Lost boys

von Maike Albath

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Das Grauen. Abgeschnittene Gliedmaßen, verbrannte Gesichter, Bauchschüsse, kopflose Rümpfe, niedergemetzelte Männer, erstochene Frauen, Babys, die in Brunnen geworfen werden und jämmerlich ertrinken. Angezündete Dörfer, Handgranaten und Bomben. Überall geschändete Leichen am Wegrand. Hubschrauber, aus denen Trommelfeuer auf flüchtende Jungen niedergehen. Wochenlange Märsche durch Urwälder und Wüsten, ohne Schuhe, ohne Essen, ohne Wasser. Wer nicht von Ruhr, Cholera oder Malaria dahin gerafft wird, riskiert den Tod durch ein Raubtier. Es gibt kein Ziel, keine Heimat, keine Zuflucht. Jedes Ankommen bedeutet Aufbruch, denn aus Helfern werden Feinde, neue Fehden brechen aus, es kommt zu Rachefeldzügen. Und wieder setzen sich die Menschen in Bewegung. Die Odyssee dauert Jahre. Tausende von elternlosen Kindern befinden sich 1983 im Südsudan auf der Flucht. Eines von ihnen heißt Valentino Achak Deng. Diesem Jungen, der inzwischen ein erwachsener Mann ist und durch ein Programm der UNESCO 2001 in die USA kam, hat der amerikanische Schriftsteller Dave Eggers seine Stimme geschenkt. Eggers Roman „Weit gegangen“ ist nichts anderes als die Lebensgeschichte dieses Jungen. Ein Leben, in dem es zu viele Tote für einen Einzelnen gab, zu viel Leid und Elend.

Aber wie formt man ein Flüchtlingsschicksal zu einem literarischen Stoff um? Dave Eggers ist ein kluger Romancier und eine der bemerkenswertesten Figuren im amerikanischen Literaturbetrieb. Er hat den Verlag McSweeny’s mitsamt der gleichnamigen Zeitschrift gegründet, die er früher per Fahrrad in den New Yorker Buchhandlungen auslieferte und die von Zadie Smith über David Foster Wallace, Jonathan Lethem bis zu George Saunders alle interessanten Stimmen seiner Generation versammelte. Inzwischen lebt der 37-Jährige in San Francisco und hat mit dem Geld, das er für sein Debüt „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ einheimste, ein kleines, unabhängiges Imperium aufgebaut: Er betreibt neben seinem Verlag und dem Magazin McSweeny’s noch die journalistisch hoch ambitionierte Monatszeitschrift Believer mit langen Essays, Reportagen und Interviews, außerdem das DVD-Magazin Wholpin und das soziale Schreibwerkstättenprojekt 826 Valencia mit Niederlassungen in fünf verschiedenen Städten. Durch seine Initiative entstand die Buchreihe Voice of Witness, die an den Gedanken einer mündlichen Geschichtsschreibung anknüpft und Kriegs- oder Katastrophenopfern die Möglichkeit bietet, ihre Erfahrungen darzulegen.

In „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ aus dem Jahr 2000 hatte Dave Eggers sein eigenes Familiendrama zum Gegenstand gemacht. Nachdem beide Eltern innerhalb kurzer Zeit an Krebs gestorben sind, müssen die vier Kinder plötzlich alleine zu recht kommen, und der gerade volljährige Dave findet sich in der Mutterrolle wieder. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder gründet er einen Haushalt. Inmitten der Trauer erproben die beiden ihre Freiheit und stellen trotz kleinkarierter Behörden, schmieriger Wohnungen und Geldnöten etwas Eigenes auf die Beine. Schon damals war es Eggers gelungen, aus den tragischen Ereignissen keinen billigen Effekt zu schinden. „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“, das auch formal viel Abwechselung bot, war ein bewegendes Buch mit einer Schlagseite ins Tragikomische, und es zeugte von einem unbändigen Lebenswillen. Eggers hat seitdem Schreiben und soziales Engagement immer wieder miteinander verknüpft. Er ist nicht nur von der ethischen Funktion der Literatur überzeugt, sondern weiß auch um die befreiende Kraft des Erzählens.

Auch in „Weit gegangen“ schlachtet Eggers das Martyrium seines Protagonisten nicht aus: Es handelt sich weder um ein Panorama der Grausamkeiten, was bei der unvorstellbaren Fülle an Gräueltaten ein Leichtes gewesen wäre, noch um einen kulturgeschichtlichen Abriss zur Lage Ostafrikas. Schuldzuweisungen oder weitschweifige Analysen haben keinen Platz dennoch erfährt man viel über die Ursachen des 21 Jahre lang andauernden Bürgerkriegs, bei dem zweieinhalb Millionen Menschen ums Leben kamen und fünf Millionen vertrieben wurden, abwechselnd drangsaliert von dem fundamentalistischen Islamistenregime in Khartoum mit seinen Milizen und der südsudanesischen Rebellenarmee SPLA unter John Garang mitsamt ihren Abspaltungen.

Dave Eggers tut das einzig Richtige und verlässt sich auf die Macht der Geschichte und auf sein erzählendes Ich. Dieses Ich, hinter dem sich der authentische Valentino Achak Deng verbirgt, blickt mit einer doppelten Optik auf sein Leben: Er ist einerseits der erwachsene Achak, der in Atlanta zu Hause ist und die Ereignisse aus der Retrospektive aufrollt, andererseits aber auch der Fünfjährige, der wie von Sinnen vor den mordenden Regierungstruppen davon rennt, der Neunjährige, der sich nicht von der SPLA rekrutieren lässt und der Heranwachsende, der im kenianischen Flüchtlingslager Kakuma die Jugendarbeit organisiert. Durch die Installation der Rahmenhandlung bricht Eggers die Kriegschronik immer wieder auf, stellt einen Bezug zur Gegenwart her und lässt zahlreiche komische und glückliche Erfahrungen einfließen. Obwohl auch hier Demütigungen, Gewalt und Verbrechen ins Spiel kommen, verleiht der dramaturgische Schachzug mit den mehrfachen Erzählebenen dem Ganzen eine Form und macht das Erlittene für den Leser verkraftbar. Die äußere Klammer der sudanesischen Leidensgeschichte sind ein Tag, eine Nacht und ein anbrechender Morgen in Atlanta.

Auf den ersten Seiten von „Weit gegangen“ lernen wir einen Helden kennen, der sich nach all den Gefahren, denen er knapp entronnen ist, in einer absurden Lage befindet. Achak hat leutselig die Tür seines Appartements geöffnet, als zwei Afroamerikaner in die Wohnung stürmen, ihn zusammen schlagen, fesseln und all seiner Habseligkeiten berauben. Während Achak hilflos auf dem Boden liegt und seine Naivität verflucht, beginnt er ein imaginäres Gespräch mit seinem Angreifer und erzählt dem bulligen Schwarzen vom Sudan. Später wendet er sich an dessen Sohn, der ihn eine Weile bewacht, noch später an einen Rezeptionisten im Krankenhaus, wohin ihn sein sudanesischer Freund und Mitbewohner Achor Achor wegen der erlittenen Kopfwunde bringt, und im letzten Teil des Romans ist eine Kundin im Sportstudio, wo er einen Job am Tresen hat, sein fiktives Gegenüber.

Über weite Strecken gibt es also einen Adressaten. Dadurch dominiert ein mündlicher Erzählton, der zu der kindlichen, wertfreien Perspektive des kleinen Achak passt und seiner Stimme Glaubwürdigkeit verleiht. Über die Gegenwartsebene kommen auch immer wieder Erfahrungen aus der Neuen Welt zur Sprache: Es geht um die „Lost boys“, eine Gruppe von 4.000 jungen Sudanesen, die in den USA eine neue Heimat fanden, wir hören von den unzähligen Konflikten und Verwerfungen untereinander, von den Liebesgeschichten und den Dramen, die sich abspielen, von den praktischen Schwierigkeiten eines Flüchtlings, der weder im Supermarkt einkaufen kann noch in der Lage ist, eine Klimaanlage zu bedienen, von dem nagenden Heimweh und den Folgen der Traumatisierung und von den vielen Amerikanern, die Achak zur Seite stehen. Aber die Wucht dieses 765seitigen Romans machen die Teile aus, in denen wir tief eintauchen in den afrikanischen Kontinent.

Achak gehört zum Stamm der Dinka, die im Südsudan zu Hause sind. Er ist etwa fünf Jahre alt, als eine Truppe arabischer Sudanesen sein Dorf Marial Bay überfällt und niederbrennt. Achak läuft in den Wald und hört tagelang nicht mehr auf zu rennen. Mit anderen kleinen Jungen schließt er sich dem Zug eines ehemaligen Lehrers aus seinem Dorf an, der die Kinder nach unendlichen Strapazen nach Äthiopien führt, wo Achak drei Jahre im Flüchtlingslager Pinyudo verbringt, das von der SPLA auch als Nachschubstation für neue Soldaten gedacht ist. Eines Tages trifft der charismatische Rebellenführer John Garang ein und versucht, die Jungen für seine Mission zu gewinnen. Etliche melden sich freiwillig, aber als ein paar Wochen später bei einer Strafaktion eine Gruppe von „Verrätern“ vor den Augen der Kinder hingerichtet wird, kommen Zweifel an den Zielen der Befreiungsarmee auf.

„Weit gegangen“ entwickelt eine große epische Kraft. Man versteht, wie gefährlich es ist für einen kleinen Jungen, sich allzu eng anzufreunden mit einem anderen Kind, weil dieses Kind schon am nächsten Tag tot sein kann. Irgendwann kann man die Toten nicht mehr betrauern, irgendwann ist das Mitgefühl erschöpft. Dennoch sind es immer die anderen, die Achak davor retten, sich endgültig aufzugeben. Als er auf der Flucht von Äthiopien nach Kenia einfach auf der Straße sitzen bleibt und nur noch schlafen will, zwingt ihn ein kleines Mädchen, wieder aufzustehen. „Weit gegangen“ – das ist der Spitzname, mit dem sich Achak und seine Freunde ansprechen, nachdem sie den Marsch durchstanden haben. Der Rhythmus des ewigen Marschierens, das oft nur ein erschöpftes Straucheln ist, grundiert auch den Erzählrhythmus des Romans.

In „Weit gegangen“ gibt es Szenen, die man nicht wieder vergisst. Eine infernalische Flussüberquerung an der äthiopisch-sudanesischen Grenze: Ein Kugelhagel geht auf die Schwimmer nieder, während die Kinder um Achak herum von Krokodilen angegriffen werden. Kaum ist Achak an Land, ruft eine Äthiopierin in Soldatenkluft den rennenden Jungen zu: „Kommt her, ich bin eure Mutter“. Der erste Junge, der sich in ihre Arme flüchten will, wird von ihr erschossen. Sie erschießt noch einen zweiten und einen dritten. Ein anderes Mal springt Achak auf einen Lastwagen und bemerkt erst dann, dass auf der Ladefläche ein Berg von Leichen liegt, mit zwei, drei Lebenden dazwischen. Der Fahrer zwingt ihn lachend, ein paar Stunden lang auszuharren.

Trotz all der Verheerungen ist der Roman von einem Glauben an die Menschlichkeit getragen, von der Überzeugung, dass es ein anderes Leben geben muss jenseits der Apokalypse. Während des langen Marschs durch die Wälder verrät der Lehrer seinen Schützlingen einen Trick: Wenn sie nachts vor Angst, Hunger und Kälte nicht einschlafen können, sollen sie an den schönsten Tag ihres Lebens denken. Und Achak erinnert sich. Es war ein ganz normaler Tag: er half seiner Mutter beim Feuermachen, durfte auf dem Pferd eines Kunden seines Vaters sitzen, besuchte ein älteres Mädchen, holte Wasser am Fluss und hörte abends am Lagerfeuer seinem Vater zu, wie er von der Entstehung der Welt erzählte. Nach und nach begreift man, wie groß das Privileg der Normalität ist.

Dave Eggers. Weit gegangen. Das Leben des Valentino Achak Deng. Roman. Aus dem Amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2008.



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