Das ist nicht alternativlos

von Ingolfur Blühdorn

Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Ausgabe II/2015)


Bei einem Titel wie „Die Entscheidung“ denkt man zunächst unwillkürlich an Unterhaltungsshows wie „Supertalent“ oder „Deutschland sucht den Superstar“. Zumindest in der Politik, das haben wir längst verinnerlicht, gibt es nicht mehr wirklich viel zu entscheiden, auch wenn uns jede Wahl erneut als schicksalhaft und weichenstellend präsentiert wird. Grundlegende Alternativen gibt es politisch längst nicht mehr, und schon gar keine, bei denen etwa zwischen dem Kapitalismus und einem wie immer gearteten Gegenstück zu entscheiden wäre. „TINA“, „There Is No Alternative“, lautet seit Margaret Thatcher und Ronald Reagan das Mantra unserer Zeit, und es wird nicht nur von den ideologischen Predigern des Neoliberalismus unermüdlich wiederholt, sondern hat sich längst auch tief ins zynische Alltagsdenken der Bürger eingegraben. Denen schwant zwar Schlimmstes hinsichtlich der ökologischen und sozialen Nicht-Nachhaltigkeit der Konsum- und Wachstumswirtschaft, aber an echte Alternativen mögen sie nicht mehr glauben.

Alternativlos sind somit die Austeritätspolitik, neue Freihandelsabkommen, die Privatisierung öffentlicher Güter, die Deregulierung der Märkte, Steuersenkungen für Unternehmen und letztlich vor allem das kapitalistische Grundprinzip „Expandiere oder stirb!“. Auch die kritischen Sozialwissenschaften tragen das Ihre zur Verfestigung des Glaubens an die Alternativlosigkeit bei; etwa wenn sie beschreiben, wie die moderne Gesellschaft schon immer untrennbar mit der Auflösung hergebrachter Sicherheiten und mit den Prinzipien der Beschleunigung, des Wettbewerbs und des Wachstums verbunden war; oder wenn sie feststellen, dass keine Protestbewegung je auch nur halbwegs plausible Alternativen zu formulieren vermochte. Naomi Klein bestreitet oder beschönigt nichts von all dem, was angesichts des absehbaren, aber offenbar alternativlosen nächsten Crashs – ein Ölbohrunfall, ein Finanzmarktkollaps oder die Klimakatas­trophe – immer mehr Menschen in blanken Zynismus und eine Art Schockstarre verfallen lässt. Und dennoch gelingt ihr das Wunder, die verhärtete Schale dieses vielleicht gar nicht einmal unbequemen Alltagszynismus zu knacken und aus der verfahrenen Situation der globalen Umwelt- und Klimapolitik doch noch so etwas wie Hoffnungsfunken zu schlagen.

Der Titel der englischen Originalausgabe lautet „This Changes Everything“. Über lange Passagen des Buches gewinnt man allerdings zunächst den Eindruck, dass doch alles beim Alten bleibt, nicht nur hinsichtlich der erdrückenden Übermacht der Konzerne, sondern auch bezüglich der Argumentationsmuster und Strategien ihrer zivilgesellschaftlichen Gegenspieler. Schon die Gegenüberstellung der unersättlich profitgierigen Industrie (hier vor allem die internationalen Ölkonzerne) auf der einen Seite und auf der anderen Mensch und Natur, die von der Industrie als auszubeutende Rohstoffe verstanden werden, weckt Erinnerungen an die Umweltliteratur der 1970er- und frühen 1980er-Jahre.

Ebenso sind der Hinweis auf die Unvereinbarkeit zwischen der Wachstumslogik und der Begrenztheit des Planeten, die Forderung nach einem grundlegenden Werte- und Kulturwandel oder Kleins Kernbotschaft, dass jede Zusammenarbeit und Komplizenschaft mit den Reichen und Mächtigen ein Irrweg und reine Selbstillusionierung sei, allesamt gute alte Bekannte. Zielführend, so die Autorin, sei allein die radikale Konfrontation des etablierten Systems durch basisdemokratische Massenbewegungen. Nach vielen Verwirrungen scheint die Diskussion nun also wieder ziemlich genau dort angekommen zu sein, wo die deutschen Grünen in ihrem Bundesprogramm von 1980 schon einmal waren, als Petra Kelly feststellte: „Das System ist bankrott!“

Diese Diagnose war damals richtig und ist es heute erst recht. Aber an der Logik der extraktiven Konsum- und Wachstumsgesellschaft hat sich trotzdem nichts Grundsätzliches verändert. Verbissen verteidigen unsere fossilen Gesellschaften ihre Politik der Nicht-Nachhaltigkeit. Gibt es also irgendeinen Grund zu der Annahme, dass sich die gesellschaftlichen Realitäten heute so verändert haben, dass die Einsicht des Bankrotts des fossilen Systems jetzt breiter anschlussfähig und politikwirksamer ist als 1972 zur Zeit der Publikation von „Die Grenzen des Wachstums“?

Diese sonderbare Déjà-vu-Erfahrung erklärt sich zum Teil daraus, dass die Umweltdiskussion – Naomi Klein ist Kanadierin – auf dem Kontinent des überwältigen Natur- und Wildnisreichtums, der indigenen Völker, der texanischen Ölbarone und der unerschütterlichen Marktgläubigkeit schon immer etwas anders strukturiert war als im kleinen fragmentierten Europa. Es musste viel geschehen, ehe das Bewusstsein von Grenzen und Endlichkeit auf dem amerikanischen Kontinent den hohen Stellenwert erreichen konnte, den die Bankrott-Diagnose der frühen Grünen voraussetzt.

Aber es gibt noch andere Erklärungen, warum radikal-ökologische Argumentationen wieder an Bedeutung und vielleicht sogar an politischer Wirksamkeit gewinnen.

Zu nennen ist da zuallererst – dies ist Kleins Ausgangspunkt – die Zuspitzung der Umweltdiskussion auf den Klimawandel und insbesondere auf das Ziel, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius über vorindustriellen Werten zu begrenzen. Hatte der Zusammenbruch der Weltklimapolitik seit dem UN-Gipfel in Kopenhagen 2009 bereits die politische Unfähigkeit offenbart, diesem Ziel entsprechende Maßnahmen zu vereinbaren, so zeigt seither der geradezu stürmische Aufbruch ins Zeitalter des Frackings, der Teersandausbeutung und der Tiefseebohrungen die vollständige Unwilligkeit, dieses Ziel überhaupt nur ernsthaft in Betracht zu ziehen. Um eine katastrophale Erderwärmung noch zu verhindern, dürfte nämlich eigentlich fast überhaupt kein fossiles CO2 mehr freigesetzt werden.

Doch die jetzt neu entstehende Infrastruktur für Fracking, Schieferöl und Teersand wird, wenn sie sich wirtschaftlich rechnen soll, moderne Gesellschaften für Jahrzehnte auf ihren fossilen Selbstzerstörungskurs festlegen und entsprechend den Ausbau der erneuerbaren Energien behindern. Für die Konzerne, das zeigt Naomi Klein mit entsetzlicher Überzeugungskraft, ist nicht nur das Zwei-Grad-Ziel vollständig bedeutungslos, sondern sie sind verbissen dabei, das globale Klima zum Kochen zu bringen. Und die Politik, die dieser Dynamik schon jetzt kaum etwas entgegenzusetzen hat, lässt sich mit neuen Freihandelsabkommen und Deregulierungsinitiativen in immer festere Ketten legen.

Tatsächlich könnte diese Konstellation auch das politische Klima sehr schnell zum Kochen bringen. Naomi Klein legt mit großer Sorgfalt auseinander, warum weder die Entwicklung neuer Supertechnologien noch die marktbasierten Instrumente der Umweltpolitik, die konfliktvermeidende Zusammenarbeit mit der Industrie, die Genialität der Geoingenieure oder die Großspenden milliardenschwerer Wohltäter den Durchbruch zur Nachhaltigkeit leisten werden. Sie alle können eine wichtige Rolle spielen, aber solange die grundlegende Logik des Wachstums, der Privatisierung und der ökonomischen Vereinnahmung der Politik unangetastet bleibt, verlängern sie nur das Paradigma der Nicht-Nachhaltigkeit. Dafür hat sich in den letzten Jahren das Verhältnis zwischen dem Ausmaß der Krise und der Leistungsfähigkeit dieser Instrumente zu ungünstig entwickelt. Daher der Schluss: Wenn überhaupt irgendetwas eine wirkliche Nachhaltigkeitswende einleiten könne, dann nur eine radikal konfrontative Bewegung „von unten“.

Eine solche Bewegung, glaubt Klein, entstehe auf internationaler Ebene derzeit gewissermaßen im Selbstlauf, weil die In­frastruktur für die neue Runde des fossilen Wahnsinns, und für die Konsum- und Wachstumsgesellschaft überhaupt, heute nicht mehr außer Sichtweite in fernen Ländern liege, sondern näher an die Menschen heranrücke als je zuvor. Die Bürger würden immer unmittelbarer von verdrängten Risiken und Nebenwirkungen eingeholt.

Neue mächtige Allianzen entstünden nun, die weder die Planer noch die Investoren erwartet hätten. Und gerade diese mangelnde Voraussicht werde den Öl-, Gas- und Kohle-Konzernen nun zum politischen Grab. Woher die sozialen Bewegungen die Kraft für den Ausstieg aus dem fossilen Wachstums- und Konsumkapitalismus und das kulturelle Kapital für den geforderten Werte- und Kulturwandel nehmen werden, lässt Klein im Dunkeln. Das einstimmige Nein zur angeblich alternativlosen Logik des Status quo, so hofft sie, könnte einstweilen ausreichend sein, um die bestehende Ordnung zumindest zu kippen.

Für den Neuanfang setzt Naomi Klein nicht zuletzt auf die Kraft der indigenen Völker, die noch eine enge Verbindung zu ihrem Land, zu ihren Vorfahren und zur Natur haben. Das ist in der aktivistischen Literatur ein durchaus verbreiteter Ansatz. Aber gerade diese Verwurzelung in Ort und Zeit schmilzt in unserer „flüchtigen Moderne“ (Zygmunt Bauman) ja rasant dahin! Insgesamt können sich soziale Bewegungen heute immer weniger stabilisieren. Doch die Schwierigkeit, eine klare Alternative zu formulieren, ja überhaupt nur zu denken, bedeutet, laut Klein, weder Garantie noch Legitimation für die bestehende Ordnung. Vielmehr ist die Fähigkeit des etablierten Systems sich zu stabilisieren bereits bis an die äußersten Grenzen angespannt. Noch mögen Zynismus und Schockstarre stabilisierend wirken, aber mit jedem Crash werden die Karten neu gemischt: Schon mit der nächsten Krise können Dinge politisch möglich werden, die einstweilen nicht einmal vorstellbar sind. Und so bleibt doch die Gewissheit, dass das fossile Wachstumsmodell allen anderslautenden Beteuerungen zum Trotz überhaupt gar nicht alternativlos sein kann, weil sein Zusammenbruch nämlich absehbar ist. So mag Kleins indigener Zukunftshoffnung die soziologische Plausibilität fehlen, aber ihre Diagnose hat Bestand: This changes everything!

Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima. Von Naomi Klein. Aus dem Englischen von Christa Prummer-Lehmair, Sonja Schuhmacher und Gabriele Gockel. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2015.



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