Herzklopfen und Leberangst

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


In Europa gibt es die kulturell geprägte Vorstellung, dass Emotionen im Herzen oder im Bauch entstehen. Besonders ausgeprägt ist dabei eine Unterscheidung zwischen Gefühlen und Intellekt. Während der Kopf rational entscheidet, ist das Herz für emotionale Entscheidungen zuständig.

Der chinesische Begriff „xin“ bedeutet übersetzt zugleich Herz und Verstand und wird assoziiert mit Gedanken, Ideen und Gefühlen. Eine Aufteilung in Emotionen und Verstand als separate Aspekte des menschlichen Bewusstseins gibt es in der alten chinesischen Philosophie nicht. Darum sieht die traditionelle chinesische Medizin das Herz als Herrscherorgan, das sowohl intellektuelle als auch emotionale Aktivitäten regiert.

„Kokoro“ ist das japanische Wort für das Herz. Seine Bedeutung geht aber über das Organ hinaus und bezeichnet auch die innere Einstellung, Geist, Gefühl und Sympathie. In der Vorstellung der Japaner werden Emotionen nicht durch äußere Umstände ausgelöst, sondern entstehen im Herzen selbst. Damit ist das Herz nicht nur der Ort, wo das Gefühl stattfindet, sondern auch der Ursprungsort der Gefühle.

In der Sprache des Aborigine-Volkes der Thaayorre sind die Gefühle im Bauch, und hier vor allem in der Leber verortet. Ist jemand mutig, spricht man von „ngeenk-thip thaarn“, auf Deutsch: der „starken Bauchleber“. Die Thaayore sehen Nahrung als zentrale Ursache für Leiden. Geht es jemandem nicht gut, wird die Ursache häufig im Essen gesucht. Deshalb haben die Verdauungsorgane eine große Bedeutung.

Auch in Indonesien und Malaysia gilt „Hati“ (die Leber) als Sitz der Gefühle und wird – ähnlich wie anderswo das Herz – metaphorisch verwendet. Hati ist somit auch Sitz der romantischen Liebe. So steht zum Beispiel der Ausdruck „jatuh hati“ („Fall der Leber“) für den Vorgang des Sich-Verliebens.

Im Baskenland wird die Leber, baskisch „gibel“, durchweg mit negativen Emotionen assoziiert. „Verachtung“ heißt dort „gibelondo“ (leberseitig), „Misstrauen“ heißt „Gibel-beldur“ („Leberangst“). Diese Zuordnung stammt vermutlich aus dem Mittelalter, als Charaktereigenschaften mit Körperflüssigkeiten assoziiert wurden. Demnach wird ein Mensch zum Choleriker, wenn er einen Überschuss an gelber Galle hat.

In der persischen Kultur werden Emotionen, Wünsche, Wissen und Erinnerungen in einer Art Container, dem „del“, vermutet. Beispielsweise kann das del bis in alle sechs Ecken mit Glück gefüllt sein. Wörtlich übersetzt bedeutet „del“ Bauchraum, wird aber auch als Bezeichnung für das Herz, den Magen und die Gedärme verwendet.

Das Volk der Makassar in Indonesien befragen mittels magischer Praktiken bei Landkäufen, der Brautwerbung oder vor Reisen ihren Atem. Die Qualität des Atems zeigt vor allem den emotionalen Zustand und den Charakter eines Menschen an und welche übernatürlichen Kräfte auf ihn wirken. So sagt man zum Beispiel von einem hochmütigen Menschen: „tinggi pa’mai na“, „sein Atem ist hoch“.

Quellenangaben:
Culture, Body and Language. Conceptualizations of Internal Body Organs across Cultures and Languages. (Hrsg. von F. Sharifian, R. Dirven, N. Yu, S. Niemeier) (DeGruyter, Berlin, 2008); Birgitt Röttger-Rössler: Die kulturelle Modellierung des Gefühls. Ein Beitrag zur Theorie und Methodik ethnologischer Emotionsforschung anhand indonesischer Fallstudien. (LIT Verlag, Münster, 2004)
Zusammengestellt von Martin Schiersch



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