Burma – ein Zerrbild

von Thomas Hummitzsch

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Im Herbst 2007 wurde der friedliche Aufstand der burmesischen Mönche vor den Augen der Weltöffentlichkeit von der regierenden Militärjunta niedergeschossen. Dies hatte zur Folge, dass zumindest wieder über das Land der goldenen Stupas (der Denkmäler, die Symbole des Buddha und des Buddhismus sind) gesprochen wurde, bis die ordnungsgemäße Ruhe mit Waffengewalt wiederhergestellt war. Danach verschwand Burma erneut aus den westlichen Medien, bis im Mai 2008 der verheerende Zyklon „Nargis“ das südostasiatische Land traf. Mehrere Zehntausend Menschen starben, Hunderttausende verloren ihr Obdach und Millionen waren von Krankheiten bedroht. Und wieder sprang die Maschinerie der Katastrophenberichterstattung an und sendete live aus Burma. Sie sendete Bilder davon, wie die regierenden Militärs internationale Hilfsorganisationen daran hinderten, die Not leidenden Burmesen mit Trinkwasser und Medikamenten zu versorgen. Dieser rücksichtslose Umgang mit den existenziellen Nöten der Zivilbevölkerung hatte einmal mehr gezeigt, dass eine egoistische und menschenverachtende Militärjunta das Land nach Belieben kontrolliert.

Es ist wie verwünscht, aber scheinbar sind erst derartige Ereignisse notwendig, um die Welt auf Burma aufmerksam zu machen. Doch ebenso schnell, wie diese Katastrophenbilder auftauchen, gerät das Schicksal der Burmesen wieder in Vergessenheit. Ein aktueller Bildband will dies nicht hinnehmen. „Burma – Myanmar. Im Herzen eines unbekannten Landes“ lautet der Titel des Bandes, der es sich auf die Fahne schreibt, „den Menschen den Vorrang vor der Politik“ zu geben. Dies zur Kenntnis nehmend möchte man schon applaudieren, doch bereits nach wenigen Seiten ergreift den Leser und Betrachter tiefe Ernüchterung. Denn statt die Menschen vor die Politik treten zu lassen, löst der Band die Burmesen aus ihrer historischen und politischen Prägung heraus und tut so, als seien die herrschenden Umstände nicht ausschlaggebend für das Leben in einer Diktatur.

Auf knapp 200 Seiten geht die deutsche Kunstexpertin Gabriele Fahr-Becker auf die verschiedenen gesellschaftlichen Dimensionen ein, auf die man eingehen kann, wenn man nicht von Politik sprechen will. Von der Arbeitswelt über Religion und Lebensphilosophie bis hin zu Handwerk, Künsten und Kultur versucht sie den besonderen burmesischen „way of life“ zu ergründen. Dieser sei von einer „erstaunlichen Lebensfreude“ geprägt, bemerkt Fahr-Becker, ohne sich dabei zu fragen, wie sehr diese vermeintliche Freude die notwendige gute Miene zum bösen Spiel der Junta sein könnte. Die Fotografien von Achim Bunz, der unter anderem für das GEO-Magazin und Merian arbeitet, schwanken zwischen hochklassig und besserer Reisefotografie und tragen so zur Mittelmäßigkeit dieser Publikation bei. Derart entsteht eine Art historisch-kulturelle Länderkunde, die vergisst, nach dem Hier und Jetzt zu fragen.

Dies wird dann deutlich, wenn Phrasen wie „Mit gesundem Menschenverstand und Überlebensinstinkt ausgestattet, sind [die Burmesen] ein belastbares und pragmatisches Volk“ den Versuch darstellen, die burmesische Lebensweise zu erklären. Doch derlei Pauschalaussagen erhellen das Land in keiner Weise. Schlimmer noch, sie lenken von den wirklichen Verhältnissen ab oder verfälschen diese. So greift der Band in den historischen Ausflügen zu kurz und lenkt von der bitteren Gegenwart ab. Die Umbrüche des 20. Jahrhunderts werden nicht einmal erwähnt (ebenso wenig der Name der seit nunmehr fast 20 Jahren unter Hausarrest stehenden Aung San Suu Kyi).

Richtiggehend kritisch wird das fotografisch untermalte Zerrbild, wenn die Autoren dem Land die Abwesenheit von Kriminalität zu attestieren versuchen. Dabei ist es weithin bekannt, dass die „Goldenes Dreieck“ genannte Grenzregion zwischen Burma, Laos und Thailand eine der Haupttransitzonen für Waren des globalen Schmugglermarktes ist. Drogen, Waffen und Prostituierte werden durch diese Region geschleust. Burma ist ein Zentrum der weltweiten illegalen Wirtschaft, doch davon wollen die Autoren scheinbar nichts wissen. So erliegen sie dem Irrtum, einer zerrütteten Gesellschaft einen Gefallen damit zu tun, wenn sie die derzeitigen Lebensumstände romantisieren. Der Bildband erweist den Burmesen einen Bärendienst, indem er die extremen politischen Umstände des Alltags in Burma unterschlägt und ein Abbild erstellt, welches von der Realität weit entfernt ist.

„Burma – Myanmar“ ist wie ein oberflächlicher Reiseführer, der recht willkürlich Bemerkenswertes bemerkt, ohne den Reiselustigen mit Empörendem abzuschrecken. Doch wer für sich selbst den Anspruch erhebt, die in einer Diktatur lebenden Menschen vor die Politik zu stellen, muss gerade dies tun. Die apolitische Darstellung der burmesischen Lebensverhältnisse von Fahr-Becker und Bunz spielt die alltägliche Repression zu einem bedauernswerten gesellschaftlichen Übel herunter. So ist dieser Band lediglich eine weichgespülte Länderkundeversion und verfehlt sein Ziel.

Gabriele Fahr-Becker. Burma – Myanmar. Im Herzen eines unbekannten Landes. Mit 155 Farbfotografien von Achim Bunz und einem Vorwort von Ma Thanegi. Knesebeck-Verlag, München, 2008.



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