Korrupt, aber glücklich

von Insa Wilke

Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Ausgabe II/2015)


Sucht man im Internet nach „Nigeria“ und „News“, erscheinen derzeit meistens drei Themen: die Nachricht von Attentaten, die Verlautbarungen der Terrorgruppe Boko Haram und die Meldung, dass die Schulmädchen, die vor einem Jahr entführt wurden, von den Terroristen zur Mutterschaft oder zum Selbstmordanschlag gezwungen wurden.

Solche Nachrichten kommen in Teju Coles Debütroman „Jeder Tag gehört dem Dieb“, der bereits 2007 in dem nigerianischen Verlag Cassava Republic Press erschien, naturgemäß nicht vor. Coles Formel für die Misere des Landes, das er als Jugendlicher Richtung Amerika verließ, setzt allgemeiner und zugleich fundamentaler an. Sie lautet: „Religion, Korruption, Glück“. Angeblich gehören die Nigerianer nämlich nicht nur zu den religiösesten und korruptesten, sondern auch zu den glücklichsten Menschen der Welt. Ein Glück, das vor allem auf einer Grundannahme beruht, die auch jede Kritik und damit jede Veränderung unterbindet: „Es ist falsch, unglücklich zu sein. Und es gibt keinen Grund, sich in Details zu verlieren. Was zählt, ist die prinzipielle Idee.“

Aber was heißt „seine“, Coles, Formel für die Misere Nigerias? Es ist die seines Erzählers, denn Cole nennt sein Buch ausdrücklich „Roman“ und hat es im Ton eines Reiseberichts verfasst. Nun mag sein Erzähler, der von den USA aus nach 15-jähriger Abwesenheit zurück nach Lagos reist, eine fiktive Figur sein. Die Fragen, die ihn begleiten, führen aber zu Reflexionen, die diesem Roman zumindest eine deutlich essayistische Dimension geben: „Könnte ich die Toleranz aufbringen, die in diesem Land nötig ist? Könnte ich mit der Wut umgehen, die Nigeria in mir auslöst, und mit den vielen Konflikten, die einen ‚Humanisten‘ wie mich an einem Ort wie diesem erwarten?“ Antworten sucht der Heimkehrer in Coles Roman im Haus seiner Tante, auf dem Markt, während einer Fahrt mit einem öffentlichen Bus, in einer Buchhandlung und im Nationalmuseum. Überall begegnet er dem Bemühen um sozialen Status und einer gaunerhaften Schattenwirtschaft, die den Leuten im Land überhaupt erst das Überleben ermöglicht und sie andererseits immer weiter in eine Spirale der Demütigungen und Abhängigkeiten zieht. Er berichtet von Hausüberfällen, Lynchmorden und internationaler Cyber-Kriminalität. Kaum ein Lichtblick weit und breit: Die Lauerstellung, mit der man in Lagos zu überleben vermag, beherrscht dieser junge Mann zwar nach einigen Tagen wieder wie früher, es bleibt aber dabei: Er ist ein Fremder geworden.

Die Fotos, die „Jeder Tag gehört dem Dieb“ illustrieren, drücken exemplarisch die schwierige Position des Erzählers aus: Wie durch ein Guckloch fangen sie nebensächliche Details, verschwommene Bewegungen und unscharfe Alltagsszenen ein und belegen vor allem eins: die Außenposition des Betrachters und die mit Befremden gepaarte Sehnsucht des Exilanten. Das ist klug, denn so lässt Cole seinen Erzähler einerseits aus der Distanz unverblümt dokumentieren, was ist, zum Beispiel die Geschichtsvergessenheit und ihre Folgen. Andererseits relativiert Cole die Arroganz des Emigranten, der eben sichtlich zur Betrachtung aus einer beschränkten Perspektive verdammt ist.

Glück findet Coles Erzähler immer dann, wenn er auf Orte kreativer Impulse stößt. „Die überzeugendsten Lebenszeichen Nigerias entspringen der künstlerischen Praxis“, meint er. Das leuchtet ein, bedenkt man den Erfolg nigerianischer oder nigerianischstämmiger Autorinnen und Autoren, der sich zum Beispiel in Namen wie Taiye Selasi, Chimamanda Ngozi Adichie, Helon Habila, Wole Soyinka, Chinua Achebe oder Helen Oyeyemi manifestiert. Sie haben das, was europäischen und amerikanischen Schriftstellern fehlt: einen Stoff, die „literarische Textur“ des Lebens in Nigeria, so Coles Erzähler. Er habe „Mitgefühl mit all jenen Schriftstellern, die ihren Stoff verschlafenen amerikanischen Vorstädten abgewinnen und Scheidungsszenen schreiben müssen, in denen lethargisches Geschirrspülen eheliche Kälte symbolisiert“. Das könnte platt klingen, gäbe es zu solchen Sätzen nicht immer das aus der Anschauung und Erfahrung gewonnene Gegengewicht. „Der Kampf zwischen Kunst und chaotischer Wirklichkeit bringt keinen Sinn hervor“, resigniert Coles Erzähler schließlich zermürbt von Stromausfällen, Lärm und der Gewalt des Alltagslebens in Lagos.

Für die Eleganz und investigative Dringlichkeit dieser speziellen Prosaform zwischen Erzählen und Reflektieren wurde Teju Cole soeben in den USA mit dem hoch dotierten Windham-Campbell-Preis ausgezeichnet. Seine Interpretation des klassischen Flaneurs bringt eine Literatur hervor, die sich jenseits schlichter postkolonialer Diskurse bewegt.

Jeder Tag gehört dem Dieb. Von Teju Cole. Aus dem Englischen von Christine Richter-Nilsson. Mit Fotografien des Autors. Hanser Berlin, 2015.



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