Heimliche Schätze

von Claudia Kotte

Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Ausgabe II/2015)


Es ist das wohl versteckteste und unzugänglichste Museum in ganz Manhattan – das Trash Museum auf der 99. Straße. Was sich in einer unspektakulären Lagerhalle der New Yorker Stadtreinigung befindet, ist ein Kuriositätenkabinett der besonderen Art. Sein Gründer: ein Mitarbeiter der Stadtreinigung, der weder manischer Sammler noch profitorientierter Schnäppchenjäger oder konsumverweigernder Mülltaucher ist.

Schon als Kind sei er ein „Picker“ gewesen – ein Stöberer und Sammler, sagt Nelson Molina über sich. Aufgewachsen in einer Familie mit sechs Kindern war es für ihn in den 1960er-Jahren ganz selbstverständlich, dass man nichts wegwarf. Schon als Neunjähriger stromerte er durch die Nachbarschaft und sammelte Spielzeug, das er flickte und aufbereitete. Seit 29 Jahren – so lange arbeitet er inzwischen für die Stadt New York – fischt er Schätze aus den schwarzen Plastiksäcken, die er frühmorgens abholt. Er habe einen siebten Sinn für Müll, sagt Nelson; schon am Klang eines Müllsacks könne er hören, ob sich etwa eine Vase oder Silber darin verberge. Gelegentlich gebe ihm auch ein Hausmeister einen Tipp und verweise ihn auf besondere Stücke.

Was mit einigen Figürchen begann, die er in einem winzigen Raum neben den Umkleideschränken arrangierte, ist zu einer Kollektionvon 3.000 bis 4.000 Objekten angewachsen, die allerdings nur er und seine Kollegen anschauen können. Normalsterbliche bekommen nur mit einer Anmeldung bei der Stadtreinigung Zutritt zur Sammlung. Im zweiten Stockwerk einer Halle für Müll- und Räumfahrzeuge kuratiert Nelson Molina nun seine Ausstellungen, sortiert Gegenstände nach Kategorie, Funktion und Farbe und ordnet sie auf separaten Tischen an: Holzschnitzereien hier, Messinggegenstände dort, Spielzeug in einer Truhe, Schreibmaschinen auf einem eigenen Tisch.

Es gibt eine chinesische Ecke mit Buddhafiguren und eine Indianerecke mit bestickten Lederbeuteln. Auf einer Wand am Eingang prangen Baseballdevotionalien, auf einer anderen Tennisutensilien; dazwischen, darüber und darunter hängen Bilder aller Art – Hochzeitsfotos und Porträts in Ölfarben, Kinoposter, Armee-Urkunden und Uni-Diplome. Von Projektoren, auf denen 8-Milimeter-Stummfilme laufen, über Drehscheibentelefone und Polaroid-Kameras, bis hinzu Tonbändern und VHS-Kassetten ist hier die Technikgeschichte des 20. Jahrhunderts versammelt. Das älteste Exponat dürfte ein buntes Kirchenglasfenster sein, das vor einer Kirche von 1895 auf der 97. Straße lag. Stoffhunde stehen im Tipi-Zelt, kleine Figuren kommen ins Puppenhaus, die gefundenen Stühle sind wie in einem Konzertsaal in Reihen angeordnet, als warteten sie nur auf ihr Publikum.

Seine Ausstellungstische findet Nelson Molina im Sperrmüll, Regale baut er in seiner Freizeit selbst; er flickt Vasen, rahmt Bilder, topft gefundene Pflanzen um oder putzt Staub. Gerade hat er den Treppenaufgang neu gestrichen und eine Plastikratte als Willkommensgruß installiert, weil ein Team von Kollegen der Recyclingstelle in Queens zu Gast war. Zu Weihnachten wird die Ecke mit dem im Sperrmüll gefundenen Kamin geschmückt. Aus einer Fabrikhalle hat er also eine Wohnlandschaft gemacht, in der einen Norah Jones musikalisch begrüßt, die Mitarbeiter es sich auf den Stuhlreihen gemütlich machen und Nelson in seinem Sessel Ted Bothas Buch „Mongo: Adventures in Trash“ liest. Der amerikanische Autor war der Erste, der sich 2004 für Molina und seine Sammlung interessierte und ihn in seinem Buch verewigte.

Molina geht es beim Müllsammeln keineswegs um Besitz. Wenn die Tochter eines Kollegen eine 1930er-Jahre-Mottoparty feiert,darf sie eine der Schreibmaschinen mitnehmen und auf ihr die Einladungskarten tippen.

Braucht ein Mitarbeiter für die Blumen zum Muttertag noch eine Vase, kann er sich eine aus dem Fundus aussuchen. Und als Molina einmal 950 Dollar in einem Kissenbezug fand, hat er das Geld mit seinen Kollegen geteilt. Auch interessiert er sich nicht für den Geldwert seiner Sammlung. Gelegentlich schaut er zwar auf eBay, wie viel der Band mit Shakespeares Komödien heute wert sein könnte, doch das macht ihm die Dinge nicht lieber und hat keinen Einfluss auf ihr Arrangement. Während in manchem Museum bereits ein Kunstwerk als Müll entsorgt wurde, ist in Molinas Trash Museum klar, dass der Müll hier Kunst ist und seinen berechtigten Platz hat. Dennoch will diese Sammlung nichts vermitteln oder kritisieren, sie rührt aus keiner Faszination für bestimmte Objekte, Themen oder Technologien. Jenseits von Profitstreben oder Sammlerwut hat Nelson Molina schlicht eine Passion für die Dinge.



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