„Die Samoaner haben viel Geduld miteinander“

ein Gespräch mit Ruta Sinclair

Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Ausgabe II/2015)


Frau Sinclair, wir haben gehört, auf Samoa braucht man fürs Busfahren ziemlich viel Zeit.

Vielleicht gilt das für Deutsche (lacht). Aber in Samoa haben sich die Menschen bis vor Kurzem nicht besonders um die Zeit geschert. Es gab keine schnellen Verkehrsmittel. Jeder war so langsam, wie er wollte. Noch heute kann es passieren, dass im Bus ein Passagier den Fahrer bittet, kurz beim Bäcker zu halten. Wenn der Busfahrer gute Laune hat und einen kennt, hält er an und die anderen müssen warten, bis man sein Brot gekauft hat. Machmal halten Fahrer, die von einem Ort in einen anderen unterwegs sind, auch in einem Dorf auf der Strecke, damit jemand einem der Bewohner etwas ausrichten kann. Oder der Busfahrer pendelt zwischen zwei Stationen hin und her, bis der Bus voll ist, anstatt zu der Zeit loszufahren, zu der er sollte.

Beschweren sich die Mitfahrer nicht?

Manche rufen sarkastische Bemerkungen und sagen dem Fahrer, dass er sich beeilen soll. Aber insgesamt haben die Samoaner recht viel Geduld mitei­nander. Die Busse sind oft sehr voll und zu niedrig, um darin zu stehen. Darum nehmen die Menschen sich auch gegenseitig auf den Schoß. So kann es passieren, dass plötzlich jemand Fremdes auf einem sitzt – meistens jemand Leichteres. Busfahren ist hier völlig anders als das, was ich in Übersee erlebt habe.

Was haben Sie dort erlebt?

Die Busse in Neuseeland halten sich an den Zeitplan. Wenn man da spät dran ist und auf die Haltestelle zurennt, wartet der Bus nicht auf einen. Wenn die Leute auf Samoa sehen, dass jemand versucht, den Bus zu erwischen, rufen sie dem Fahrer zu, dass er anhalten soll, und der hält dann auch. Überhaupt ignorieren die Menschen in Samoa Haltestellen in der Regel. Sie stellen sich einfach an den Straßenrand und warten, dass der Bus vorbeikommt. Sogar wenn zwei Nachbarn gleichzeitig auf ihn warten, steht der eine vor seinem Haus und der andere steigt 15 Meter weiter vor seinem Haus ein. Das Gleiche wiederholt sich bei der Rückfahrt, was Busfahren auf Samoa zu einer extrem langsamen Angelegenheit macht.

Haben Menschen aus Samoa ein anderes Zeitgefühl?

Ja, wir nennen das Samoan Time. Die Menschen in Neuseeland hetzen sich ständig. Hier gehen wir langsam. Wenn man sagt, etwas fängt um sechs an, ist es nicht ungewöhnlich, dass Leute erst um halb sieben, sieben oder noch später eintrudeln. Sogar die Fernsehnachrichten der lokalen Sender werden manchmal drei Stunden verspätet ausgestrahlt.

Gibt es noch andere Beispiele für das besondere Zeitgefühl der Samoaner?

In den Dörfern sind die Leute früher mit der Sonne aufgestanden und kurz nach Sonnenuntergang ins Bett gegangen. Das hat mit der Hitze zu tun und damit, dass es nachts nicht viel zu tun gab. Es verstieß gegen die Umgangsformen und man galt als faul, wenn man nach Tagesanbruch immer noch unter seinem Moskitonetz lag. Die Leute fragten dann die anderen Familienmitglieder: „Ist dein Papalagi immer noch nicht aufgestanden?“ „Papalagi“ bedeutet „Europäer“. Heute bleibt man auf Samoa länger wach und schläft aus, wenn man kann. Das liegt daran, dass es jetzt überall im Land Strom gibt. Und immer weniger Menschen leben in den traditionellen samoanischen Häusern, die keine Wände haben und nur aus Pfählen und einem Dach bestehen. So können die anderen nicht mehr sehen, wie lange jemand schläft.

Was hat sich noch geändert und wie wirkt es sich auf die Geschwindigkeit des Lebens auf der Insel aus?

Besonders in der Stadt bemühen sich die Leute jetzt, pünktlich zu sein. Viele arbeiten heute in den Städten, haben ein Auto und fahren wie die Verrückten, wie überall auf der Welt. Außerdem haben viele inzwischen im Ausland gelebt und mitbekommen, wie es dort funktioniert.



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