Elends-Bingo

von Stefan Mesch

High. Ein Heft über Eliten (Ausgabe I/2015)


Reiche weiße Männer sind „schon überall gewesen in Afrika“. Erzählen aber können diese Tropenhelm-und-Khaki-Touristen trotzdem „immer nur von Tieren und Parks“, weiß Darling. Mit zehn lebte sie als hilfloses, vergessenes Mädchen im Wellblechhüttenviertel Paradise. Soldaten zerstörten ihre Siedlung, ihr Vater türmte als Tagelöhner nach Südafrika – und Darling strandete in der Hütte von Mother of Bones, einer gläubigen Alten.

Endlose Gottesdienste. Kaum Mahlzeiten. Kein Geld für Schuhe: Darlings Schulzeit ist vorbei, denn ihre Lehrer sind geflohen. Mit Freunden wie Godknows, Sbho und Bastard streunt sie durch Gärten des Villenviertels Budapest und isst oft tagelang nur die Guaven, die zwischen Zierpflanzen und Pools am Baum verrotten. In guten Monaten kommt der NGO-Laster. Dann knipsen naive Helfer Fotos, bringen alte T-Shirts mit Aufschriften wie „Google“, „Cornell University“ oder „What would Jesus do?“ und reichen Plastikspielgewehre an die hysterischen Kinder – gesammelt und gespendet von den USA. „Ich heirate einen Mann aus Budapest“, seufzt Sbho. „Der holt mich raus aus Paradise, raus aus den Hütten und Heavenway und Fambeki und dem allen.“ – „Budapest ist kein Kaka-Klo, wo jeder reinlaufen kann“, lacht Bastard. „Hier wohnst du nie.“

Autorin Elizabeth Zandile Tshele wurde 1981 in Simbabwe geboren. Mit 18 lässt sie Bulawayo, die zweitgrößte Stadt der Republik, hinter sich, reist für ein Jurastudium zu ihrer Tante in die USA, macht einen Master in Creative Writing an der Cornell University und veröffentlicht mit 31 ihr autobiografisch gefärbtes Romandebüt unter Pseudonym: „NoViolet“ verweist auf ihre Mutter Violet, verstorben, als Tshele 18 Monate alt war.

Als Leser war ich zuletzt im postkolonialen Rhodesien von Alexandra Fuller: In „Don’t let’s Go to the Dogs Tonight“ (2001) erzählt die weiße Britin von der Farm ihrer Eltern, den Guerillakriegen der 70er Jahre und der Machtergreifung Robert Mugabes; alles aus der mitreißenden, aber furchtbar engen Perspektive eines verängstigten Mädchens. NoViolet Bulawayos „Wir brauchen neue Namen“ spielt 2008 bis 2012 – doch wieder ist der Blick ganz eng, die Welt nur blutig-buntes Chaos. Wieder stolpern Kinderfüße durch Dreck und Krise.

Über keinen Kontinent, keine kulturellen Räume habe ich mehr zu lernen als über Afrika. Doch nichts, das diese Romane von Simbabwe zeigen, führt über meine simpelste Afrika-Vorstellung hinaus: Darlings elfjährige Freundin Chipo ist schwanger, missbraucht vom eigenen Großvater. Darlings Vater kommt als gebrochener Mann nach Hause in die Wellblechhütte – und stirbt an AIDS. Alle spielen die erwarteten Rollen.

Wenige Tage nach den Präsidentschaftswahlen 2008 bedrohen Mugabes Milizen jeden, der gegen sie stimmt. Plausible Szenen – doch im Roman nur angerissen und von Darling selbst kaum verstanden. Typische Schreckfiguren. Keine literarischen Zwischentöne, Nuancen. Die Themen rasen durch, als wolle Bulawayo Elends-Bingo spielen, eine Checkliste zum Schauern und Gruseln. Für Schulklassen? Für Buchclubs? Für alle westlichen Leserinnen und Leser, gerade informiert genug, um sich selbst auf die Schulter zu klopfen, wenn ignorante US-Figuren im Roman glauben, ganz Afrika sei ein einziges Land?

Die zweite Hälfte des Buchs ist deutlich trüber: Mit elf darf Darling dank Besuchervisum zu ihrer Tante in die USA, nach „Destryoedmichygen“ – und bleibt als illegal alien. Niemand dort leidet Hunger. Doch ach … der kalte Wind, der grelle Schnee! US-Frauen mit grundlosem Dauerlächeln. Diätwahn, Homeshopping, Victoria’s Secret! Bulawayo bemüht einen Kulturvergleich. Doch findet sie auch hier fast nur verbrauchte, fadenscheinige Bilder.

In „Americanah“ (2013) erzählt Chimamanda Ngozi Adichie von selbstbewussten, politisch wachen Afrikanern, die zwischen London, Nigeria und den USA zur eigenen Stimme finden. Jhumpa Lahiris „The Namesake“ (2004) zeigt in unendlich feinen Nuancen, welche großen und kleinen Preise Migranten zahlen, die „Amerikaner werden“. Carson McCullers „The Member of the Wedding“ (1946) macht ein paar Tage im Leben eines haarsträubend präpubertären Mädchens zum literarischen Ereignis. „Wir brauchen neue Namen“ bleibt Schmalspur-, Spar- und Schnupperbuch.
In journalistischen Texten glänzt Elizabeth/NoViolet als mutigere, markante Beobachterin ihrer selbst: Ihr Essay „Going Home“, erschienen 2013 im britischen Telegraph, gehört zum Dringlichsten und Besten über postkoloniale Familien, das ich kenne.

Statt Kitsch über eine flau erfundene Elfjährige im Slum 2008 lese ich unendlich lieber von einer 31-Jährgen, die nach 13 Jahren in Texas, Ithaca und Stanford zum ersten Mal wieder im Garten ihres Vaters steht, unter seinem Guavenbaum: Autorinwerden, Frauwerden, Elitestudentin werden, ganz allein. Aus der Distanz von Heimat erzählen. Und vorher: 12, 15, 18 Jahre alt sein im Simbabwe der 1990er-Jahre. Bulawayo hat eigene Geschichten! Wozu simples Darling spielen wollen? Fürs Tropenhelm-und-Khaki-Publikum?

Wir brauchen neue Namen. Von NoViolet Bulawayo. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. Suhrkamp, Berlin, 2014.



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