Hier lauscht die Oberschicht

von Shamus Khan

High. Ein Heft über Eliten (Ausgabe I/2015)


Die New Yorker Philharmonie ist seit ihrer Gründung 1840 eine der führenden kulturellen Institutionen in New York. Sie war wegweisend für den Aufbau ähnlicher Einrichtungen wie 1870 das Metropolitan Museum of Art und 1880 die Metropolitan Opera. Zusammen mit der Archivarin Barbara Haws untersuche ich die Abonnenten der New Yorker Philharmonie von den Anfängen bis heute. Wir analysieren, wer diese Leute waren, wo sie im Konzertsaal saßen und wo sie lebten. Aus diesen Informationen versuchen wir Schlüsse über die Elite beziehungsweise die Eliten der Zeit zu ziehen.

Die Phase von den 1870er-Jahren bis 1910 ist dabei besonders interessant, da sich in dieser Zeit die Oberschicht als soziale Klasse formiert und konsolidiert hat. Diese Phase fällt mit der Herausbildung kultureller Hierarchien zusammen. Mitte des 19. Jahrhunderts konnte man in der Philharmonie noch einen Mix aus klassischer Musik mit Varieté-Einlagen oder dem Auftritt eines Tanzbären hören und sehen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich ein Begriff von Hochkultur herausgebildet und Elemente der Massenkultur waren aus dem Konzertsaal verschwunden.

Kultur spielt eine Schlüsselrolle für den Konsolidierungsprozess der New Yorker Oberklasse, die sich in dieser Zeit in Abgrenzung zu anderen Schichten definierte. Wie wir beobachten konnten, setzt ab den 1870er-Jahren ein Prozess der Ausgrenzung ein: Zum einen werden die billigen Stehplatztickets abgeschafft, sodass nur noch ein Publikum mit entsprechenden finanziellen Mitteln die Philharmonie besuchen kann. Zum anderen wird das Zuhören diszipliniert, das heißt, man muss bei Konzerten nun andächtig zuhören. Die Elite setzt sich so also durch eine eigene Kultur vom gemeinen Volk ab.

Räumlich gesehen formiert sich diese Oberschicht nun, indem man jetzt enger beieinander sitzt und lebt. Man wohnt in der Upper East Side und sitzt im Konzertsaal nun nicht mehr in den oberen Rängen, sondern in der Loge. Zu dieser Gruppe zählen Industrielle, Finanziers, Kaufleute – das ökonomische Kapital. Im Unterschied zu ihnen kristallisiert sich eine neue Gruppe heraus, die aus Professoren, Lehrern und Künstlern besteht und das kulturelle Kapital darstellt. Sie sind in der Upper West Side und in Harlem zu Hause und belegen nun die oberen Ränge, die die Industriellen frei gemacht haben. Viele Mitglieder dieser Gruppe sind aus Deutschland und Osteuropa in die USA eingewandert. Mit dem steigenden Wert von Kultur fällt auch ihnen als Bewerter kultureller Aktivitäten und als wesentliche Akteure in den neu entstehenden kulturellen Institutionen immer mehr Bedeutung zu.

Diese beiden Gruppen – das ökonomische Kapital und das kulturelle Kapital – gehen sich weitgehend aus dem Weg. Geografisch liegt ja der Central Park zwischen ihren Wohngegenden, und auch in der Oper sitzen sie auf unterschiedlichen Ebenen. Zugleich braucht jedoch die Gruppe der Industriellen die neuen Kulturspezialisten, um sich in ihrem Geschmack bestätigt zu sehen und um sich kollektiv von ihnen abzugrenzen.

Von 1870 bis etwa 1910 sind rund zwanzig Prozent der Abonnenten der New Yorker Philharmonie auch im damaligen „Who’s who“, dem Lexikon der wichtigsten Personen, verzeichnet. Das ändert sich jedoch um 1910, als eine neue Elite auf den Plan tritt, sodass man jetzt von „Eliten“ im Plural sprechen muss. Die Newcomer sind die Vanderbilts, Rockefellers und Carnegies – Unternehmer also, die sich in New York niederlassen und nicht alteingesessen sind, sondern aufgrund ihres Reichtums in Konkurrenz zur „alten Elite“ treten.

Um 1950 tritt ein gegenläufiger Prozess ein. Zu dieser Zeit ändert sich nämlich der Charakter eines Abonnements. Bis dahin buchte man blind ein Abonnement der Philharmonie, ohne zu wissen, was man zu hören bekam. Man bekannte sich in erster Linie zur Institution Philharmonie und definierte sich kollektiv als Unterstützer. Dies änderte sich jedoch, als die Philharmonie ihr Programm vorab bekanntgab, sodass sich die Abonnenten nun gezielt aussuchen konnten, welche Konzertreihe sie hören wollten. Das heißt, sie definierten sich nun über ihren Musikgeschmack. Dieser Trend setzt sich bis heute fort, und zwar so stark, dass auch die Abonnentenzahlen sehr zurückgegangen sind. Man könnte das auch als ein „de-classing“ der Eliten beschreiben, denn diese betrachten sich jetzt nicht mehr als Klasse oder Schicht, sondern als anspruchsvolle Individuen.

Protokolliert von Claudia Kotte



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