Die Menschen im Fokus

von Thomas Höpker

Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Ausgabe II/2015)


Meine erste Kamera bekam ich mit 16 Jahren von meinem Großvater geschenkt, ein wahres Monstrum, das noch mit Glasplatten funktionierte. Ich fotografierte gerne, mein Vater wollte aber, dass ich etwas „Richtiges“ lerne. In Göttingen und München studierte ich dann Kunstgeschichte, war viel in Museen unterwegs und fotografierte dort. Bald merkte ich, dass mich die Menschen vor den Bildern mehr interessierten als die Bilder selbst. Ich entschied, mein Hobby zum Beruf zu machen. Beigebracht habe ich mir alles mehr oder weniger selbst oder ich habe bei Kollegen abgeschaut und meine Fotos eigenhändig in der Dunkelkammer entwickelt.

1960 ging ich zur Hamburger Zeitschrift Kristall, die mich 1963 mit einem schreibenden Kollegen nach Amerika schickte. Wir flogen nach New York, mieteten ein Auto und fuhren bis zur Westküste und wieder zurück. Wir waren drei Monate unterwegs – heute wäre so etwas undenkbar, eine Traumreise und ein erster Meilenstein meiner Karriere: Wir erlebten Rassenunruhen, sahen die Probleme des Landes. Ein Jahr später wechselte ich zum Stern. Als Fotoreporter war ich viel im Ausland: Malaysia, Indonesien, Brasilien, Äthiopien. Meistens gab es einen kritischen Anlass, einen Aufstand oder Regierungswechsel. Auf einem Staatsbesuch begleitete ich den damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke 1966 nach Togo. Es war eine seltsame Reise: Lübke, zum ersten Mal in Afrika, wollte dem togolesischen Präsidenten, der als Mörder galt, nicht die Hand geben. Noch vor der Landung wurde ihm im Flugzeug ein Verband angelegt, damit er keine Hände schütteln musste.

Im gleichen Jahr sollte ich mit meiner damaligen Frau Eva Windmöller einen jungen, interessanten Boxer porträtieren, der gerade zum Islam konvertiert war. Muhammad Ali verhielt sich seltsam zurückhaltend, bis wir dahinterkamen, dass er sich aus religiösen Gründen nicht mit einer weißen Frau sehen lassen wollte. Wir schlugen ihm vor, auf ein direktes Interview zu verzichten und mehr aus dem Hintergrund zu beobachten. Das akzeptierte er. Ich fotografierte Ali allerdings nicht als Boxer, sondern als Menschen, beim Training, den Vorbereitungen, wir fuhren zusammen zu seinen Eltern nach Louisville, Kentucky. Das ist sehr schön, wenn man nicht nur den schnellen Moment hat, sondern Zeit mitbringt und einen Menschen beobachten kann.

Mitte der 1970er-Jahre lebte ich als einer der ersten akkreditierten West-Journalisten in Ostberlin. Auf der Straße durfte ich alles fotografieren, schwierig war es, eine Fabrik zu besichtigen oder einen Arbeiter zu interviewen. Anträge wurden wochenlang geprüft, der Arbeiter sorgsam ausgewählt und die Fabrik war aufgeräumt für uns. Gewissermaßen als Belohnung für die triste DDR schickte mich der Stern 1976 als Korrespondent nach New York. Die Stadt ist zu meinem Zuhause geworden – bis heute inspiriert sie mich.

Eines meiner wohl berühmtesten Bilder ist hier entstanden: Am Morgen des 11. September 2001 sah ich im Fernsehen diese unglaubliche Rauchwolke und bekam natürlich Angst, beschloss aber, mit dem Auto näher heranzufahren. Unterwegs stieg ich aus, um Fotos von der Rauchsäule zu machen. Schließlich kam ich in Brooklyn an eine Stelle, von der aus man einen guten Überblick über die Skyline hat. Ich sah vier junge Leute, die am Ufer saßen und dem Schrecken den Rücken kehrten, sich friedlich unterhielten. Ich drückte dreimal auf die Kamera und fuhr weiter, weil ich dachte, dies sei nicht das richtige Bild, viel zu idyllisch.

Erst nach Jahren fand es ein Kurator bei mir im Archiv. Auf einmal wollten es alle drucken. In den letzten Jahren fotografiere ich immer weniger, widme mich neuen Büchern und Ausstellungen. Ich bin vor allem damit beschäftigt, das aufzuarbeiten, was ich alles in meinem Archiv auf Long Island habe. Manchmal bin ich aber noch mit meiner kleinen Kamera unterwegs, unauffällig, um einfach zuzuschauen. Meine Arbeit war immer auf die Wirklichkeit beschränkt, die wahrheitsgemäße Abbildung von Situationen, die typisch sind, auch kritisch. Wir Fotografen arbeiteten nicht, um bewundert zu werden.



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