„Ein Faultier nimmt sich Zeit und geht strategisch vor“

ein Interview mit Bryson Voirin

Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Ausgabe II/2015)


Sie erforschen Faultiere. Sind die wirklich faul oder einfach nur entspannte Zeitgenossen?

Sie sind nicht so faul, wie wir immer dachten. Sie bewegen sich viel, tun das aber sehr langsam. Ihre Hauptnahrung sind Blätter, die nur wenige Nährstoffe beinhalten. Die Faultiere bekommen dadurch nicht viel Energie, verbrennen nur wenige Kalorien und haben so einen sehr langsamen Lebensstil entwickelt. Unter den Landsäugetieren sind Faultiere die langsamsten.

Gibt es neben mangelnder Energie weitere Gründe für ihre Langsamkeit?

Es ist ein selektiver Vorteil für die Tiere, langsam zu sein. Das dient auch zum Schutz vor Raubtieren. Als Faultiere noch auf dem Boden lebten, waren sie etwas schneller. Sie wurden langsamer, als sie in die Baumkronen zogen. Außerdem wurden sie immer kleiner. Meistens hängen sie kopfüber im Baum und ihre Arme sind so gebaut, dass sie das kaum Energie kostet. Langsamkeit oder Schnelligkeit hängen von der Nische ab, die ein Tier ausfüllt. Ein Jaguar muss zum Beispiel schnell sein, um Beute zu fangen.

Sie untersuchen auch das Schlafverhalten der Tiere. Wie funktioniert das?

Ich fange die Tiere ein und setze ihnen einen Mikroprozessor auf, der ihre Hirnwellen aufzeichnet. So kannich sehen, ob sie wirklich schlafen oder nur so tun.

Tun sie oft so, als würden sie schlafen?

Auf Englisch sagt man dazu „playing possum“. Wenn ein Opossum angegriffen wird, stellt es sich schlafend. Die beste Verteidigung für ein Faultier gegen natürliche Feinde ist es, nicht gesehen zu werden. Sie tun so, als seien sie ein Ast, ein Nest oder ein Busch. Wenn sie entdeckt werden, können sie nichts tun, also versuchen sie, nicht gesehen zu werden. Dann sitzen sie herum und bewegen sich nicht.

Der Schlaf hat aber auch eine regenerative Funktion wie beim Menschen, oder?

Ja. Wir glaubten immer, dass Faultiere 24 Stunden am Tag schlafen. Aber sie schlafen genauso lange wie Menschen auch, um die neuneinhalb Stunden. Wobei Faultiere im Zoo auch gerne länger schlafen, vielleicht aus Langeweile.

Sie haben in ganz Lateinamerika Faultiere erforscht. Haben Sie auf Ihren Reisen auch bei Menschen langsame und schnelle Kulturen kennengelernt?

Auf jeden Fall. Nehmen Sie Panama. Das Leben in Panama City ähnelt dem Leben in Miami oder New York, es ist sehr schnell und viel in Bewegung. Wenn man dann dreißig Kilometer in den Regenwald hi­nausfährt, ist es so, als reise man in die Vergangenheit. Die Menschen dort haben keinen Strom, sind aber nachdenklicher und aufmerksamer als in den Städten. Sie sitzen viel zusammen und reden miteinander, nehmen sich viel Zeit für Mahlzeiten wie das Mittagessen. Ich finde das cool. In New York rennt man herum und versucht mit dem Kaffee in der Hand ein Taxi zu bekommen.

Welche Qualität hat Langsamkeit für Sie?

Ich glaube, wenn man langsamer ist, ist man vielleicht auch entspannter und glücklicher.

Was können wir von Faultieren lernen?

Wir sollten langsamer werden. Langsamkeit muss nicht immer eine schlechte Sache sein. Das Beste an einem Faultier ist, dass es bei drohender Gefahr nicht schnell reagiert. Es nimmt sich Zeit und geht strategisch vor. Wenn es zum Beispiel einen Notfall gibt, sollte man nicht wie verrückt durch die Gegend rennen. Ein Faultier ist methodisch und denkt nach. Das kann im Notfall auch gut für Menschen sein.

Welche Geheimnisse bergen die Tiere noch?

Sie sind sehr lustig drauf. Außerdem sind sie sehr wählerisch, was ihre Nahrung angeht, sie essen nur spezielle Blätter. Mal fressen sie ein oder zwei Stück von einem Baum und das nächste von einem anderen. Entweder suchen sie sich die Blätter nach dem guten Geschmack aus oder vielleicht haben manche auch medizinische Qualitäten, sodass die Tiere gesund bleiben. Wenn man ihnen also genau folgt und sich anschaut, welche Blätter sie fressen, könnte man vielleicht Neues entdecken. 

Das Gespräch führte Fabian Ebeling



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