On the road again

von Carmen Eller

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Frau oder Hund: Mit wem reist man besser? John Steinbeck wählte den Vierbeiner. Am 23. September 1960 stieg der amerikanische Schriftsteller in seinen Pick-up „Rosinante“ und fuhr in elf Wochen nahezu 10.000 Meilen durch die USA. Auf dem Nebensitz: Charly, ein Rüde französischer Herkunft mit mangelhaftem „Pudel-Englisch“. Über die Tour von Hund und Herrchen schrieb Steinbeck den Bestseller „Die Reise mit Charly. Auf der Suche nach Amerika“. Das Buch motivierte den niederländischen Schriftsteller und Essay-isten Geert Mak, auf Steinbecks Spuren die USA zu durchqueren – ohne Pudel, aber mit Ehefrau. Das Ergebnis ist das sechshundertseitige Buch „Amerika! Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Mak will wissen: Was hat sich in einem hal­ben Jahrhundert dort verändert?

In einem Jeep Liberty bricht der Autor auf und sucht Antworten zwischen New York und Kalifornien. Seine „geheime Liebe“ zu den USA bekennt der 1946 geborene Mak gleich zu Beginn: „Für uns Kinder in der Provinz war Amerika ein Traumland.“ Er erinnert sich an amerikanisches Kaugummi mit Filmstar-Bildchen, ein kostenloses Donald-Duck-Heft im Briefkasten oder die Tütensuppe mit dem verheißungsvollen Namen „California“.  In „Amerika!“ erweist sich der preisgekrönte Publizist als Kenner der USA und kluger Kommentator. Wie nebenbei erklärt er den Lesern das Land. Im Schnelldurchlauf rekapituliert er die Geschichte der Vereinigten Staaten, erzählt von einer Mentalität der Rastlosigkeit oder analysiert Politik und Persönlichkeit amerikanischer Präsidenten. Lyndon B. Johnson zitiert er mit den Worten, er habe „mehr Frauen zufällig gehabt als Kennedy mit Absicht“.

Dazu vergleicht Mak Steinbecks Werk mit der Wirklichkeit. In der „murder capital“ New Orleans besucht er die Grundschule, in die 1960 Ruby Bridges als erstes schwarzes Mädchen gegen heftigen Widerstand von Weißen ging, eskortiert „von ein paar riesigen US-Marshalls“. Als Mak mehr als fünf Jahrzehnte später vor der Tür der Schule steht, sieht er die Markierung „0 Tote“. Sie stammt von Such­trupps, die nach dem verheerenden Hurrikan Katrina kamen.

Steinbeck sei „nicht immer ein angenehmer Reisebegleiter“ gewesen, resümiert Mak. „Er war oft launisch, unruhig und unzuverlässig und außerdem fantasierte er zu viel.“ Der Niederländer bleibt sachlich. Im Gegensatz zu Steinbeck jagt und zecht er nicht mit den Einheimischen und beklagt sich auch nie über Schulterschmerzen. Und während Pudel Charly in Steinbecks Prosa als eigener Charakter erscheint, der sein schüchternes Herrchen in Gespräche verwickelt, existiert Maks mitreisende Ehefrau fast nur zwischen den Zeilen. Überhaupt kommen die Menschen zu kurz. Gerade weil der Autor fantastisch über Glanz und Elend Amerikas erzählt, läse man gerne noch mehr über Begegnungen vor Ort. Wie etwa mit der 73-jährigen Jimmye Taylor. 1956 war sie „das schönste Mädchen des Jahres“, heute produziert sie ganz allein die Zeitung Paducah Post.

Auch in seinen Reisealltag gewährt Mak leider nur kleine, kostbare Einblicke. In einer Tankstelle in Texas frühstückt das Ehepaar „dünnen Kaffee und weiche, in Zellophan verpackte Muffins – haltbar bis etwa 2020“. Und im Hunter Lodge Hotel hängen auf den Zimmern skurrile Verbotsschilder wie „Do Not Clean Guns On The Towels“ („Gewehre nicht mit Handtüchern putzen“) oder „Do Not Clean Game In The Rooms“ („Im Zimmer kein Wild ausnehmen“).

Trotz seiner Liebe zu den USA äußert der Autor auch heftige Kritik. „Amerika ist eine ignorante Weltmacht“, heißt es einmal. „Der durchschnittliche Amerikaner ist in seinem Herzen immer noch ein Isolationist“, meint Mak. „Er hat wenig Interesse daran, sich um die übrige Welt zu kümmern, weil er mit seinem eigenen Land voll und ganz beschäftigt ist.“ Auch Absolventen von Eliteuniversitäten wie Harvard und Yale entschieden sich selten für eine Karriere außerhalb der USA.

Geht es Amerika heute besser als 1960? Die Lektüre legt nahe: eher nicht. Mit Mak tauchen wir ein in ein Land, das sich seit Ende 1941 fast ständig im Kriegszustand befindet und in dem noch immer drei Viertel der schwarzen Kinder „eine typische ‚schwarze Schule‘“ besuchen. Er analysiert eine Nation, „die es schafft, mit fünf Prozent der Weltbevölkerung ein Viertel aller Energie zu verschlingen“. Und verblüfft immer wieder mit frappierenden Statistiken: „Seit 1980 sind in Kalifornien 21 Gefängnisse gebaut worden, dagegen nur ein College.“

Am Ende entlarvt Mak sogar den Mythos der Geschichte, die sein Buch inspirierte: der Schriftsteller, der allein mit Pudel Charly reist. In Wirklichkeit waren John Steinbeck und seine dritte Frau Elaine „während mehr als der Hälfte der zweieinhalbmonatigen Reise zusammen“.

Maks Buch funktioniert wunderbar ohne Pudel. Nur manchmal fehlt eine Prise Abenteuer.

Amerika! Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Von Geert Mak. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke und Gregor Seferens. Siedler, München, 2013.



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