Getriebene Narzissten

von Volker Kaminski

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Tonia mag keine Vernissagen. Sie ist zwar eine Expertin auf dem Feld zeitgenössischer Performance-Kunst. Vernissagentrubel und die gespreizten Diskurse auf Ausstellungseröffnungen rauben ihr aber die Fassung; sie erstarrt mit dem Weinglas in der Hand, wagt kaum, „nach rechts oder links zu sehen … als müsste (sie) einem Messerwerfer assistieren“, und wünscht sich nach zu viel Vernissage-Champagner „einfach ein paar Häppchen“. Das Leben ist keine leichte Sache für Tonia. Die tägliche Organisation der Arbeit, die Ablenkung durch das E-Mail-Schreiben, das Aufschieben von Treffen mit Freunden und Familienangehörigen zermürben sie und gefährden die Struktur ihrer Tage. Also beschließt sie, sich abzuschotten und das Haus nur noch ausnahmsweise zu verlassen. Ihr einziger Fixpunkt jenseits des notorisch überfüllten Schreibtischs ist Cecilio, ihr rätselhafter „Laufpartner“, von dem sie nicht mehr loskommt, seit sie zweimal mit ihm auf der Straße zusammengestoßen ist.

Cecilio, von der gleichen inneren Rastlosigkeit getrieben wie Tonia, durchquert mit ihr auf stundenlangen Märschen die Straßen von Buenos Aires. Für beide, Cecilio wie Tonia, sind diese Gänge Ausdruck einer Obsession und Praxis einer bestimmten Lebensweise, ja sie folgen geradezu einer geheimen Ästhetik. Es gibt kein Ankommen, kein Ziel, die pure Bewegung lässt sie aufatmen und stillt für ein paar Stunden ihr inneres Getriebensein, während sich um sie herum „der Menschenstrom … wie Lava durch die Straßen“ schiebt. Vor allem aber sind diese „Wanderungen“ intellektuelle Aktionen und es stellt sich im Roman heraus, dass ihr eigentlicher Antrieb die Kunst ist. Cecilio, ein Bruder Tonias im Geiste, doch ohne Arbeit und Beruf, wird während ihrer Märsche von Tonia mit Kunstwissen gespeist, das er gierig aufsaugt, bis er beschließt seinem Leben einen neuen Sinn zu verleihen. Er beginnt berühmte Werke aus der jüngsten Kunstgeschichte in abgewandelter Form zu kopieren und orientiert sich dabei vor allem an Francis Alys, einem belgischen Objektkünstler, der in Mexiko lebt, dessen spektakuläre Kunstaktionen er neu aufführt. Frei nach Borges’ Theo­rem, wonach die getreue Kopie eines Kunstwerks dennoch etwas Neues darstellt, wird Cecilio zu einer Art Straßenkünstler auf den quirligen Geschäftsalleen von Buenos Aires.

Gekonnt spielt Cristoff auf der intellektuellen Klaviatur eines Borges, lässt die Ebenen zwischen Realität und absurder Künstlichkeit nebeneinanderher bestehen. Ihr Erzählstil erinnert zuweilen an das ausufernde Zerreden in Samuel Becketts Romanen. Komische Elemente wechseln mit essayartigen Abschnitten, in denen zahlreiche Vertreter der modernen Kunst beschrieben und bewertet werden. Als echte Vertreterin der Postmoderne sind die von Cristoff zitierten Künstler und ihre Werke nicht erfunden, sondern real. Die Aufführungen jener „B-Versionen“ durch Cecilio bilden das Gerüst des Romans, dessen einzelne Kapitel stets die gleiche Überschrift „Bildnis des Instantkünstlers“ tragen. So gelingt es Cristoff einerseits, die in sich kreisende Bewegung postmodernen Denkens zu parodieren, und andererseits, den ehrgeizigen Installationen Cecilios, die manchmal ins Groteske reichen, einen ironischen Impetus zu verleihen. Das Buch ist weniger eine Parodie auf den modernen Kunstbetrieb, vielmehr entwirft die Autorin das Doppelporträt zweier Narzissten. Es bleibt offen, ob Cristoff ihnen eher mit Wohlwollen oder Kritik begegnet – ist doch die Erzählperspektive komplex, sodass eine Romanfigur stets über die andere spricht und eine Distanz zu den Personen bleibt.

Alle Menschen, die Cristoffs Roman bevölkern, scheinen Wesensverwandte, sie brauchen einander, erkundigen sich nach dem Befinden des anderen, und doch kommen sie einander nicht näher. Es scheint, als ob die Autorin im modernen Kunstbetrieb einen Mangel an Wärme und Miteinander verspüren würde. Der Sinn von Cecilios Nachahmungsaktionen bleibt zwar verborgen, doch die Frage nach dem Warum erübrigt sich in einem Zusammenhang, in dem die Ausübung von Kunst geradezu zum Mittel des Überlebens wird. Der Roman entwickelt stellenweise eine skurrile Komik, ohne den Grundton der Melancholie aufzugeben. Wieder ist dem Berenberg Verlag ein kleiner Coup gelungen (in der feinen Übersetzung von Peter Kultzen), ein intellektuelles Grenz-Vergnügen, das beim Leser einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

Unter Einfluss. Von María Sonia Cristoff. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Berenberg Verlag, Berlin, 2013.



Ähnliche Artikel

Endlich! (Thema: Alter)

Im Klappstuhl auf dem Bürgersteig

von Mauro Libertella

Über die alten Menschen in Buenos Aires

mehr


Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Kulturort)

Der Salon Canning in Buenos Aires

von Edgardo Cozarinsky

„Vielleicht eignet sich keine Musik so gut für Träumereien wie der Tango. Er nimmt vom ganzen Körper Besitz wie ein Betäubungsmittel. Zu seinem Takt kann man das Denken einstellen und die Seele treiben lassen“, hat Ezequiel Martínez Estrada den südamerikanischen Tanz einmal beschrieben

mehr


Erde, wie geht's? (Weltreport)

Aus zweiter Hand

von Rery Maldonado

Durch den illegalen Import europäischer Markenkleidung  wird die Textilbranche in Bolivien immer weiter geschwächt

mehr


Das neue Italien (Bücher)

Die unheimlichen Unterdrücker

von Karen Naundorf

Der berühmte argentinische Comic „Eternauta“ ist nun endlich auf Deutsch erschienen
 

mehr


Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Thema: Dorf)

„Für unsere Leser ist das Land ein mythischer Ort“

ein Gespräch mit Fabián Casas

Neue argentinische Landlust: Ein Magazin aus Buenos Aires stellt Sojaproduzenten und Pferdeflüsterer vor. Ein Gespräch mit dem Chefredakteur

mehr