Aufgewachsen in Israel

von Hans-Peter Kunisch

Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Ausgabe II/2015)


Sind Sie Hausbesitzer oder Hausbesetzer? Araber oder Jude? Manchmal scheint die Zugehörigkeit zur Gruppe schon die meisten Antworten zu geben. Wer hingegen bei der Gruppenzugehörigkeit zögert, findet oft die besseren Fragen: Ali Ghandtschi, Deutscher und Iraner, 1969 in Teheran geboren, kein Jude, aber als Kind von der „Seeräuber“-Augenklappe des israelischen Politikers Moshe Dajan fasziniert, hatte, wie die meisten, immer Meinungen zu Israel. Irgendwann entschied er, dass er wenig davon wusste. Als Fotograf des Berliner Literaturfestivals lernte Ghandtschi Israelis kennen, reiste 2011 erstmals nach Tel Aviv: Sieben Beamte fragten ihn am Flughafen über Stunden aus, was er in Israel wolle. Doch der Fotograf kam danach wieder und fand Zugang zu erstaunlich vielen Menschen, was man jetzt an seinem Geschichten- und Fotobuch „Mein Israel“ sieht. Er befragte sie nicht zur Politik. Sie sollten ihm ein Kindheitserlebnis mitteilen – was viele zugänglicher machte und sie anders von Politik erzählen ließ.

Der 1923 in Beckum als Helmut Ostermann geborene Friedensaktivist Uri Avnery etwa berichtet, wie er als 15-Jähriger zur militanten Untergrundorganisation „Irgun“ kam und als Bücher getarnte Pistolen durch die Nacht trug. Der Junge verachtete die jüdische Politik des Vertrauens in die Engländer, wollte den palästinensischen Aufstand von 1937 mit einem „Gegenangriff“ unterbinden. Drei Jahre lang sei er im Irgun aufgegangen, erst die Attentate auf arabische Märkte hätten ein Umdenken eingeleitet, denn  „Hunderte von Menschen sind dabei umgekommen, Männer, Frauen und Kinder“.

Die Erzählungen der älteren Befragten führen naturgemäß auch zu den bei ihrer Ankunft im chaotischen arabischen Hafen von Jaffa enttäuschten Europäern. In ihrer Enttäuschung kam zum Ausdruck, woran der Schriftsteller Abraham B. Jehoshua erinnert: „Das jüdische Volk hatte keinen Staat gewollt. Das jüdische Volk tat alles in seiner Macht Stehende, um in der Diaspora zu bleiben, doch die Diaspora wollte die Juden nicht. Man hat sie hierhergetrieben.“ Jehoshua verzichtet auf Kindheitserlebnisse, spart aber nicht mit ruppigen Bonmots: „Die Araber wollten nicht, dass die Juden hierherkamen, und das zu Recht. Warum sollten sie die Juden akzeptieren? Jedes andere Volk hätte sich ebenso verhalten. Aber sie waren nicht stark genug, uns hinauszuwerfen.“

Anfangs bleiben die Araber auch im Buch außen vor – mit Juden in einem Buch zu stehen, bringe ihnen Schwierigkeiten, hätten viele gesagt –, bis der Autor Mohammed Ali Taha beginnt: „Ich wurde 1941 geboren. Noch vor der Geburt Israels. Mir stand es nicht frei, Israel zu wählen. Israel hat mich gewählt. Israel kam zu mir. Seine Ankunft war nicht schön, sie war eine Katastrophe. Sie hat mein Haus und mein Dorf zerstört und mich zu einem Flüchtling gemacht, der unter Hunger und Armut litt.“

Ghandtschi befragt aber auch die Jüngeren, die der Gegenwart näher kommen. Etwa die christlich-palästinensische Sängerin Amal Murkus oder den 1979 geborenen palästinensisch-israelischen Musiker Tamer Nafar, der einen guten jüdischen Freund plötzlich als beklemmend empfand, weil er israelischer Soldat geworden war, und lachend erzählte, wie er einen alten Araber gedemütigt habe.

Doch man muss nicht palästinensischer Israeli sein, um mehrschichtige Bilder sehen zu können. Die orthodox aufgewachsene Dichterin Sarah Blau hat sie so gut vor Augen wie Samuel Maoz, der mit seinem ersten Film „Lebanon“ 2009 den Goldenen Löwen von Venedig gewann. Darin erzählt Maoz, wie seine Mutter – im Bikini, mit lackierten Nägeln und Sonnenbrille – ihn noch am Strand von Tel Aviv mit der Hitze von Auschwitz verfolgte. Er hatte über die starke Sonne gestöhnt.

Aber bei Maoz schwingt Verständnis mit, dass seine Mutter, die in Auschwitz Kind war, so sein musste. Anders geht es Orly Castel-Bloom, als Tochter ägyptischer Juden in Tel Aviv geboren: „Ich hatte eine Wohnung in einem sehr hübschen Viertel, in das Wohnwagen mit äthiopischen Juden gebracht werden sollten. Ein Schock! Es kam zu heftigen Protesten. Nein! Schwarze Juden in unserem Stadtteil? Niemals! Rassismus ist etwas Unglaubliches.“

Ghandtschi hat gut daran getan, sie alle zu befragen: Zionisten, Ultraorthodoxe, Palästinenser, arabische Israelis, Linke, Rechte, alle, die es in diesem schönen, notgedrungen aufgeregten Land gibt.

Mein Israel. Juden und Palästinenser erzählen. Hrsg. von Ali Ghandtschi. Aus dem Englischen von Eldad Stobezki und Mirjam Pressler. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2015.



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