Blüte und Verfall

von Ian Morris

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Vor ein paar Jahren fuhr ich mit dem Zug von Frankfurt nach Leipzig. Kurz vor Eisenach passierten wir die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. Es gab nicht viel zu sehen: Vor und hinter uns lagen die gleiche sanfte Landschaft, grauer Himmel und ruhige Dörfer. Hätte ich diese Reise dreißig Jahre früher unternommen, wäre das anders gewesen. Auf der einen Seite der Grenze lag das boomende, geschäftige Westdeutschland, wo der Durchschnittsverdienst bei 28.000 DM lag. Auf der anderen Seite war das im Zerfall begriffene, angeschlagene Ostdeutschland, wo die Einkommen kaum halb so viel betrugen. Auf beiden Seiten hatten die Menschen dieselbe Sprache, aßen dieselben Gerichte und mussten sich mit demselben Wetter herumschlagen. Woher rührte also das riesige Wohlstandsgefälle? Und weshalb ist es eine Generation später fast verschwunden? Ebensolche Fragen möchten Daron Acemoğlu und James Robinson mit ihrem großartigen Buch „Warum Nationen scheitern“ beantworten. Der Grund, weshalb einige Länder wohlhabend und andere arm sind, ist laut den Autoren sehr einfach. Es hat fast nichts mit der geografischen Lage, der Kultur oder dem ökonomischen Fachwissen zu tun. Entscheidend sind die Institutionen: die Regeln und Organisationen, die unser Leben bestimmen.

Acemoğlu und Robinson schreiben, dass „politische Institutionen festlegen, welche Wirtschaftsinstitutionen ein Land aufweist“, und weil die meisten Länder in den meisten Zeiten ihrer Geschichte erbärmliche politische Insti­tutionen hatten, haben die meisten Länder in den meisten Zeiten ihrer Geschichte auch erbärmliche wirtschaftliche Institutionen. Die schlimmste Sorte davon sind die „extraktiven“ Institutionen. Dabei werden der Mehrheit der Bevölkerung Dinge weggenommen und diese an privilegierte Eliten verteilt. Das Geheimnis von guten Institutionen ist, dass sie „inklusiv“ sind und dadurch für faire Bedingungen sorgen, sodass Talent, harte Arbeit und gute Ideen gedeihen können und es allen besser geht.

Für die von uns, die das Glück haben, in Westeuropa oder Nordamerika zu leben, kann es schockierend sein zu erfahren, wie extraktiv die Institutionen eines Landes sein können. Acemoğlu und Robinson zeigen uns eine wahre Schurkengalerie verabscheuenswürdiger Despoten: vom ehemaligen argentinischen Präsidenten Carlos Menem, der von jedem Bankkonto in Argentinien drei Viertel des Geldes gestohlen hat, zu Simbabwes Herrscher Robert Mugabe, der zu allem Überfluss auch noch darauf besteht, die staatliche Lotterie in Simbabwe gewonnen zu haben. Für Acemoğlu und Robinson liegt der schlimmste Umstand vielleicht darin, dass diese Monster „es nicht irrtümlich oder aus Ignoranz falsch, sondern mit Bedacht“ machen. Auf den ersten Blick scheint das ein Widerspruch zu sein. Denn, so fragen die Autoren, „ist es nicht im Sinne jedes Bürgers, jedes Politikers und sogar jedes räuberischen Diktators (...) so viel Wachstum wie möglich herbeizuführen, um ihre Gewinne zu erhöhen?“

„Zum Unglück”, fahren die Autoren fort, „lautet die Antwort nein. Wirtschaftsinstitutionen, die Anreize für wirtschaftlichen Fortschritt schaffen, können die Einnahmen und die Macht gleichzeitig so umverteilen, dass ein räuberischer Diktator und andere politische Machthaber schlechter abschneiden würden.“ So war es auch, wie Acemoğlu und Robinson schreiben, als vor 200 Jahren der walisische Reformer Robert Owen nach Wien kam und dem Habsburger Kaiser beibringen wollte, wie er das Leben seiner Untertanen verbessern könnte. Einer von Metternichs Assistenten dämpfte dessen Eifer und sagte zu ihm: „Wir wünschen nicht, dass die großen Massen wohlhabend und unabhängig werden (...) Wie sollten wir dann über sie herrschen?“ Wie können bei so einer Einstellung jemals inklusive Institutionen entstehen, fragen Acemoğlu und Robinson. Ostdeutschland hatte es natürlich einfach. Es musste nur die Hand nach Westdeutschland ausstrecken, wo inklusive Institutionen bereits fest etabliert waren. Aber „Länder wir Großbritannien und die Vereinigten Staaten“ mussten es selbst machen. Sie „sind reich geworden, weil ihre Bürger die Machteliten stürzten und eine Gesellschaft schufen, in der politische Rechte viel breiter verteilt sind“.

Die wichtigste aller Fragen ist nun, wie die Menschen das schaffen – und genau hier bleiben die ansonsten so präzisen Aussagen der Autoren merklich vage: Es ist, so schreiben sie, „ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren erforderlich – insbesondere eine Umbruchphase, verbunden mit einer breiten Koalition von Reformern ... Auch ein gewisses Maß an Glück ist notwendig“. Wenn sich die Dinge in einigen wenigen Umbruchphasen anders entwickelt hätten, dann wären inklusive Ins­titutionen vielleicht nicht in England, sondern anderswo auf der Welt entstanden. In diesem Fall könnten wir heute in einer konterfaktischen Welt leben, „in der sich die Glorreiche und die Industrielle Revolution in Peru ereignen, das danach Westeuropa kolonisiert und dessen weiße Einwohner versklavt“. Wenn so viel vom Zufall abhängt und kleinste Unterschiede durch die Taten Einzelner solch riesige Konsequenzen haben, wird es schwierig, Ratschläge zu geben, wie man Menschen, die sich in extraktiven Institutionen wohlig eingerichtet haben, an inklusive Institutionen heranführen kann.

Daher bleibt Acemoğlu und Robinson bei der Planung konkreter politischer Maßnahmen auch nur übrig, Folgendes einzugestehen: „Die ehrliche Antwort lautet natürlich, dass es kein Rezept“ gibt. Acemoğlus und Robinsons Theorie der Institutionen ist wie jede Theorie, die so viel zu erklären versucht, nicht wasserdicht. Sie geben bereitwillig zu, dass inklusive Institutionen keine Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum sind. Zwischen 1928 und 1960 wuchs die sowjetische Wirtschaft um durchschnittlich sechs Prozent und seit den 1970er-Jahren legt China ein immer schnelleres Wachstum vor. Und dies geschah trotz der diktatorischen kommunistischen Regime in beiden Ländern. Doch Acemoğlu und Robinson argumentieren, dass gerade diese Ausnahmen die Regel bestätigen: dass „Wachstum unter extraktiven Institutionen nicht dauerhaft durchgehalten werden“ kann. Früher oder später drosselt eine extraktive Politik Innovationen. Das geschah der sow­jetischen Wirtschaft in den 1980er-Jahren und die Autoren mutmaßen, dass auch der chinesische Wachstumsprozess „wahrscheinlich enden“ wird.

China und die Sowjetunion sind aber nur die Spitze des Eisbergs. In der Geschichte sind die meisten Gesellschaften extraktiv gewesen und gleichzeitig war wirtschaftliches Wachstum die Norm, nicht die Ausnahme. Über 15.000 Jahre vom Ende der Eiszeit bis zum Beginn der Industriellen Revolution hat sich der materielle Konsum des Durchschnittsmenschen rund verzehnfacht.

Außerdem verfügten das klassische Rom und Griechenland sowie das mittelalterliche China im Vergleich zu vormodernen Gesellschaften über relativ inklusive Institutionen. Die Griechen erfanden die Demokratie; die Römer waren bekannt für ihre starken Eigentumsrechte; und die Tang- und die Song-Dynastien bescherten China riesige florierende Märkte, auf denen das erste Mal Papiergeld zum Einsatz kam. Aber für Acemoğlu und Robinson waren das alles dennoch extraktive Gesellschaften.

Ihre Theorie der Institutionen erklärt diese Fälle meines Erachtens nicht; das heißt, sie erklärt uns nicht, warum Nationen scheitern. Eine „Warum“-Theorie muss alle Fälle abdecken, aber Acemoğlu und Robinson scheinen unsicher, ob sie wirklich versuchen möchten zu zeigen, dass ihre Theorie universell anwendbar ist. Einerseits geben sie zu, dass, um der Logik ihrer Argumentation zu folgen, sie mindestens 12.000 Jahre zurückgehen müssten, zum Beginn des Ackerbaus und den ersten Anzeichen davon, dass einige Gesellschaften reicher wurden als andere. Andererseits riskieren sie selten einen Blick vor die Zeit um 1500. Und je weiter sie in die Vergangenheit schauen, desto weniger überzeugend ist ihre Analyse.

So deuten Acemoğlu und Robinson kurz an, dass Institutionen erklären können, weshalb der Nahe Osten der erste Ort auf der Welt war, wo Ackerbau betrieben wurde, aber dazu müssen sie alle anders lautenden Erkenntnisse vollkommen ignorieren: Seit Jahrzehnten wissen Archäologen, dass die Geografie und das Klima der Grund sind, weshalb der Nahe Osten nach der Eiszeit die weltweit höchste Dichte an Pflanzen und Tieren, die sich zur Domestizierung anboten, aufwies. China und Pakistan hatten eine etwas geringere Dichte, gefolgt von Peru und Mexiko. Es überrascht also nicht, dass der Ackerbau im Nahen Osten, dann in Pakistan und China, und schließlich in Peru und Mexiko begann.

Die Tatsache, dass die geografische Lage – nicht die Institutionen – bestimmte, wo der Ackerbau seinen Anfang nahm, ist sehr wichtig. Das schließt Acemoğlus und Robinsons Vorstellung, dass die Industrielle Revolution in Peru anstatt England hätte geschehen können und dass die Inkas Europa anstatt die Europäer Amerika hätten erobern können, aus. Der Ackerbau begann im Nahen Osten 4.000 Jahre früher als in den Anden und die Peruaner waren noch Analphabeten, als die Europäer bereits Schiffe bauten, mit denen sie die Ozeane überquerten, und Waffen entwickelten, mit denen sie die Menschen, die sie auf der anderen Seite des Erdballs trafen, umbringen konnten.

Der Vorsprung der Alten Welt gründet sich auf die Geografie. Institutionelle Entwicklungen oder Zufälle hätten daran nichts ändern können. Die Kräfte, von denen uns Acemo?lu und Robinson erzählen, erklären uns, warum Großbritannien und die Niederlande – und nicht Spanien und Portugal – den Atlantik nach 1600 beherrschten, aber sie erklären nicht den Unterschied zwischen den Westeuropäern und den amerikanischen Ureinwohnern. Dieser war die entfernte, aber direkte Folge der landwirtschaftlichen Revolution in Eurasien.

Die Kräfte, auf die sich Acemoğlu und Robinson konzentrieren, erzählen uns viel darüber, warum es inklusiven Gesellschaften im 19. und 20. Jahrhundert besser ging als extraktiven, aber ich glaube kaum, dass sie uns etwas darüber sagen können, wie es im 21. Jahrhundert weitergeht. Ich denke, wir können aus der Geschichte der Vormoderne drei große Erkenntnisse ziehen. Die erste ist, dass bis vor ein paar wenigen Jahrhunderten inklusive Institutionen wenige Vorteile brachten. Das erklärt womöglich, weshalb so wenige Gesellschaften solche Institutionen aufbauten. Zweitens sind inklusive Institutionen viel wichtiger geworden, seit der Handel die Welt enger verbindet und die Industrielle Revolution in Großbritannien begann. Und drittens: Wenn inklusive Institutionen nicht die erfolgreichste Form der gesellschaftlichen Organisation in der vormodernen Welt gewesen sind, könnte es sein, dass sie es auch in der postmodernen Welt nicht sind. Keiner weiß, was das 21. Jahrhundert uns bringen wird.

„Warum Nationen scheitern“ ist großartig darin, uns zu erklären, weshalb einige Länder in den vergangenen 500 Jahren reich geworden sind und andere nicht. Wie viel es uns darüber sagen kann, wo die großen Unterschiede in den nächsten dreißig Jahren liegen, wird nur die Zukunft zeigen. Aber in der Zwischenzeit könnte Acemo?lus und Robinsons Buch einer der besten Wege sein, um die Diskussion darüber zu beginnen.

Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut. Von Daron Acemoğlu und James A. Robinson. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2013.

Aus dem Englischen von Rosa Gosch



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