„Es kostet sie ungeheuer viel Mut“

ein Interview mit Wassima Schulz

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Frau Schulz, am Behandlungszentrum für Folteropfer bieten Sie eine virtuelle Traumatherapie für den arabischsprachigen Raum an. Was ist das genau?

Das ist eine verhaltenstherapeutische Schreibtherapie über das Internet. Menschen, die Hilfe suchen, müssen zunächst einen Fragebogen ausfüllen, um den Grad Ihrer Beeinträchtigung durch Traumatisierung festzustellen. Im Anschluss bekommen sie einen verschlüsselten Account wie beim Onlinebanking. Damit gewährleisten wir, dass kein Dritter mitlesen kann. Über diesen Account schicken wir Texte mit therapeutischen Schreibanleitungen. Fast immer sind wir die Ersten, denen diese Menschen ihre Traumata erzählen. Es kostet sie ungeheuer viel Mut, da ist viel Scham, viel Trauer, viel schlechtes Gewissen dabei.

Wie ist die Idee der Internet-Therapie entstanden?

Im nordirakischen Kirkuk hatte unser Zentrum ein Rehabilitationszentrum für Folteropfer mit aufgebaut. Als die Gewalt im Land sich ab 2006 weiter zuspitzte und viele in die Flucht trieb, standen wir vor der Frage: Wie können wir die Tausende von irakischen Flüchtlingen in Syrien, Jordanien, Ägypten und anderswo erreichen? Wir haben eine niederländische Therapiemethode für die Behandlung von posttraumatischen Belastungsreaktionen, bei der über das Internet kommuniziert wird, ins Arabische übertragen, an die Kultur angepasst und schließlich auf die gesamte arabischsprachige Welt ausgedehnt.

Aus welchen Ländern melden sich Hilfesuchende?

Es sind alle Länder im arabischen Raum vertreten, aber nicht nur. Teilnehmer melden sich aus der ganzen Welt, denn Flüchtlinge und Arbeitsmigranten gibt es überall. Wir fragen nicht nur: „Wo leben Sie?“, sondern auch: „Wo kommen Sie ursprünglich her?“ Letztens hatten wir sogar zwei Anfragen aus China.

Warum wenden sich die Menschen an einen weit entfernten Therapeuten?

In arabischen Ländern ist die psychosoziale Versorgung im Allgemeinen nicht ausreichend ausgebaut. Es gibt den Beruf des Psychotherapeuten so gut wie gar nicht. Viel wichtiger ist aber, dass die meisten aus Scham ihre Traumata einem Therapeuten niemals von Angesicht zu Angesicht erzählen würden. Die visuelle Anonymität, die wir gewährleisten, hilft vielen Menschen, sich zu öffnen. Sie stellen sich ihren Therapeuten genauso vor, wie sie ihn sich wünschen.

Was belastet die Menschen, die bei Ihnen Hilfe suchen?

Wir haben viele politische Fälle: Traumata durch Folter, Kidnapping, Gefangenschaft, Vertreibung, Flucht. Viele unserer Teilnehmer waren Zeugen von Gewalttaten: zum Beispiel ein Mann, der gesehen hat, wie sein Nachbar umgebracht wurde. Und schließlich haben wir innerfamiliäre Traumata: Missbrauch, Vergewaltigung, häusliche Gewalt. In arabischen Ländern ist der Onkel, der Bruder oder der Vater für den Schutz eines Kindes zuständig. Es gibt einen arabischen Ausdruck für das Missbrauchen dieser Autorität: „zena el maharem“. Solche Fälle jahrelangen Missbrauchs durch einen vermeintlichen Beschützer, nicht nur von Mädchen, sondern auch von Jungen, haben wir viele.

Was unterscheidet Ihre Behandlungen von konventionellen?

Unsere Erfolgsquoten sind genauso hoch wie bei herkömmlichen Psychotherapien. Leichter für uns Therapeuten ist, dass wir 24 Stunden Zeit haben, um zu antworten. Zeit, in der wir selbst die teilweise extrem belastenden Geschichten verarbeiten können. Das ist wichtig, da jedes unserer Worte viel mehr Gewicht hat als von Angesicht zu Angesicht, denn wir können die Reaktion darauf nicht sehen.

Was könnte noch geschehen, um die psychologische Versorgung vor allem in Konfliktregionen zu verbessern?

Gerade angesichts der syrischen Flüchtlingskatas-trophe würde ich mir wünschen, dass in jedem neuen UNHCR-Lager sofort ein Raum mit fünf Rechnern eingerichtet würde, über die wir Menschen vor Ort ausbilden und Therapien anbieten könnten. Mit ein paar Computern könnten wir vielen helfen, wieder an ihre Gefühle heranzukommen, entlastet zu werden, weniger aggressiv zu reagieren und neuen Mut zu fassen.

Mehr Informationen über das kostenlose Behandlungsangebot finden Sie hier.
Das Interview führte Karola Klatt



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