Aus dem Feuer geholt

von Thomas Strieder

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Sehr oft, so meine Erfahrung, sind schnelle und ungewöhnliche Entscheidungen durch eine deutsche Behörde im Ausland erst möglich, wenn es fast schon zu spät ist. Die legendäre Bibliothek von Timbuktu war mit Beginn der französischen Militärintervention gegen die islamistischen Kampfgruppen Anfang Januar 2013 hoch gefährdet. Einige Grabstätten und Gebäude waren von radikalen Islamisten bereits geschändet worden und jetzt drohte sich ihr Bildersturm auf die großen Sammlungen arabischer Manuskripte aus der Blütezeit der Natur- und Geisteswissenschaften des Hochmittelalters zu richten. Prachtvoll handgeschriebene, in Ziegenleder eingeschlagene Werke, Buchkunst der Tuareg, die von einigen alteingesessenen Familien in der Wüstenstadt seit Jahrhunderten als Schatz von unsagbarem materiellen und ideellen Wert verwahrt und gehütet wurden.

Der Hilferuf kam von Abdel Kadr Haidera, der von allen „Hüterfamilien“ den Auftrag erhalten hatte, Rettungsaktionen einzuleiten und zu koordinieren. Unsystematisch waren bereits große Bestände der Sammlungen von den Bewohnern Timbuktus in Privatverstecken verborgen oder aus der Stadt herausgebracht worden. Es galt, so viele der noch in den Bibliotheken verbliebenen Werke wie möglich sowie auch einige als besonders wertvoll erachtete aus den privaten Kellern und Gewölben in Sicherheit zu bringen, bevor die Islamisten bei einem erzwungenen Rückzug „verbrannte Erde“ hinterlassen würden. Doch Abdel Kadr Haidera fehlten die Mittel dazu.  Also beschlossen wir zu helfen. Zivile Kommandoaktionen zur Rettung von Kulturgütern in Zeiten militärischer Konflikte kosten, ganz banal gesagt, Geld: für den Transport, für Menschen, die ihr Leben riskieren, und für die Zahlung von Zolltributen.

Kuriere schafften in nächtlichen Fahrten die uralten Schriften – in großen Blechkisten hastig verpackt – über Schleichwege, vorbei an Straßensperren und bewaffneten Posten aus der Stadt, solange es die sich ausweitenden Kampfhandlungen mit Vorrücken der Franzosen in Richtung Timbuktu zuließen. Ganz zum Schluss erreichte die geheime Fracht nur noch mit schmalen Holzbooten über den Fluss Niger den rettenden Süden des Landes.

„Unsere“ Bücherkisten waren die letzten, die Timbuktu noch verlassen konnten, bevor die Islamisten bei ihrem Rückzug tatsächlich noch das verbrannten, was sie vorfanden. Viel war es nicht mehr. Jetzt stapeln sich die geretteten Kisten an versteckten Orten in der vor Islamistenzugriff einigermaßen sicheren Hauptstadt Bamako. Ich durfte sie unter größter Geheimhaltung, inklusive Verwirrfahrten kreuz und quer, in Augenschein nehmen.

Das eilige Packen, der Transport und das feuchtheiße subtropische Klima in Bamako mit allen möglichen Insekten und Moderpilzen haben den Handschriften zugesetzt. Jetzt sind wissenschaftliche Institute und Kulturstiftungen gefragt, bei der konservierenden Rettung mitzuwirken. Und natürlich beginnt damit auch ein Wettlauf um günstige Ausgangspositionen: Welche Institute dürfen die wissenschaftliche Auswertung der bedeutenden Manuskripte durchführen, ein noch größtenteils unberührtes Eldorado für die Islamwissenschaft? Und welches Museum schafft es als Erstes, Werke der Bibliothek von Timbuktu in einer Ausstellung zu präsentieren? Man wird sehen.



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