In Worte fassen

von Mansura Eseddin

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Im syrisch-libanesischen Dialekt gibt es die Redensart: „Begrabe mich!“ Sie stellt auf höchst faszinierende Weise eine Verknüpfung zwischen Tod und Liebe her. Wörtlich sagt sie: „Ich möchte von dir unter die Erde gebracht werden.“ Übertragen meint sie: „Möge dein Leben länger währen als meines.“ Oder anders formuliert: „Ich liebe dich so sehr, dass ich es nicht ertragen könnte, dich zu verlieren.“
Dieses Sprichwort hat sich weit von seinem eigentlichen semantischen Gehalt entfernt. Sprache ist naturgemäß trügerisch. Die Wendung „Begrabe mich!“ aber ist, was ihren ursprünglichen Sinn betrifft, um einiges trügerischer als andere Redensarten. Denn ausnahmslos jeder, der heute „Begrabe mich!“ hört, versteht es als Ausdruck höchster Zuneigung. Von ihrer Bedeutungsschwere befreit, die dunklen Schatten fortgewischt und mit einem lebensbejahenden Tenor versehen, wurde die Wendung in neue Räume entlassen. Heute sagt eine Mutter zu ihrem Kind, wenn sie es herzt: „Begrabe mich!“ Zu hören bekommt es auch der Liebste in einträchtiger Zweisamkeit oder eine Schöne im Vorübergehen von einem übermütigen Jugendlichen.

Hat die Redewendung wirklich eine vollkommene Loslösung von ihrem Ursprung erfahren? Nein, keineswegs! Nach wie vor klingt ein Zusammenspiel von Liebe und Tod an. Das Gefühl, das damit geäußert wird, ist genauso gewaltig und absolut wie der Tod.
Eine andere, fast in Vergessenheit geratene syrische Redensart, die noch weitaus schöner und tiefgründiger ist, belegt dies: „Pflanze für mich eine Myrte!“, was so viel heißt wie: „Mögest du mich überleben und eine Myrte auf mein Grab pflanzen.“ Beide Ausdrücke entspringen einem kulturhistorischen Konzept von Liebe als etwas überaus Bedeutsamem, Schicksalhaften mit tragischer Dimension – ja, als Synonym für Wahnsinn und Untergang. Gepaart mit dem Tod, ist die Liebe eine Leidenschaft, die der Macht des Todes trotzt. Das eigene Ich löst sich in der Passion zum anderen auf.

Aus dem Arabischen von Leila Chammaa



Ähnliche Artikel

Iraner erzählen von Iran (Kulturprogramme)

„Der Kulturbetrieb läuft weiter“

ein Gespräch mit Jumana al-Yasiri

Theater spielen mitten im Bürgerkrieg, Romane schreiben im Krisengebiet? Ein Gespräch mit der Kuratorin über das kulturelle Leben in Syrien

mehr


Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Thema: Gefühle)

Die Tränen des Premiers

von Jan Plamper

Welche Rolle Gefühle in den internationalen Beziehungen spielen

mehr


Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Thema: Gefühle)

Ich schäme mich so

von Carrie Lee Asman

Über das Gefühl, lieber nicht gesehen werden zu wollen

mehr


Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Thema: Gefühle)

Unterwerfung

von Wingston González

Warum die Guatemalteken verlernt haben, ihre Wut auszudrücken

mehr


Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Thema: Gefühle)

„Die Frauen fühlen, dass ihnen etwas fehlt“

ein Gespräch mit Shereen El Feki

Die Journalistin Shereen El Feki erklärt, wie sich das Liebesleben und die Beziehungen der Menschen im arabischen Raum verändern

mehr


Treffen sich zwei. Westen und Islam (Was anderswo ganz anders ist)

Wo Frauen in Syrien Unterwäsche kaufen

von Pelican Mourad

Ein Markt in Damaskus: Zwischen Gewürzen, Tee und Wasserpfeifen blitzen Dessous hervor

mehr