Menschen in die Aktion integrieren

von Patricia Pahlke

Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Ausgabe II/2015)


Im Oktober 2014 schnitt sich der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski auf dem Dach einer psychiatrischen Klinik in Moskau ein Ohrläppchen ab, um auf die Repressionen des russischen Staates aufmerksam zu machen. 2013 hatte er seinen Hodensack auf dem Roten Platz festgenagelt, unmittelbar vor dem Lenin-Mausoleum. Politisch motivierte Künstler wie er suchen nach Wegen, aus dem ihnen zugeteilten Reservat auszubrechen, um mehr zu erreichen, als mit ihren Werken in den Medien Gehör zu finden und pseudo-moralische Lippenbekenntnisse auszulösen. Es geht um die Fähigkeit der Kunst, Handlungen zu initiieren und an der aktiven Gestaltung der Gesellschaft teilzuhaben.

Mit den Worten des argentinischen Autors Jorge Luis Borges können wir sagen, der ästhetische Augenblick sei „der Hauch einer Offenbarung, zu der es nicht kommt“. In der Kunst sehen wir uns also einem Unbestimmten gegenüber, das wir nicht definieren oder greifen können. In diesem Unbestimmten stecken die Möglichkeiten der Kunst, politisch wirksam zu werden. Sie konfrontiert uns mit dem nicht zu Begreifenden und lässt uns bisher Geglaubtes und unhinterfragt Anerkanntes neu denken. Auf welche Art und Weise neu gedacht werden kann, kann Kunst jedoch bloß andeuten. Ihr wohnt die besondere Fähigkeit inne, den Menschen aus seinen gewohnten Denkmustern zu befreien, neue Denkräume zu eröffnen und beim Einzelnen eine Veränderung seines Umgangs mit der Welt zu veranlassen. Das Problem mit der Kunst: Sie lässt sich nicht relativieren. Ihr revolutionäres Potenzial ist unbestimmt, man kann nicht vorausahnen, was sie bewirkt, denn sie ereignet sich im unmittelbaren Kontakt mit dem Individuum.

Um konkrete politische Wirkungen zu erzielen, müssen die Möglichkeiten, die uns neue Denkräume bieten, jedoch für alle Menschen gültig sein können. Dazu müssen sie abstrahiert und relativiert werden. Das ist eine Aufgabe der Politik. Damit sehen wir uns der schwierigen Frage gegenüber, ob, und wenn, wie Kunst und Politik zur Gestaltung der Welt zusammenwirken können.

„Widerstand ist vorbei, sie müssen Widersprüchlichkeit erzeugen“, sagte Christoph Schlingensief im Jahr 2000 im Zuge seiner Aktion „Bitte liebt Österreich“. Er ließ zwölf Asylbewerber in einen Container mitten auf dem Wiener Marktplatz sperren. Allabendlich war es dann Aufgabe der Bürger, auszuwählen, welche zwei Kandidaten abgeschoben werden sollten. Zynisch, polemisch und vor allem widersprüchlich hat er mit dieser Aktion das Selbstverständnis der Gesellschaft zur Schaubühne gemacht. In seinen Aktionen kündigt sich ein Ende der klassischen Form von Kritik an und reift gleichzeitig der Gedanke, dass eine Veränderung der Verhältnisse dann möglich wird, wenn Menschen in die Aktion integriert werden und so die Paradoxie der eigenen Wertvorstellungen und der gesellschaftlichen Ordnung am eigenen Leib erfahren.

In Deutschland arbeitet unter anderem das Zentrum für Politische Schönheit daran, diese Tradition fortzuführen. Im Rahmen ihrer jüngsten Aktion, des „Ersten Europäischen Mauerfalls“, entführten sie 14 weiße Kreuze, die im Berliner Regierungsviertel an die Toten der innerdeutschen Mauer erinnern, und brachten sie während der Gedenkfeierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Mauerfalls an die Außengrenzen Europas; dorthin, wo, bis dahin unbemerkt oder auch stillschweigend anerkannt, neue Mauern auf europäischem Boden gebaut werden. Acht Meter hohe Stacheldrahtzäune halten Menschen davon ab, die Grenze nach Europa zu überschreiten. Die Kreuze seien „in einem Akt der Solidarität zu den zukünftigen Mauertoten“ „geflüchtet“, hieß es vonseiten des Zentrums für Politische Schönheit. Diese Flucht der national beanspruchten Erinnerungssymbole brachte unausgesprochene Grenzen ans Licht. Von Instrumentalisierung der Toten wurde gesprochen, und davon, dass die Opfer keineswegs zu vergleichen seien.

Radikal, provozierend und populistisch muten die Aktionen an; und das bewusst. Wie schon bei Schlingensief geht es hier darum, Reaktionen hervorzurufen und Affekte freizulegen. Die „unter-drückten Sehnsüchte“ der Menschen ans Licht zu bringen, nennt es das Zentrum für Politische Schönheit. Diese sind es, die das Wesen der Aktionen bestimmen und ebenfalls die Schnittstelle zur Politik markieren. In den hyperreellen Inszenierungen verschmelzen Bühne und Realität. Es ist ein Versuch, einen Raum zu schaffen, über den hinaus sich mit den Mitteln der Kunst reale Politik ereignen kann.



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