Ist das noch Kunst?

von Claus Leggewie

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Kulturpessimismus ist eine individuelle Geisteshaltung in der Regel älterer Herren, die mit dem Zeitgeist hadern und allerorts Verflachung und Dekadenz wittern. Das ist wohl der Lauf der Dinge, aber Kulturpessimismus ist auch eine kollektive Mentalität von Gesellschaften, die nicht mehr weiterwissen. Der Historiker Fritz Stern hat schon 1953 in seiner bahnbrechenden Studie „Kulturpessimismus als politische Gefahr“ die politische Dimension und Gefahr solcher Dekadenztheoreme beschrieben, der Germanist Georg Bollenbeck hat 2007 analysiert, wie vor allem die Soziologie als Krisenwissenschaft Gewinne und Verluste der Moderne bilanziert hat. Das Genre der Kulturkritik erfreut sich gleichwohl in immer neuen Zyklen ungebrochener Beliebtheit bei Autoren und Publikum. Kulturpessimismus ist nämlich der Kommunikationsmodus eines Einverständnis heischenden Ressentiments gegen Neues.

Mario Vargas Llosa muss sich seit Jahren schwer geärgert haben, wenn er Ausstellungen, Buchhandlungen, Theater, Lesungen und andere Veranstaltungen besucht hat, die unter dem unbestimmten Signum „Kultur“ firmieren. Dort hat er häufig Obzönes, Triviales, Blödsinniges und Plapperhaftes angetroffen, über das er sich dann in Kolumnen der angesehenen Madrider Tageszeitung El País beschwert hat. „Vielleicht“, folgert er, „ist diese Kultur auch schon verschwunden, unauffällig ausgehöhlt und im Kern ersetzt durch eine andere, die mit der ursprünglichen nicht mehr viel gemein hat.“ Wer des Spanischen nicht mächtig ist, kann Vargas Llosas Kritiken jetzt in einem Band nachlesen, dessen Titel bereits alles sagt: „Alles Boulevard. Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst“. Die Zerstreuung der postmodernen Kultur bewirkt die Zerstreutheit ihrer Rezipienten. Der aus Peru stammende Literaturnobelpreisträger von 2010 hat in seinem Buch Indizien dafür in so gut wie allen Abteilungen des Kulturlebens gefunden: im Unernst religiöser Praktiken, im angeblich verödeten Sexualleben, im hektischen Gebrauch digitaler Medien, in der selbstbezüglichen Dekonstruktionswut der Geisteswissenschaften, in der Skandalisierungswut medialisierter Politik, im banal-provokanten Kunstbetrieb. Freimütig gibt sich Vargas Llosa als Kulturpessimist zu erkennen – diese Welt will er nicht mehr verstehen.

Anstoß für seinen über zweihundertseitigen Essay war die rhetorische Frage, „inwieweit sich das, was man noch unter Kultur verstand, als meine Generation in die Schule oder auf die Universität ging, gewandelt hat und durch welches Sammelsurium sie verdrängt wurde“, durch welche „Verfälschung, die mit dem Einverständnis aller stattgefunden zu haben scheint“.

Die Beispiele, die der empörte Autor herauspickt, bisweilen verkniffen, bisweilen humorvoll, sind zum Teil wirklich hanebüchen (etwa Masturbationskurse für Jungen und Mädchen ab 14 in der autonomen Gemeinschaft Extremadura in Spanien zur Verhinderung von frühen Schwangerschaften) und man möchte an die eine oder andere Stelle ein „Genau!“ mit Ausrufezeichen setzen. Dann kommt ein Satz, in dem Vargas Llosa die Sexualität von heute pauschal auf eine Stufe mit Pornografie hebt, und man fragt sich zum einen, woher er das so genau weiß, und zum anderen, welche Kriterien er zugrunde legt. Im Lauf des Buches stellt man dann weniger amüsiert fest, dass das für so gut wie alle Thesen gilt, die er ohne Beleg und Ordnung ausbreitet. Der Meister spricht nur für sich und von sich.

Wer findet so etwas gut? Der Suhrkamp Verlag, ein ausgewiesener Publikationsort von vielem, was Vargas Llosa anprangert, preist das Werk so an: „‚Alles Boulevard‘ ist ein so unbequemes wie notwendiges Buch, das ganz zur rechten Zeit kommt.“ Im Spiegel lobte das selbst ernannte Enfant terrible der hiesigen Kulturkritik, Matt­hias Matussek, überschwänglich Vargas Llosas Streitschrift: „Selten ist eine so entschlossene Philippika gegen den aktuellen Lärmbetrieb gehalten worden.“ So etwas nennt man wohl eher eine Suada, einen Erguss schlechter Laune, der (wie Vargas Llosa an einigen Stellen selbst als Gefahr einräumt) alles über einen Kamm schert und an der gegenwärtigen Kultur kein gutes Haar lässt. Wie banal das alles sei, wie viel besser früher doch alles war ... Der Beifall für solche Abrechnungen ist einem sicher, zumal dann, wenn sie mit der Autorität eines Nobelpreisträgers vorgetragen werden.

Die Boulevardisierung der populären Kultur, an sich ein durchaus bedenkenswertes Thema, wird damit selbst zum Boulevard, jenem Spektakel, das sich aufs Hörensagen, aufs populäre Vorurteil, auf das Ressentiment gegen Avantgarde und Abweichung stützt. Vargas Llosa beruft sich in der Einleitung auf den radikal elitären T.S. Eliot der 1940er-Jahre und den nicht minder aversiven George Steiner der 1970er, ohne noch Bemerkenswertes an Analyse und Therapie hinzuzufügen. Vargas Llosas Gegenaufklärung mangelt es an jeder Dialektik, ihr fehlt jeder Widerhaken, auch mangelt es beträchtlich an Selbstironie. Die digitalen Medien – nur Schund? Die sexuelle Befreiung – nur Porno? Der Kunstbetrieb – nur zweitklassig? So kann man das Buch nur jenen empfehlen, die auf die Kultur von heute ebenso schlecht zu sprechen sind wie der Autor; Lesern, die sich an den durchaus beklagenswerten Erscheinungen reiben – wie der messbar wachsenden Unlust und Unfähigkeit, ein Buch (zu Ende) zu lesen. Die Gegengifte des Autors – Wertebewusstsein, Kanonisierung, Autonomie – sind ebenso wahr wie trivial.

Leider ist der Essay also Teil eben jener Oberflächlichkeit, die er mit dem Groll des Dichterfürsten zu bekämpfen meint. Nicht jede Gelegenheitsproduktion eines Schriftstellers muss der Nachwelt übergeben werden. Die meisten auf Spanien bezogenen Referenzen sagen deutschen Lesern übrigens nicht viel, und wo Vargas Llosa sich einem französischen Phänomen zuwendet (wie dem Kopftuchstreit) oder einem deutschen (dem Kruzifix-Urteil), sind sie von anderen weit kompetenter und differenzierter behandelt worden. Zeitdiagnose sieht anders aus. Sie missachtet nicht so eklatant das Recht der jüngeren Generationen, die Welt anders zu sehen, sie deklariert nicht so einseitig die eigene Welt zur besten aller Möglichkeiten. Und sie ist sich darüber im Klaren, wohin Kulturpessimismus politisch stets driften kann – nach rechts. Vargas Llosa ist diesen Schritt (noch?) nicht gegangen, er behauptet sich als aufrechter und säkularer Liberaler.

Alles Boulevard. Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst. Von Mario Vargas Llosa. Suhrkamp, Berlin, 2013. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot.



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