Wie es uns gefällt

von Sergey Lebedew

High. Ein Heft über Eliten (Ausgabe I/2015)


In der sowjetischen Amtssprache kam das Wort „Elite“ praktisch nicht vor: Es widersprach dem Grundsatz der Gleichheit. Zulässig waren Begriffskombina­tionen wie „elitäre Samensorte“ oder, im Zusammenhang mit Nutzvieh, „elitäres Zuchttier“. Gleichzeitig wurde die Sowjetunion in der Zeit nach Stalin von verschiedenen Eliten gelenkt: denen der Partei, des Militärs, der Industrie und der Wissenschaft. Sie bildeten die Klasse der „Apparatschiks“, der machtbefugten Bürokraten, und standen zueinander in einem verschärften Konkurrenzkampf um die Mittel der Machtausübung.

Zu propagandistischen Zwecken wurde eine Pseudoelite geschaffen – „unsere Besten“ aus allen Lebensbereichen, die ein Beispiel zur Nachahmung abgaben. Eine Sonderstellung nahm der Auslandsgeheimdienst KGB ein: als Aufseher über die Eliten, strafendes Schwert der Partei, kontrolliert von der Partei. Es gab auch eine Schattenelite, sogenannte „ehrliche Diebe“ – sie waren in der Sowjetunion kriminelle Respektspersonen. Man kann sagen, dass sie einen eigenen illegalen, auf den Kopf gestellten Staat mit einem „obschak“, einer gemeinsamen Diebeskasse, und eine schauerliche Parodie auf den Sozialismus geschaffen hatten.

Die Gesellschaft stand unter der totalen Kontrolle des Staates. Sie brachte für die Macht ungefährliche Menschen ohne Biss hervor. Verbrecher waren paradoxerweise die Einzigen, die zu unabhängiger Eigenorganisation, Kooperation, Risikobereitschaft und einem eigentümlichen Unternehmergeist am Rande der Gesetzlichkeit fähig waren.

Das Jahr 1991 markiert den Riss zwischen den Epochen. Alle Sowjetmenschen, auch die Eliten, hatten ihre Identität, ihre Biografie eingebüßt. Die Gesamtheit der Erfahrungen des vergangenen sowjetischen Lebens wurde entwertet, auf Null gesetzt. Oft wurde daraus sogar ein negativer Wert, etwas, was einen nur daran hinderte, ein neues Leben zu schaffen und sich darin einzurichten. Ein sehr interessanter Moment: Formal schien sich alles erneuert zu haben – das Land, die Epoche – doch die Menschen waren noch die alten. Ein „gesichtsloser“ Moment. Später bekam die Zeit dann natürlich doch ein Gesicht. Eines, das niemand erwartet hatte.

Drei Gruppierungen verfügten über ausreichend Routine und Potenzial, um in dieser sozialen Revolution zu siegen und die Stelle der früheren Eliten einzunehmen: die organisierte Kriminalität, die Komsomol-Bosse – der Nachwuchs der Kommunistischen Partei – und die in Veteranenvereinigungen zusammengeschlossenen Soldaten des Afghanistankrieges und der Sondereinheiten. Sie ließen sich oft schwer voneinander abgrenzen, und alle drei Gruppen waren letztlich erfolgreich. Am erfolgreichsten war die organisierte Kriminalität. Sowohl aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke als auch deshalb, weil es in der UdSSR eine sogenannte „Ganovenkultur“ gegeben hatte, die die offizielle Kultur ablehnte und die „Werte“ der Gaunerwelt propagierte, deren Einfluss fast jeder ausgesetzt war.

Der Begriff „Neue Russen“ ging bereits um 1993 in die russische Sprache ein. Ein „Neuer Russe“ ist ein Krimineller oder ein Geschäftsmann mit krimineller Vergangenheit. Er ist ungebildet und dumm. Er pfeift auf das Gesetz. Er ist vulgär. Himbeerfarbenes Jackett, Mobiltelefon, Goldkettchen um den Hals, ein Mercedes, eine Pistole am Gürtel. Der Held der neuen Zeit. Die neue Elite.

Zu jener Zeit konnte man diese Protagonisten vieler Witze auf der Straße antreffen. Auf jeder Stufe der sozialen Hierarchie gab es eigene „neue Russen“ – vom Inhaber einer Bank bis zum Inhaber eines Verkaufsstands –, die sich als leicht erkennbarer sozialer Typus glichen, der auf Gewalt setzte, die eigene sowjetische Vergangenheit leugnete und meinte, dass seine Zeit gekommen sei und das Land sich in ein kriminelles „Glücksrad“ verwandelt habe.

Eigentlich vollzog sich damals eine antielitäre soziale Revolution. Im „Neuen Russen“ konzentrierte sich alles, was in der UdSSR verurteilt und verleugnet worden war. Das stand durchaus in der Tradition eines großartigen, trunkenen und blutigen Karnevals – Oben und Unten wurden vertauscht. In der UdSSR hatte sich die Elite in den gebildeten Uneigennützigen gezeigt. Jetzt schlug das Pendel in die andere Richtung. Für die Menschen der älteren Generation, die mit den sowjetischen Traditionen groß geworden waren, kam diese Zeit dem Erscheinen des Anti­christs gleich. Wenn man das utopische sowjetische Projekt mit dem Paradies gleichsetzte, so war im Lande nun die Hölle ausgebrochen, Satans Reich.

Bemerkenswerterweise war Anfang der 1990er- Jahre auf der Bühne des sozialen und politischen Lebens kein einziger Vertreter des ehemaligen KGB zu sehen. Sie hatten sich gleichsam in Luft aufgelöst. Doch der Tschetschenienkrieg und die Terroranschläge in russischen Städten – etwas für sowjetische Maßstäbe Unerhörtes und Unvorstellbares – riefen ein allgemeines Bedürfnis nach Sicherheit hervor. Danach, dass der Staat seine grundlegende Funktion erfüllt. So setzte am Ende der 1990er-Jahre die Wiedergeburt des Staates ein – mit der Wiederherstellung seines repressiven Mechanismus. Die „Neuen Russen“ verließen langsam die historische Bühne, es traten neue auf, genauer, es waren die bereits vergessenen alten handelnden Personen.

Die ehemals Namen- und Gesichtslosen hatten jetzt eine Bezeichnung: „Silowiki“. Auch hatten sie ihre Führungsperson: Wladimir Putin, Leiter des Inlandsgeheimdienstes FSB. Nicht zufällig scherzte dieser nach seiner Wahl zum Präsidenten 2000 bei einem Treffen mit Veteranen des KGB: „Die Gruppe von Mitarbeitern des FSB, die Sie für eine Tätigkeit unter Schutz der Regierung ausgesandt haben, wird ihren Aufgaben gerecht.“ Anstelle der kriminellen „Neuen Russen“ waren jene zur neuen Elite geworden, die sie vermeintlich gebändigt hatten: Vertreter der „Silowiki“: Staatsanwälte, Mitarbeiter der Nachrichtendienste und des Inlandsgeheimdienst FSB.

Die „Silowiki“ kamen sehr langsam an die Macht. Waren die „Neuen Russen“ durch historische Kräfte auf ihre Spitzenreiterwellen gespült worden, handelten die „Silowiki“ eher als politische Verschwörer.Im Land gab es weder eine Ideologie noch politische Ideen. Das Wort „Demokratie“ wurde zu Beginn der Nullerjahre geradezu zum Schimpfwort. Das politische Feld war bereinigt worden: 2003 hatten die Oppositionsparteien die Parlamentswahlen verloren.

Die „Silowiki“ unterstanden keinerlei Kontrolle seitens der Gesellschaft mehr. Es zeigte sich, dass das Potenzial an Druck und Gewalt, über das die Rechtsschutzorgane verfügten, ein universelles Kapital darstellen. Sie sind der einzige reale Besitz in einem Land, in dem diese Organe nur ihrer eigenen Kontrolle unterstehen: Mit ihrer Hilfe kann man allen alles wegnehmen. Bürgerliche Rechte und Eigentumsrechte sind relativ; „Ansehen“, ein Amt im System der machtausübenden Organe, ist real.

Ein Buch, das den „Silowiki“ gewidmet ist, heißt „Der neue Adel“. Der Titel ist keine Übertreibung. Innerhalb von elf Jahren übernahmen die „Silowiki“ die Macht und wurden durch finanzielle und manchmal verwandtschaftliche Verbindungen zur geschlossenen Kaste. Sie haben die Macht über Leben und Tod anderer Menschen: In der Regel leugnen sie jegliche Verantwortung für einen Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang, den sie verschuldet haben.

Die wichtigsten „Silowiki“ wurden wie Putin noch im sowjetischen System gestählt. Sie waren die Wachtmeister des Kalten Kriegs, sie kämpften gegen Dissidenten. Sie zeigen sich als professionelle Paranoiker und sind gleichzeitig ungeheuerlich verdorben durch Ergebenheit, Korruption und Straflosigkeit. Sie waren Niemande, Diener der Partei – und wurden zu Hauptpersonen. Sie durchliefen eine Negativauslese – auf jeden Fall in moralischer Hinsicht. Sie überschwemmten verschiedene Sphären – meist als graue Eminenzen. Da sie nur bestimmte Dinge gelernt hatten, bauten sie den Staat wie einen Geheimdienst auf. Das ist die Anti-Elite.

Das, was sich heute zwischen Russland und der Ukraine abspielt, ist die Apotheose der Politik der „Silowiki“. Innerhalb des Landes gibt es für sie keine Grenzen mehr, keine Rechte, die sie nicht verletzen könnten. Früher oder später musste das über die russischen Grenzen schwappen.

Als er die Ergebnisse der sowjetischen Herrschaft kommentierte, sagte ein russischer Historiker: „Die sowjetische Macht zerstörte die Möglichkeiten einer Zukunft, sie nahm sich Anleihen bei der Zukunft.“

Ungefähr dasselbe lässt sich über die „Silowiki“ sagen. Der neuen Generation, die unter ihrer Herrschaft heranwuchs, ist das politische Leben völlig fremd. Für diese Jugend sind Wahlen von vornherein eine Jahrmarktsbude und Parteien Marionetten. Sie hat den Wunsch zu protestieren, aber ihr fehlen Perspektiven und Vorstellungen, was bei diesen Protesten herauskommen soll. Und offensichtlich wird die Schule des Lebens für die erste echte russische Elite grausam sein. Denn die jetzigen Regierenden führen Russland geradewegs in eine Katastrophe. Gut, wenn es nur eine wirtschaftliche ist.

Aus dem Russischen von Franziska Zwerg



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