Kindheit und meiner Jugend. Sie wird auch heute noch im Radio gespielt. Außerdem war ich sehr an der Revolte unserer Elterngeneration interessiert. Ich wuchs ab 1979 in einem selbstverwalteten Grönland auf. Zuvor war es nur ein Teil von Dänemark.

Der Name der Band, „Sumé“, bedeutet „Wo”, der Titel des ersten Albums von 1972 „Sumut“ heißt „Wohin”. Waren das die Fragen dieser Zeit in Grönland?

Damals dachte jeder, wir werden Dänen. Die grönländische Sprache wurde vernachlässigt, denn wenn du eine Zukunft haben wolltest, musstest du Dänisch lernen und ein fantastischer Westeuropäer sein. Aber Sumé zeigte eine andere Sicht in wunderschönen metaphorischen Texten auf Grönländisch. Das faszinierte und schockierte die Menschen zugleich. Sumé hatten einen großen Einfluss auf die Selbstwahrnehmung. Sie sind ein Grund, warum wir heute selbstverwaltet sind.

War Dänemark eine Kolonialmacht?

Viele beschreiben es als eine sanfte Kolonialmacht, es gab keine Sklaverei und Peitschen. Auf der Regierungsebene meinten sie es gut mit Grönland. Aber es gab auch immer die Bevormundung. Ich denke aber nicht, dass Sumé Dänemark anklagten. Es gab damals auch eine Art Selbstkolonialisierung, weil man zum Westen gehören wollte. Die Lieder der Band bewirkten ein In-sich-selbst-Hineinschauen als Grönländer und das kann einen richtigen Schmerz hervorrufen, wie bei dem Mann im Film, der aufgrund der Musik weint.

Ein Bandmitglied sagt über die Zeit in Kopenhagen: „Plötzlich begannen wir unsere grönländische Identität zu betonen.“ Veränderten auch Sie sich in Ihrer Studienzeit in Kopenhagen?

Man entwickelt ein starkes Gefühl für Grönland. In gewisser Weise ist die Biografie von Sumé ähnlich wie meine. Als ich in Dänemark lebte, fand ich heraus, dass ich nicht wirklich gut Grönländisch sprechen konnte. Man sieht mir nicht an, dass ich Grönländer bin, aber ich spürte auch, dass ich kein Däne war, weil die anders waren, der Humor – alles war anders. Ich hatte in Kopenhagen wirklich einen Kulturschock. Dann dachte ich mir: Okay, wenn du Grönländer bist, warum kannst du deine Sprache nicht richtig? So lernte ich mehr Grönländisch in Kopenhagen als zu Hause. Wenn man in der eigenen gemütlichen Welt aufwächst und man dann woanders hingeht, wird man mit sich selbst konfrontiert. Man muss erklären, wer man ist.

Der Film endet damit, dass die großen Fragen der 1970er-Jahre immer noch relevant sind. Vermissen Sie heute einen revolutionären Geist in Grönland?

Ich habe ihn vermisst. Aber wir waren sehr glücklich, als wir den Film in Grönland zeigten und junge Menschen sagten: Wir müssen etwas tun, wir wollen etwas tun. Man sagt, in jeder Generation bräuchte man eine Revolution. Die letzte ist jetzt vierzig Jahre her. Ich spüre, dass da jetzt wieder was kommt. Innerhalb der grönländischen Gesellschaft gibt es große Meinungsunterschiede, aber die sind notwendig, um zwischen verschiedenen Ansichten hoffentlich herauszufinden, was wir wirklich wollen. Somit ist die Frage nach „Wo“ und „Wohin“ wieder relevant.

Das Gespräch führten Jenny Friedrich-Freksa und Simon Kopp



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