„Muss eine Stadt ein ‚Image‘ haben?“

von Manfred Prisching

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Finanzkapitalisten und Manager glauben noch an Marx: Ohne ökonomische Basis geht gesellschaftlich nichts. Künstler, Progressive, Kulturanhänger glauben dagegen an den Überbau: Von „oben“, aus dem Bereich der Kunst und Kultur, werde die Welt bewegt. Wir leben im Zeitalter des kulturellen Konstruktivismus. Wenn man sich die Welt irgendwie vorstellt, dann wird sie auch so. Deshalb fließt beides zusammen und Kultur wird zur Ware. Das Symphonieor-chester belebt das Stadtbudget. Das macht Bürgermeister glücklich: Man kann sich kulturaffin präsentieren und dann klingelt auch noch die Kasse.

Städte standen früher einmal einfach so in der Gegend herum. Doch seit bei den Stadtvätern das Paternale dem „Managerialen“ gewichen ist, muss eine Stadt ein „Image“ haben, sie muss es aufmöbeln, sie muss zur „Marke“ werden, ihr Alleinstellungsmerkmal propagieren. Das lockt erstens imagesensible Touristen und fördert zweitens das kommunale Wirtschaftswachstum. Und nicht nur den Städte geht es so, auch den Regionen, den Kreuzfahrtschiffen, den Dörfern. Klassik auf die Wiese. Mehr Kunst bringt mehr Zahler. Kunst ist eine Investition. Geld entsteht aus dem Nichts.

Deshalb wälzt sich ein kultureller Tsunami über die Lande: spektakuläre Museen und Expositionen, angeblich bewusst kleingehaltene, aber in Wahrheit großgewünschte Festwochen, ein paar Operetten für die Laufkundschaft, ein paar Jazztage für die Anspruchsvolleren, die Pop-Folklore-Synthese für die Masse, die Wagner-Liszt-Vertracktheit für die Esoteriker, Filmfestivals und Straßentheaterfeste. Impressionismusausstellungen mögen ohnehin alle.

Es ist schwer auf diesem umkämpften Markt. In einer Aufmerksamkeitsökonomie brüllen alle, also muss jeder, der gehört werden will, noch lauter brüllen, mit ausgefallenen, aber dennoch marktgängigen Themen, vor allem aber mit Prominenz – ein wirkliches, imaginiertes oder potenzielles Genie muss her. Ereignisse müssen mit Personen verknüpft werden, wenn es sich nicht um „große Pakete“ – wie eine Kulturhauptstadt – handelt, sondern um begrenzte Events. Man braucht die „Sensation“, um die Touristenströme umzulenken. Wer würde sonst nach Bayreuth fahren?

Es ist ein kulturell-ökonomisches Wettrüsten der Städte und Dörfer im Kampf um die Kundschaft. Denn in Wahrheit geht es nicht um Geldschaffung, sondern um Geldumlenkung. Die ökonomischen Studien, die auftragsgemäß wirtschaftlich beachtliche Impulse vermelden, können ja nicht annehmen, dass die Besucher und Besucherinnen das Geld andernfalls zu Hause verbrannt hätten. Sie hätten es eben anderswo ausgegeben. Das ist der Witz jedes Wettrüstens: volkswirtschaftlich sinnlos, aber kompetitiv notwendig.

Kulturinvestitionen werden als essenziell angesehen, wenn man eine „kreative Klasse“ erschaffen will. Nicht wenige haben dem Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida geglaubt, der einen Zusammenhang zwischen der ökonomischen Kraft einer Region und der Anwesenheit von hochtechnisierten Arbeitern, Künstlern und Homosexuellen hergestellt hat. Auch wenn manche hinsichtlich der massenhaften Homosexuellenansiedlung skeptisch waren, hat sich doch die vage Beziehung von künstlerischer Kreativität und innovativer Wirtschaftsdynamik in den Köpfen festgefressen: Ein bisschen mehr Künstler in die Gegend – es können ja die etwas „zivilisierteren“ sein – und dann wachsen aus dem Nichts IT-Konzerne.

Die Erwartung touristisch flanierender Horden ist ja nicht so falsch: Mit der „Sommerfrische“ – gute Luft und grüne Wiese – erreicht man ein recht schmales Publikumssegment. Die „Pakete“, die geboten werden müssen, werden anspruchsvoller: das Sternerestaurant und das Symphonieorchester, das Erlebnisbad und die Chagall-Ausstellung, die meditative Gymnastik und der Skulpturenpark. Was immer da exponiert oder vorgeführt wird – „the proof of the pudding“ sind die ausgebuchten Hotels, die freudig erregten Boutiqueninhaber, die jubilierenden Weinlieferanten. Die Logik der Festivalisierung erfasst auch Einkaufsstraßen und Konsumtempel, Museen und Galerien, Konzerthäuser und Bildungsstätten. Denn ohne Vorzeigeevent, bei dem die Urlauber und Urlauberinnen gleichermaßen Bespielte wie Spielende sind, ist man nichts – ein Event ist nur ein Event, wenn viele andere dort sind und es als Event betrachten.

Die urbane Festivalisierung ist finanziell kein Klacks. Die Budgets werden umgeschichtet. Das Kellertheater muss sehen, wo es bleibt; schließlich geht es um Höheres, Vorzeigbares, Auffallendes. Auch das normale künstlerische Repertoire reicht nicht, man muss internationale Wahrnehmungsschwellen überschreiten. Das Festival ist schließlich Nachweis der politischen Handlungsfähigkeit, es wird zum wichtigsten Beweis der urbanen Gestaltung, der Stadt­identität: Vision, Design, Substanz, Future. Da mag auch der Kanal stinken. Freilich gilt immer auch: Bevor Städte und Dörfer noch größeren Unsinn treiben, etwa Protzbauten errichten oder unausgelastete Thermenanlagen, ist jeder Kultur-Euro besser ausgegeben.



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