Wir sind wieder wer

von Michael Ebmeyer

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Vielleicht wäre es das Beste, Ideologien immer als Gefühle zu betrachten. Sie können heftig aufwallen und unversehens abkühlen. Sie können Halt geben, auf das Übelste manipuliert werden und Zerstörung anrichten. Sie können zur Raserei werden und mit Vernunft ist ihnen selten beizukommen.

Doch bleiben wir bescheiden und schauen auf nur eine Ideologie: den Nationalismus. Seine Einordnung unter die Gemütsregungen ist immerhin erprobt, man spricht dann vom „Nationalgefühl“.

Dieses Empfinden scheint einmal mehr um sich zu greifen. In den vergangenen Jahren mussten wir uns in Deutschland – ausgelöst durch die großen Fußballturniere – wieder an massenhaft Flaggen im Straßenbild gewöhnen und durften erleichtert feststellen, dass damit kein gesellschaftlicher Rückfall einhergegangen ist. Anderswo in Europa regen sich Nationalgefühle so stürmisch, dass ein paar neue Staatsgründungen in den nächsten Jahren nicht auszuschließen sind. Im September 2014 stimmt die schottische Bevölkerung darüber ab, ob sie sich aus Großbritannien ausklinken will. Und für denselben Monat strebt auch die katalanische Regierung ein solches Referendum an. Der Zeitpunkt ist nicht aus Verbundenheit zu Schottland gewählt, sondern aus symbolischen Gründen: Es ist dann genau 300 Jahre her, dass Katalonien seine staatliche Eigenständigkeit einbüßte.

Bleiben wir in Katalonien. Den 11.September, den Jahrestag des Souveränitätsverlusts begeht man dort seltsamerweise als Nationalfeiertag; der katalanische Nationalismus ist also ein Masochismus, zumindest lange Zeit gewesen, dabei sehr demonstrationsfreudig und fahnenselig. Die Senyera, die Flagge Kataloniens, mit ihren vier roten Streifen auf gelbem Grund ist sein allgegenwärtiges Symbol. Längst weht sie von unzähligen Balkonen und Fensterbänken und überall, wo sie weht, drückt sie aus: Wir fühlen uns nicht als Spanier. „Verschenkt eine Rose, ein Buch oder beides! Hängt die Senyera auf euern Balkon!“, rief Präsident Artur Mas, der das Land zwischen Pyrenäen und Ebrodelta in die Unabhängigkeit führen will, auch in diesem Frühjahr seiner Bevölkerung zu. Die Rose und das Buch sind die Zutaten zum zweiten großen katalanischen Festtag, Sant Jordi, dem 23.April. Er wird als Tag der Liebenden begangen und außer der Rose schenkt man einander traditionell noch etwas zum Lesen. Hier hat der Welttag des Buches seinen Ursprung. Muss ein Nationalgefühl, das sich in so hübschen Bräuchen äußert, nicht vergleichsweise sympathisch wirken? Nicht unbedingt, nicht überall.

„Nirgendwo ist es so schwer, Katalonien zu erklären, wie in Deutschland“, sagt Martí Estruch. Er hat den neu geschaffenen Posten des internationalen Pressesprechers der katalanischen Regierung inne und zuvor die katalanische Vertretung in Berlin aufgebaut. Mit den speziellen deutschen Vorbehalten ist er bestens vertraut. Da ist zuerst das Reizwort „Nationalismus“: Das hat doch noch nie etwas Gutes gebracht. Dann wäre da die Tourismusgeschichte: Die Costa Brava ist für Deutsche Urlauber seit 50 Jahren ein Inbegriff für Spanien und kann doch nicht plötzlich etwas ganz anderes sein. Und schließlich das selsame vorherrschende idyllische Bild vom spanischen Staat: Die Spanier sind so nette Menschen, warum wollen die Katalanen das nicht einsehen?

„Von Nationalismus sprechen wir nicht mehr“, erläutert Estruch, „sondern vom Recht auf Selbstbestimmung.“ Ein demokratischer Grundwert anstelle eines belasteten Begriffs – so will man im Ausland um Verständnis werben für den Wunsch nach einem Referendum über die Unabhängigkeit. Aus dem gleichen Grund fahren katalanische Politiker ihre alten Schlagworte von der Nation und der „nationalen Tatsache“ („el fet nacional“) zurück und setzen in ihrer Rhetorik stattdessen auf Gefühligeres, auf das „sentiment nacional“. In der Ansprache von Präsident Mas zu Sant Jordi wird Katalonien zur „Rose, die wir alle pflegen müssen“, auch wenn sie „ein paar Dornen hat“, und Mas preist die katalanische Gesellschaft als „eine Gemeinschaft von Menschen, die frei, kreativ, großzügig und weltoffen ist“.

Die neue Rhetorik setzt einen klaren Kontrapunkt zu einer benachbarten Tradition des Nationalgefühls. „Die Unabhängigkeit Kataloniens? Nur über meine Leiche und über die vieler anderer“, polterte unlängst Francisco Alamán Castro, ein Oberst der spanischen Armee. Die Soldaten hätten den „heiligen Schwur“ geleistet, für die „Einheit Spaniens“ und seine „territoriale Unversehrtheit“ zur Not ihr Leben zu geben. Man solle bloß nicht „den schlafenden Löwen wecken“.

Solche Töne entsprechen zwar nicht dem gemäßigten Anstrich, den sich die konservative Regierung in Madrid derzeit gibt, doch sie bilden auch im vierten Jahrzehnt nach dem Ende der Franco-Diktatur eine Konstante im spanisch-katalanischen Konflikt. Bloß in der internationalen Berichterstattung werden sie, zugunsten des „netten“ Spaniens und der vermeintlich rein ökonomischen Motive der katalanischen Independentistes (Befürwortern der Unabhängigkeit), meist verschwiegen.

Ob die katalanische Unabhängigkeitsbewegung in den nächsten Jahren ihr Ziel erreicht oder nicht: Indem sie ihr ideologisches Vokabular entrümpelt, es freundlicher gemacht hat, kann sie als Paradigma erscheinen für eine Neugewichtung des Nationalgefühls – eben nicht mehr martialisch und machtgierig, sondern gutmütig und gastfreundlich. Gerade der Kontrast zu den Drohungen eines rechtsradikalen spanischen Obersten legt eine solche Deutung nahe. Historisch gesehen und vielfach noch heute, wenngleich aus deutscher Perspektive schwer vorstellbar, ist der katalanische Nationalismus vor allem eine politisch linksgerichtete Bewegung. Der Historiker Xavier Díez versucht sogar nachzuweisen, dass das katalanische Unabhängigkeitsstreben seine entscheidenden Grundlagen im Anarchismus habe.
Präsident Artur Mas war bis vor einigen Jahren kein Befürworter der Loslösung von Spanien, sondern ein pragmatischer Liberaler, ein Festtagsrhetoriker, darauf ausgerichtet, die katalanische Eigenständigkeit feierlich zu beschwören und innerhalb des spanischen Staates möglichst günstige Regelungen für Katalonien auszuhandeln.

An die Spitze der Unabhängigkeitsbewegung setzte er sich erst, als er sah, dass ihn die Ereignisse sonst überrollen würden. Nun verwaltet er – in einem schwierigen, für seine Partei durchaus schmerzhaften Zweckbündnis mit den Linksnationalisten – ein politisches Projekt, das nicht aus parteipolitischer Strategie hervorgegangen ist, sondern aus dem aufgewühlten Nationalgefühl der katalanischen Bevölkerung. Spätestens nach der Massendemonstration im September 2012, die unter dem Motto „Katalonien, neuer Staat Europas“ eineinhalb Millionen Menschen auf die Straße brachte, gab es für diese Initiative kein Zurück mehr.

Die Aktivisten beeilen sich, weitere Besänftigungssignale ins aufgeschreckte Europa zu senden: „Wir sind ein kleines Land, und die kleinen Länder werden nie gefährlich“, beteuert der Philosoph Josep Maria Terricabras. „Gefährlich werden nur die großen.“

Da mag man an Russland denken, wo ein Präsident im Namen des Nationalgefühls Nichtregierungsorganisationen das Handwerk legt und sein Identitätsverständnis in Sätze gießt wie: „Russland ist kein Land für Schwule.“ Bei einem Staat mit Großmachtstatus überschreitet die europäische Empörung über solche Anwandlungen kaum den Bereich des Rituellen. Man kann ohnehin nichts dagegen tun. Andererseits, ab welcher Größe fängt ein Nationalgefühl an, gefährlich zu werden? Ungarn etwa ist ein kleines Land, doch unter der Regierung Orbán blüht mitten in der Europäischen Union ein Nationalismus der alten, üblen Sorte – mit dem sattsam bekannten Appell an ein „Wir“, das andere ausschließt und stigmatisiert, – und mit schwer einzuschätzender Sprengkraft.

Kann es überhaupt ein Nationalgefühl geben, das dagegen langfristig gefeit ist? Wird der Wunsch des Einzelnen nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit nicht zwangsläufig irgendwann zum Chauvinismus, wenn er sich an das Konzept Nation bindet?

Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung mit ihrer betont weltoffenen, proeuropäischen Haltung oder auch der „entspannte Patriotismus“, den Deutsche seit der Fußball-WM 2006 zeigen, haben die Chance, den Gegenbeweis anzutreten: als neue, vielleicht sogar progressive Formen von Nationalgefühl. Doch Gefühle bleiben immer unberechenbar. Sie können auch blitzschnell umschlagen.



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