Wolfskinder

von Ayhan Kaya

High. Ein Heft über Eliten (Ausgabe I/2015)

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Der Wolf hat in der Türkei nicht nur eine politische Bedeutung, sondern spielt auch in einer Reihe von Abstammungslegenden eine Rolle. Foto: jackf/123RF Stockfoto


Der Wolf Börteçine und die Wölfin Asena spielen Hauptrollen in einer von mehreren Abstammungslegenden der Türken. Nach einer Niederlage gegen die Chinesen landeten alttürkische Stämme um 3.000 vor Chris­tus in einem Tal des Altaigebirges. Vierhundert Jahre waren sie angeblich dort eingesperrt, bis ein Schmied einige Felsen schmolz, die den Ausgang des Tals verschlossen. Der sogenannte Ergenekon-Mythos erzählt, wie schließlich die beiden Wölfe das befreite Volk aus dem Tal in der heutigen Mongolei in die Ebenen von Ergenekon führten.

Der Name dieser imaginären Landschaft und der Wolf haben heute eine politische und nationalistische Bedeutung. Die Regierungspartei AKP von Recep Erdoğan beschuldigte 2008 Militärangehörige sowie Journalisten, Akademiker und Geschäftsleute, einen „Staat im Staat“ namens Ergenekon gepflegt und ein Komplott gegen die Regierung geplant zu haben.  Im Film „Tal der Wölfe – Gladio“ von 2006 geht es um diese Verschwöung und darum wie der fiktive Geheimdienst KGT darin verwickelt ist. Mitglieder der rechtsextremen Parteien MHP („Partei der Nationalistischen Bewegung“) und BBP („Große Einheitspartei“) begrüßen sich mit dem Wolfsgruß. Sie strecken Zeigefinger und kleine Finger aus, Mittel-, Ringfinger und Daumen berühren sich und formen eine Figur, die dem Kopf eines Wolfes ähnelt.



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