Der Wandel der Regenzeit

Luis Chaves

Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Ausgabe II/2015)


Das einzig wahre Land ist die Kindheit, sagt man. In diesem Land erlernen wir unser Zeitgefühl. Meine Kindheit ist zweigeteilt: in einen strahlenden Morgen, an dem die Sonne in einem gemächlichen Bogen über einen wolkenlosen Himmel wandert und der eigene Schatten an den Füßen wächst und wie ein treuer Hund um einen herumtollt. Der andere Teil meiner Kindheit ist ein langer verregneter Nachmittag, den man durch das Fenster betrachtet, das Gesicht klebt fast an der Scheibe, eine Atemwolke, die wächst und schrumpft. Die beiden Teile sind nicht gleich lang, der erste dauert – einen Tag mehr, einen Tag weniger – vier Monate, der andere neun.

San José, die Hauptstadt von Costa Rica hat rund 2,2 Millionen Einwohner. Das sind viele Menschen, die einen langen verregneten Nachmittag betrachten, einen Vorhang aus Wasser, der ihre Kindheit und ihren Langsamkeitssinn geprägt hat. In Äquatornähe ist das Zeitverständnis untrennbar verbunden mit den zwei Abschnitten, die das Jahr einteilen, der Trocken- und der Regenzeit. Auf der trockenen Seite des Fensters kapiere ich im Alter von sieben Jahren allmählich und ohne das Zitat selbst zu kennen, was Borges meinte, als er sagte, der Regen sei zweifellos ein Phänomen, das sich in der Vergangenheit abspielt. Das Klatschen der Tropfen auf die mit Zinkblech bedeckten Giebeldächer der meist einstöckigen Häuser in San José ist das Metronom der Regenperiode, das drei Vierteln des Jahres seinen Takt vorgibt. San José leidet dennoch an allen Ticks einer zeitgenössischen Hauptstadt: überbordende Terminkalender, Stoßzeiten, Staus, die chronische Krankheit des heutigen Kapitalismus: Stress. Wir haben also zwei Zeiten, die unter gegensätzlichem Vorzeichen stehen: eine, die die durch die Unmittelbarkeit der Kommunikation, der virtuellen Verbindungen künstlich beschleunigt wird; und eine andere, die von den beiden Jahreszeiten bestimmt wird. Wir sputen uns, Mails, Tweets und Chats unverzüglich zu beantworten, unsere Agenda ist so voll, als lebten wir nicht in der Hauptstadt eines kleinen Landes, einer Nation, die vom Radarschirm der Weltöffentlichkeit nicht erfasst ist.

Jenseits der Bildschirme und Displays läuft unsere Zeit jedoch in eine entgegengesetzte Richtung: Das ist der Verlangsamungseffekt jener Atemwolke, die sich am Fenster der Kindheit ausdehnte und zusammenzog. Um an der heutigen Welt teilzuhaben, wollen wir uns dennoch glauben machen, wir würden uns ihrem Hundertmeterlauf stellen. In Wirklichkeit wissen wir wenig darüber, in welcher Geschwindigkeit die Zeit für die anderen verläuft. Wir Costaricaner sind Experten für ihre Gegenspielerin, die Langsamkeit; und auch für ihren Cousin, den Aufschub. Wir haben sogar ein Konzept dafür erfunden: ahorita (zu Deutsch etwa „jetzt gleich“) – die Verkleinerungsform von  ahora (das „jetzt“ bedeutet, „in diesem Augenblick“, „ohne Verzug“). Der Begriff ahorita ist bei uns entstanden als eine Ableitung von dem, was auf der anderen Seite des Fensters geschieht. Wenn ein Costa Ricaner ein „ich mache es ahora“ als Antwort erhält, versteht er, egal worauf er wartet, dass er es nicht sofort, sondern mittelfristig bekommt. Wenn in die Antwort ein ahorita, ein „jetzt gleich“, eingebaut ist, dann weiß er, weil er in frühem Alter gelernt hat, den Lauf der Zeit mit dem Regenmesser zu erfassen, dass die Wahrscheinlichkeit dafür hoch ist, dass er das, worauf er wartet, nie bekommen wird. Ahoritica und ahorititica sind Diminutive in zweiter und dritter Potenz, Verkleinerungsformen, die man nicht ins Deutsche übersetzen kann. Es sind schwarze Löcher zwischen zwei Sprachen, Orte, an denen wir uns niemals verstehen. Es gibt also eine Form der Zeit, ihres Verstreichens, die von unserer Neigung, den Regen zu beobachten, geprägt ist. Eine innere Uhr verborgen in einer Nische des Unterbewusstseins, die unser Zeitverständnis bestimmt. Ob wir nun rennen oder nicht, ob wir früher oder später ankommen, macht kaum einen Unterschied. Es hat mehr mit der Wahrnehmung an sich zu tun als mit irgendetwas anderem. Dieses innere Metronom, diese Kadenz des Niederschlags, die wir lernten, als wir es regnen sahen, könnten wir zu einem Synonym der Langsamkeit machen. Es ist die Geometrie des Regens.

Aus dem Spanischen von Timo Berger



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