Yachten, Pools und Doktortitel

von Jean-Pascal Daloz

High. Ein Heft über Eliten (Ausgabe I/2015)


Ist es beeindruckender einen Ring an jedem Finger zu haben oder mit nur einem äußerst kostbaren Edelstein zur protzen? Imponiert eher eine Schar Diener wie häufig in Indien und in afrikanischen Ländern oder ein einzelner, hoch qualifizierter Butler? Man kann die oberen Schichten daraufhin betrachten, welche Symbole ihren elitären Status ausdrücken: Wo ein Mensch besonderen Wert auf die Qualität hochmoderner Gegenstände legt, vertraut ein anderer auf Antiquitäten. Eliten werden oft im Hinblick auf Zugangswege, die Netzwerke an der Spitze der Gesellschaft oder darauf, wie sie sich reproduzieren, untersucht. Wie aber distanzieren sich Eliten auch sichtbar vom Rest der Gesellschaft?

Sie unterscheiden sich durch Äußerlichkeiten, wie extravagante Wohnverhältnisse, Schmuck, edle Speisen und durch die Inszenierung ihrer Umgebung. Doch Eliten zeichnen sich auch durch verinnerlichte Angewohnheiten aus: feine Manieren, gesteigertes Selbstbewusstsein, Eloquenz, umfangreiches Wissen und erlesener Geschmack.

Man könnte vermuten, dass sich angesichts der Globalisierung auch elitäre Unterscheidungsmerkmale angleichen. Mittlerweile sind bekannte Marken weltweit verfügbar und besonders Luxusgüter verbreiten sich rasant über Ländergrenzen hinweg. Reisen ins Ausland, Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, Filme oder das Internet schaffen eine größere Vertrautheit mit anderen Ländern. Damit fördert die Globalisierung eine Vermischung kultureller Normen und Symbole. Meine Untersuchungen zeigen allerdings, dass sich die Distinktion der Eliten von anderen Teilen der Gesellschaft nur im kulturellen Kontext betrachten lässt.

Ob sich Eliten protzig wie in Russland oder diskret wie in der Schweiz inszenieren, hängt also von ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld ab. Dass Neureiche sich an avantgardistischen Trends orientieren und eine traditionelle Elite antike Güter und althergebrachte Manieren bevorzugt, ist noch nicht bewiesen. Während die einen alle Bäume um ihr neues Haus fällen, damit es gut sichtbar ist, verstecken sich die anderen lieber tief in einem Park. Elitäre Kreise, die den symbolischen Wettbewerb genießen, richten sich inmitten Ebenbürtiger ein.In Hochburgen der Reichen wie Monaco und Singapur wetteifern sie um die längste Yacht, den größten Pool und die teuerste Kunstsammlung. Andere streben eher danach, eine einsame Insel zu besitzen. Eliten unterscheiden sich auch darin, dass einige eine große Sichtbarkeit provozieren, während andere ihr Dasein wie ein Mysterium verschleiern.

Gerade die Vielfalt der Merkmale macht es jedoch schwierig, allgemeingültige Kennzeichen der Eliten festzustellen. Das Ideal dieser Gruppe ist nicht notwendigerweise, in allen möglichen Bereichen herauszustechen – selbst wenn sie genau das manchmal tun.

Bei meinen Nachforschungen haben mich die sogenannten Big Men in Nigeria fasziniert. Das ist die lokale Bezeichnung für Männer und mitunter auch Frauen, bei denen sich Kapital und Macht konzentrieren. Sie stellen bei jeder Gelegenheit ihren Status zur Schau. Typischerweise verfügen sie über mehrere Wohnsitze, ein Heer von Fahrzeugen und ein ganzes Sortiment traditioneller und westlicher Kleidungsstücke. In der Öffentlichkeit zeigen sich die Männer gerne mit vielen Mätressen, sind mit mehreren Frauen verheiratet und besuchen Prestigeclubs. Einige Big Men erkaufen sich durch Schenkungen an Universitäten die Ehrendoktorwürde und schreiben anschließend den Doktortitel auf ihre Visitenkarte.

Oft lässt sich beobachten, dass sich Eliten durch einen feinen, aber besonders wichtigen Aspekt von anderen unterscheiden. So ist in Norwegen, wo die Elite traditionell diskreter ist als anderswo, die Inneneinrichtung eines Hauses entscheidend: Es kommt nicht selten vor, dass man jemanden stolz in sein Bade- oder Schlafzimmer führt.

Aus dem Französischen von Eva Philine Kemmer



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