Pionierin am Ball

von Monika Staab

High. Ein Heft über Eliten (Ausgabe I/2015)


Eigentlich sollte ich ein Junge werden. Meine Eltern betrieben eine Bäckerei im hessischen Dietzenbach und bei zwei Töchtern musste ein Sohn her, um das Geschäft zu übernehmen. Vielleicht ließen sie mich deshalb meistens an der langen Leine. Irgendwann hielten sie mich nicht mehr davon ab, auf der Straße mit den Jungs Fußball zu spielen. Als ich klein war, durften Mädchen noch nicht im Verein spielen. 1970 hob der DFB das Verbot auf und ich trat mit elf Jahren dem SG Rosenhöhe Offenbach bei. Weil es so wenige Frauen gab, spielte ich unter lauter Erwachsenen. Ich wurde akzeptiert, weil ich gut kicken konnte.

Wir Kinder mussten viel helfen, beim Brötchenbacken oder im Verkauf. Nach dem Abschluss meiner Hotelfachlehre sollte ich einen Bäcker heiraten und das Geschäft meiner Eltern weiterführen. Aber ich konnte mir ein so vorherbestimmtes Leben nicht vorstellen. Mit 18 packte ich meine Koffer und ging nach London. Ich wollte etwas von der Welt sehen. Als ich an der Victoria Station ankam, lief ich gleich zum nächsten Hotel, um nach Arbeit zu fragen.

Außer „thank you“ und „hello“ konnte ich nicht viel Englisch, aber am Ende haben sie mich eingestellt. Im Victoria Hotel war ich Putzfrau, danach heuerte ich im Holiday Inn an, wo ich mich zur Restaurantleiterin hocharbeitete. Nebenher kickte ich bei den Queens Park Rangers. Die Zeit in England war ein tolles Erlebnis, weil ich dort unglaublichen Respekt, Freundlichkeit und Leichtigkeit im Leben erfahren durfte. Die gemütliche Afternoon-Tea-Time prägt mich bis heute. Jedes Mal, wenn ich eine Tasse Tee trinke, denke ich an die schöne Zeit von damals.

Drei Jahre später fragte mich eine Bekannte, ob ich mit ihr nach Israel kommen und in einem Kibbuz, einer Art ländlichem Kollektiv, leben wolle. Ich dachte sofort: Das interessiert mich, das mach ich. Der Kibbuz hieß En Kamel und lag südlich von Haifa. Dort habe ich gelernt, dass man auch mit wenig auskommen kann. Nach vier Monaten dort verbrachte ich ein knappes Jahr in Paris. Ich arbeitete in der Gastronomie und wohnte in einem Hinterhof der Champs-Élysées. Natürlich spielte ich auch hier Fußball, bei Paris St. Germain.

Zurück in Deutschland wurde ich 1984 erst Spielerin, dann Trainerin des SG Praunheim. Später übernahm ich den Vorsitz des 1. FFC Frankfurt, ein reiner Frauenverein, der noch heute sehr erfolgreich ist. Ich hatte ihn gemeinsam mit meinen Kolleginnen gegründet, weil wir es nicht in Ordnung fanden, dass der SG Praunheim unsere Preisgelder einkassierte. Schließlich hatten wir uns das Geld selbst auf dem Feld verdient. Wir mussten alle nebenher arbeiten, denn vom Frauenfußball konnte man ja nicht leben. 1995 hatte ich den Betrieb meiner Eltern in ein Café mit Hotel umgewandelt. Zehn Jahre danach wurde mir noch rechtzeitig klar: Ich kann nicht weiterhin zwei Jobs machen, sonst gehe ich zugrunde. Ich verkaufte mein Geschäft.

2006 rief die Fifa an und fragte, ob ich in Bahrain eine Frauenfußballmannschaft aufbauen wolle. Ein halbes Jahr verbrachte ich in der Hauptstadt Manama und gründete eine Frauenmannschaft, die ich in ihr erstes Länderspiel auf den Malediven führte. Das haben die Mädchen gleich 7:0 gewonnen. Inzwischen habe ich 68 Länder bereist, um den Frauenfußball als Beraterin voranzubringen. In Deutschland hatte ich selbst als Fußballspielerin mit Diskriminierungen und Vorurteilen zu kämpfen und konnte mich so gut in die Frauen in der muslimischen Welt hineinversetzen.

In Pakistan mussten viele Mädchen heimlich zum Training gehen, weil ihre Familien sie sonst verstoßen hätten. In Palästina konnten die Spielerinnen manchmal gar nicht kommen, weil sie an Checkpoints aufgehalten wurden. In Kambodscha habe ich mit Opfern von Menschenhandel gearbeitet. All das hat mich zum Nachdenken gebracht, über die Freiheit, die wir hier genießen und die andere nicht haben.

Protokolliert von Stephanie Kirchner



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