Die Bücher meiner Väter

von Vamba Sherif

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Als zum Jahresende 2012 Bilder von islamistischen Extremisten durch die Medien gingen, die mit Spitzhacken und Schaufeln die Heiligengräber in Timbuktu schändeten, musste ich an meine Reise dorthin denken. 2009 war ich nach Mali aufgebrochen, um herauszufinden, ob mein Urahn Talahat tatsächlich aus Timbuktu gekommen war, wie es die Familienlegende erzählte. Ich stamme aus dem Norden Liberias, aus einer Familie islamischer Gelehrter. Mein Vater war Dichter und Professor und meine Onkel schrieben Bücher. Seit den Anfängen des Islam in Westafrika hatten meine Vorfahren ihr Wissen von Generation zu Generation weitergegeben. So erfuhr ich auch, dass mein Urahn vor Jahrhunderten aus dem Norden eingewandert war und sich in Musadu, im heutigen Guinea niedergelassen hatte. Drei Söhne habe Talahat gehabt, deren Nachkommen sich über Liberia, Sierra Leone, Côte d’Ivoire, Guinea und Senegal verteilt hätten. Den Nachnamen „Sherif“ – Geehrter – trug Talahat, weil man ihm nachsagte, ein Nachkomme des Propheten zu sein.

Bis Mopti, einer Stadt am Niger, war ich mit dem Auto gekommen. Hier bestieg ich ein Boot, das mich nach Timbuktu bringen sollte. Am Ende der viertägigen Reise sah ich die Stadt nicht, als ich sie hätte sehen müssen. Es war pechschwarze Nacht. Menschen mit Windlichtern geleiteten das Boot entlang des Flusses zum Hafen und boten ein herrliches Bild. Die Hitze war unerträglich, raubte den Atem. Wie sich herausstellte, lag der Hafen ein gutes Stück außerhalb der Stadt und wir mussten ein Auto nehmen. In alten Geschichten über Timbuktu ist immer die Rede von einem Fluss neben der Stadt. Vielleicht hat er sich durch die vordringende Wüste von der Stadt entfernt.

Ich nahm ein Zimmer in einem Hotel ohne Klimaanlage, Schlaf war unmöglich. Ich fühlte mich vor Hitze benommen. Die Sonne ging auf, während ich noch wach lag. Timbuktu bei Tage war eine staubige Stadt, die hier und da Zeichen ihrer früheren Grandeur aufwies: altehrwürdige Häuser mit maurischen Türen, schmale Durchgänge zwischen zwei Mauern, durch die das Sonnenlicht wie ein goldenes Gewand auf die Vorübergehenden fiel. Aber überall waren Zeichen von Verwahrlosung, Armut und Verlassenheit zu sehen. Die Einwohner Timbuktus schienen zugleich im Mittelalter und in der Gegenwart zu leben und in allem vom Süden des Landes abhängig zu sein.

Ich hatte es eilig. Ich wollte zum Ahmed-Baba-Zentrum, in genau jene Bibliothek, von der es Ende Januar 2013 heißen sollte, Extremisten hätten sie in Brand gesteckt. Ahmed Baba war einer der größten Gelehrten Timbuktus. Er lebte vor vierhundert Jahren, schrieb zahllose Bücher und verfasste Gedichte. Begrüßt wurde ich in der Bibliothek von einem schlanken Mann, dem Leiter Djibril Doucouré. Mein fließendes Arabisch überraschte ihn. Ich erzählte ihm, woher ich kam und was der Grund meines Besuches war. „Die Sherifs?”, fragte er. „Ich habe hier eine Reihe von Manuskripten über Ihre Familie.“ Es dauerte eine ganze Weile, denn damals hatte das Institut noch nicht alles katalogisiert. Aber Doucouré kannte sich in seiner Bibliothek gut aus.

Die alten arabischen Schriften im Ahmed-Baba-Institut waren sehr brüchig. Es erstaunte mich, wie sie dem Zahn der Zeit getrotzt hatten, manche seit mehreren Jahrhunderten. Unter den Manuskripten befanden sich zwei besondere Schätze, die für Historiker große Bedeutung haben: „Tarikh al-fattash“ von Mahmoud Kati (deutsch: „Die transparente Geschichte“) und „Tarikh al-Sudan“ von Abd al-Sadi (deutsch: „Die Geschichte des Sudan“). Sie handeln von vergangenen Herrschern, angefangen bei dem größten von allen, Sundiata Keïta, dem Gründer des Malireiches. Die Bibliothek beherbergte Werke über Mathematik, Chemie, Biologie und auch Philosophie. Manche Manuskripte hatten spirituellen Wert: Sie enthielten Verse, die Gläubige singen, um Zugang zur Welt des Unsichtbaren zu bekommen. Manche der spirituellen Texte dienten dazu, Krankheiten auszutreiben oder Armut in Reichtum zu verwandeln.

Für die Extremisten bestand die ganze Bibliothek aus dieser letzten Kategorie von Werken.Deshalb wollten sie sie vernichten, denn: Nur Allah könne heilen. Die Handschriften, mit denen Doucouré schließlich zurückkam, enthielten die Genealogie der Sherifs. Ketten von Namen, die mir nichts sagten. Ich erfuhr weder, wann noch wie die Personen gelebt hatten. Es dauerte lange, bis ich in einem der Manuskripte auf den Namen Talahat stieß. Ein erstes Anzeichen, dass ich auf der richtigen Spur war? „Gibt es in Timbuktu Haidaras?“, fragte ich Doucouré. Der Name Haidara ist dort, wo ich herkomme, ein ehrenvoller Titel, mit dem man Träger des Namens Sherif anspricht. In anderen Teilen Westafrikas ist dieser Titel zum Nachnamen geworden und so heißen auch viele meiner entfernten Verwandten nicht Sherif, sondern Haidara. Der Bibliotheksleiter antwortete: „Aber Sie sind hier in der Stadt der Haidaras!“ Er erzählte mir, dass es in Timbuktu drei große Haidara-Familien gäbe. „Drei?“, fragte ich und zitterte vor Glück. Hier in der Stadt der 333 Heiligen lebten also drei Haidara-Familien. Das entsprach der Überlieferung aus Liberia, Sierra Leone und Guinea, wonach Talahat drei Söhne hatte. Aber wo waren diese Haidaras? „Ich kann Sie Ihnen vorstellen”, versprach mir Doucouré.

Da in Timbuktu Besucher stets auffallen, bekam ich auf dem Weg zu meinem nächsten Ziel, der Sankoré-Moschee, Gesellschaft von einem Jungen mit Rastazöpfen, namens Hamada, der mein Führer sein und mir die Wüs-te zeigen wollte und nicht mehr von meiner Seite wich. Die Moschee, im 15. Jahrhundert erbaut, war einst mit über 20.000 Schülern das größte Studienzentrum in ganz Westafrika. Die Schüler lernten, indem sie laut lasen – eine Tradition des Unterrichts, die heute noch in vielen westafrikanischen Ländern fortbesteht. Die islamischen Strömungen jener Zeit waren Formen des Sufismus, Qadiriyya und Tidschani genannt. Bei beiden Richtungen legte man Wert auf die Verherrlichung großer Gelehrter, in der Hoffnung, dass die Schüler ihren „baraka“, ihren Segen, empfingen. Die Gräber der Gelehrten wurden nach ihrem Tod zu heiligen Pilgerorten. Diese Heiligtümer sollten die Extremisten im Dezember 2012 mit der Begründung zerstören, dass jede Form der Verherrlichung nicht islamgetreu wäre. Dabei wurde der Islam in Westafrika bis tief in die Urwälder, wo friedfertige Animisten lebten, durch ebenjene Männer verbreitet. Erst als Westafrikaner in den 1970er- und 1980er-Jahren zum Studium in die Golfstaaten gingen, brachten einige von ihnen die Überzeugung mit zurück, dass der afrikanische Islam, der Raum für Animismus ließ, kein Islam sei. Er musste „reiner“ werden. Der heilige Krieg begann schon damals und wird heute vehement durch Extremisten in Nigeria, Mali und vielen anderen westafrikanischen Ländern weitergeführt.

„Haidara!“, hörte ich Doucouré am folgenden Tag rufen, als ich wieder in der Bibliothek alte Handschriften studierte, während er meinen selbst ernannten Führer Hamada zu einem Haarschnitt überreden wollte: „Da ist jemand für Sie.“ Es war ein Haidara in meinem Alter, ein wohlhabender Mann, der mich auf Französisch und in gebrochenem Englisch ansprach. Er hieß Musa, freute sich, mich zu treffen, und war neugierig auf meine Geschichte. Er bestätigte mir, was Doucouré mir erzählt hatte: dass in Timbuktu drei große Haidara-Familien lebten. „Wenn Sie irgendetwas brauchen, dann wenden Sie sich an mich und ich werde tun, was in meiner Macht steht“, sagte er.

Hamada gelang es nicht, mich zu einem Ausflug in die Wüste zu überreden. Ich kannte die Wüste aus meinen Jahren in Kuweit. Eines Tages, zwei Wochen seit meiner Ankunft in der Stadt und nach zahllosen Besuchen in der Familie von Musa Haidarah, plauderte ich mit dem Bibliothekar Doucoure im Schatten der Veranda der Bibliothek. „Warum sind Sie von Liberia nach Kuweit gezogen?“, fragte er mich. Ich erzählte, dass mein Vater dort eine Anstellung an der Universität bekommen hatte. „Wo hat ihr Vater denn studiert?“, erkundigte er sich. „An der Azhar in Kairo.“ Er sah mich überrascht an. „An der Azhar? Da habe ich auch studiert. Wie heißt Ihr Vater?“ Ich sagte es ihm. „Aber, ich kenne Ihren Vater! Wir waren Kommilitonen!“, rief er, sprang auf und umarmte mich. Meine Mission war vollendet.

Ich frage mich, ob mein Begleiter Hamada die Besetzung Timbuktus durch die islamistischen Rebellen überlebt hat, wo doch selbst Doucouré seine Rastafari-Frisur unpassend fand. Aber ich glaube fest daran, dass, solange das Gute gedeiht, das Böse der Welt nicht habhaft werden kann. Während die Extremisten Timbuktu besetzt hielten, wurden in geheimer Aktion die alten arabischen Manuskripte aus Timbuktus Bibliotheken an sichere Orte in ganz Mali gebracht. Versteckt in Autos, auf Mauleseln und in Booten retteten Menschen, die dafür ihr Leben riskierten, diesen unsagbaren Schatz, den die Manuskripte Timbuktus für die Welt darstellen. Meine Tradition wird weiterleben, die Tradition meines Vaters und aller Väter davor. Das spendet mir Trost und erfüllt mich mit Stolz.

Aus dem Niederländischen von Annalena Heber



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