Der lange Arm der Saudis

von Shamil Shams

High. Ein Heft über Eliten (Ausgabe I/2015)


„Khuda Hafiz“ („Möge Gott dich beschützen“)! Diesen Abschiedsgruß, der in der Landessprache Urdu üblich ist, hört man heute in Pakistan immer seltener. Stattdessen sagen viele Menschen „Allah Hafiz“ („Möge Allah dich beschützen“), die arabische Grußformel, die in Saudi-Arabien gebraucht wird. Diese Entwicklung deckt sich mit der anhaltenden „Arabisierung“ der pakistanischen Gesellschaft. Deren Ursprung ist das wahhabitische Saudi-Arabien, das seinen wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss seit den 1980er-Jahren verstärkt nach Pakistan ausdehnt – in ein Land, in dem rund siebzig Prozent der sunnitischen Muslime Barelwis sind.

Sie praktizieren einen volkstümlichen Islam, verehren Mystiker indischen Ursprungs und besuchen regelmäßig deren Schreine. Die Wahhabiten dagegen, die eine relativ kleine Gruppe innerhalb der Sunniten bilden, glauben an einen „puritanischen Islam“ und betrachten Pilgerreisen zu Schreinen als Verstoß gegen die Lehren Mohammeds, des Propheten des Islam.

Anders als früher hört man in Pakistan immer weniger Stimmen, die gegen Riad und seine kompromisslose wahhabitische Staatsideologie Stellung beziehen. In der saudischen Stadt Mekka befindet sich die Kaaba, das zentrale Heiligtum des Islam, und das allein reicht, um Saudi-Arabien für Millionen Pakistaner zum heiligen Land zu machen. Wer Saudi-Arabien kritisiert, kritisiert ihrer Meinung nach zugleich den Islam.

Nach Aussage des pakistanischen Historikers Mubarak Ali ist der wahhabitische Einfluss auf den indischen Subkontinent so alt wie der Wahhabismus selbst: „Wahhabitische Prediger kamen ab den 1880er-Jahren in das britische Indien und regten viele indische Muslime an, sich gegen die Herrschaft der Briten zur Wehr zu setzen.“
Während des Kriegs der Sowjetunion gegen Afghanistan in den 1980er-Jahren vertieften sich die Beziehungen zwischen Riad und Islamabad, als beide Nationen die Mudschaheddin in Afghanistan rückhaltlos unterstützten.

Die saudische Rückendeckung Pakistans beschränkte sich jedoch nicht nur auf die Unterstützung militanter wahhabitischer Organisationen, Riad nutzte seine Petro-Dollars auch, um Islamschulen, Moscheen, Verlage islamischer Literatur und Kulturzentren in ganz Pakistan zu finanzieren. Ziel war es, der pakistanischen Bevölkerung die saudisch geprägte Ausrichtung des Islam nahezubringen, woran auch der Abzug der sowjetischen Truppen nichts änderte.

Heute spiegelt sich Riads Einfluss beispielsweise in pakistanischen Schulbüchern, Lehrplänen und Fernsehshows wider. Besonders in den urbanen Gegenden findet der wahhabitische Islam immer mehr Anhänger. In den Dörfern und Kleinstädten wiederum sind die Traditionen der Barelwis noch stärker verwurzelt.

Im Laufe der Jahre ist der Wahhabismus so in den Sprachgebrauch und Alltag vieler Pakistanis eingesickert. In dem Bemühen, die Saudis nachzuahmen, wird heute oft anstelle des im Urdu üblichen Wortes „Ramzan“ für den islamischen Fastenmonat „Ramadan“, die arabische Bezeichnung, verwendet. Straßen- und Gebäudenamen, die nach lokalen muslimischen Heiligen benannt waren, wurden abgeändert, um arabischer zu klingen.

Neugeborene erhalten heute eher arabische als persische oder Hindinamen. Und während sich Frauen in Pakistan in der Vergangenheit meist mit einem Tschador oder einer Dupatta verhüllten, greifen heute immer mehr von ihnen zur Abaya, dem mantelartigen Gewand, das in Saudi-Arabien vorgeschrieben ist. Vor allem haben die Menschen bewusst ihre Lebensweise von allen indischen Einflüssen „gesäubert“, was sich insbesondere in Hochzeiten im arabischen Stil und anderen kulturellen Veranstaltungen widerspiegelt.

Wie im Irak und in Afghanistan war die Liebe zu Heiligen bei vielen Menschen in Pakistan tief verwurzelt. Heute werden immer öfter Heiligenschreine von Islamisten angegriffen, und viele Pakistanis befürworten das. Der mystische Islam, sagen liberale Pakistanis, biete eine Gegenerzählung zum extremistischen Islam und sei die wahrscheinlich größte Bedrohung für die Wahhabiten. Aber es scheint, dass es in Pakistan nicht mehr viele Menschen gibt, die dieser Erzählung folgen.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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