Das Urschöne

von Barbara Vinken

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


In der abendländischen Tradition steht die Liebe im Spannungsverhältnis von verheerender Leidenschaft und hehrer Himmelsmacht. Platons Liebeslehre ist eine Erkenntnislehre für Eingeweihte. „Der Eros, der sich an der Schönheit eines Körpers entzündet, führt den Liebenden in einem aufsteigenden Weg zur Schönheit aller Körper, zur Erkenntnis der Schönheit der Seelen und schließlich zur Erkenntnis des Urschönen.“ Der erotische Weg, den Platon beschreibt, ist ein Weg der Verallgemeinerung: vom einen Körper zu den vielen; ein Weg der ästhetischen Ethisierung: zur schönen Lebensführung; und ein Weg der Sublimierung: von der Schönheit der Leiber zu der der Seelen und schließlich zu der des Urschönen. Die, die lieben, verlieren sich nicht im Wahn, sondern finden die Wahrheit: die Liebe, eine Himmelsmacht.

Andere waren weniger optimistisch. Eros ist ihnen ein grausamer Dämon, Venus eine höllische Furie. Und das ist sie vor allen Dingen dann, wenn gegen die Staatsräson geliebt wird. Die Liebe Didos, der Königin von Karthago, zu Aeneas, dem zukünftigen Gründer von Rom, ist eine solche Liebe gegen die Staatsräson: Didos Leidenschaft, die Aeneas an ihr Bett fesselt, droht ihn schlicht von seiner Mission abzubringen. Vergil schildert die Liebe als schleichende Krankheit, die das Mark verzehrt, als Pfeil, der der tödlich getroffenen Hirschkuh in der Flanke stecken bleibt, als Fallstrick, in dem die Gefangene hilflos und elend gefesselt zugrunde geht, als Gift, das durch die Adern rinnt und schließlich den ganzen Körper in Brand versetzt und zum Wahnsinn führt. Unheilbar – das ist Vergils medizinische Diagnose. Liebe ist ein Vernichtungskrieg, der mit anderen Mitteln ausgetragen wird und zum schlechten Ende, zu Wahnsinn und Selbstmord führt. Als Aeneas sie auf Befehl der Götter verlässt, um Rom zu gründen, stürzt sich Dido in sein Schwert.

Und die Liebe steht im Konflikt zwischen Familie und Individuum. Sie stellt das Individuum gegen die Familie, gegen die Gesellschaft. Im Namen der Liebe rebelliert das Individuum für die Freiheit, sich den Geliebten selbst auszusuchen und nicht den von den Eltern gewählten, den von der Gemeinschaft ausgesuchten zu nehmen. Denn „Heiratspolitik“ sagt ja ebendieses: Die Interessen der Gemeinschaft und der Familien zählen beim Schließen einer Ehe, und nicht das individuelle Liebesglück, das im Fall des Falles schlicht geopfert werden muss. Im Interesse der Familie werden Kronprinzessinnen so gut wie jüdische Bankiers- und kleine Bürgerstöchter verheiratet. Von der aus Gründen der Staatsräson zwischen Marie Antoinette und Louis XVI geschlossenen Ehe erhofft man sich keine Liebe, sondern Kinder. Der steinreiche Bankier Rothschild verheiratet seine Töchter gleichgültig gegen deren Neigungen mit Christen, um die Integration in die französische Gesellschaft voranzutreiben, aber trotzdem jüdische Enkelkinder zu bekommen.

Auch die Literatur kennt das Thema: Emmas Vater nimmt Charles Bovary deshalb zum Schwiegersohn, weil er keine Mitgift verlangt. Davor ist Charles von seiner Mutter mit einer alten und angeblich sehr reichen Witwe verheiratet worden, die im Bett kalte Füße hat. Anna Karenina wird mit ihrem viel älteren und hässlichen Mann verheiratet, weil er eine ausgesprochen gute Partie ist. Weil er ihr eine glänzende gesellschaftliche Stellung verspricht, wird die blutjunge Effi Briest mit Instetten verheiratet, der älter als ihre Mutter ist. Tritt die Liebe zu einer solchen arrangierten Ehe hinzu, ist das der erhoffte Glücksfall. Oft ereignet sie sich jedoch außerhalb der Ehe. Die Rebellion gegen die Konventionen, das sich Hinwegsetzen über die Institution im Namen der Liebe ist dann oft tödlich. Tristan und Isolde schrecken um ihrer Liebe willen nicht vor Mord zurück und gehen schließlich selbst an ihr zu Grunde. Anna Karenina wirft sich vor den Zug.

Gäbe es diesen Konflikt zwischen Liebe und Gesellschaft nicht, wären wir um viele Tragödien, viele Opern, viele Kömodien, viele Romane ärmer. Die Liebe ist Rebellion – gegen die Familie, gegen die Gesellschaft. Diese Rebellion aus Liebe, dieser Kampf für die Freiheit der Liebe, geht bis zum Tod. Das ist der mythische Stoff, aus dem unsere Dramen gestrickt wurden. Die Liebe gegen die Familienmacht, gegen die Gesellschaft zu behaupten, ist der Freiheitskampf, der unermüdlich auf der Bühne geführt wurde.

Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia“ fasst diesen Konflikt archetypisch. Die beiden, die sich hier so unsterblich verlieben, kommen aus zwei Familien, die sich in unversöhnlichem Hass gegenüberstehen. Nicht Liebe, sondern Mord herrscht zwischen ihnen. Seine Tochter Julia sieht der Vater Capulet selbstverständlich für jemanden aus seinem Clan vor und selbstverständlich hat Julia nicht die Freiheit, mit dem zu gehen, den sie über alles liebt: den Anführer des feindlichen Clans. Julia hat aber auch nicht diese innere Freiheit: Mit Romeo kann sie nicht fliehen, weil sie das Haus der Capulets buchstäblich verkörpert und durch eine Flucht ihre Familie entehren, ruinieren würde. Romeos und Julias Liebe ist eine Liebe zum Tod.

Heute ist dieser Kampf um die Freiheit der Liebe gewonnen. Die letzte Etappe in diesem Kampf um die freie Liebe war die 1968er-Revolution. Wir dürfen lieben, wen, wann, wo und wie wir wollen. Kein Mensch erwartet mehr, dass eine Frau jungfräulich in die Ehe geht. Affären machen eine Frau höchstens interessanter. Sexualität und Zeugung sind voneinander abgelöst und das Risiko ungewollter Schwangerschaften besteht kaum mehr. Schande und Entehrung sind uns fast unbekannte Konzepte. Kinder, die außerhalb der Ehe geboren werden, sind kein Stigma mehr für die Mutter, sondern frei gewählt. Arrangierte Ehen gibt es jedenfalls in unseren Breitengraden nicht mehr. Heiraten sind Liebesheiraten. Ehen werden problemlos ohne Schuldfrage geschieden. Die Ehe wird nicht mehr als Institution, sondern als Ort der Lust für beide Partner betrachtet; man bleibt nur so lange zusammen, wie man sich begehrt. Da Leidenschaft nicht gerade ein taugliches Fundament für Institutionen ist, hat das zur seriellen Monogamie geführt. Die Ehe mit einer bürgerlichen, geschiedenen Frau kann wie im Fall des Prince of Wales eventuell noch zum Verlust des Thronanspruches führen. Härtere Sanktionen sind nicht zu befürchten. Frauen können Frauen, Männer können Männer heiraten. Im wahrsten Sinne des Wortes ist Liebe, einst die Fessel aller Fesseln, ganz frei, aber im selben Zug auch unverbindlich geworden.

Die Frage ist, ob bei aller gewonnenen Freiheit „Liebe“ und „Partnerschaft“ heute nicht Inbegriff des Gesellschaftskonformen sind. Und unsere Toleranz repressiv. Kollektiv stehen wir unter dem Imperativ einer erfüllten Sexualität. Diese ist stärker denn je an das Paar gebunden. Nur im Paar gelten wir als ganz. Von unseren Kindern wird erwartet, dass sie spätestens mit sechzehn eine Freundin oder einen Freund haben. Wedekinds „Frühlings Erwachen“ ist nicht mehr tragische Verstrickung; die 16-Jährigen sind dort fast ein bisschen spät dran und unsere Jugendlichen sollen es ihnen – natürlich ohne die tragischen Folgen – ganz unverbindlich bitte nachtun. Wichtigstes Kriterium für ein gelungenes Leben ist eine funktionierende, das heißt sexuell erfüllende Partnerschaft. Alles darf man in den Sand setzen: das nicht. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Geschlechtspartner homo- oder heterosexuell sind. Wie stark die Norm des Paares geworden ist, zeigt auch der Kampf der Homosexuellen um das Recht zur Ehe, das nicht nur juristische oder ökonomische Gründe hat, sondern symbolische.

Der Anspruch der Gesellschaft an den Einzelnen scheint zu sein: Du sollst, du musst genießen. Bei so viel Pflicht zur Lust verkümmert Leidenschaft oft zum Sex. Eine Affäre sollte auf gar keinen Fall Abgründe des Verzehrs, Sehnens und des Schmerzes aufreißen, sondern aufbauend in das „Feel good about yourself“-Programm integriert werden. Gesunder Sex wird zum Teil des Fitness-Pensums: Schließlich werden bei einem Orgasmus so und so viel Kalorien abgebaut und das Herz an seine Höchstgrenze getrieben. Wäre Sex eine olympische Disziplin, würden Cosmopolitan-Leser regelmäßig Goldmedaillen gewinnen.

Vielleicht ist es der moderne Befehl zur Lust – mit oder ohne Liebe, aber bitte im Paar –, der junge Menschen scharenweise ins spießige Idyll treibt, wo die Liebe weder Himmelsmacht noch Dämon ist, so verbindlich wie wenig fesselnd, und man weder himmelhochjauchzend noch zu Tode betrübt, dafür aber auch nicht glücklich, sondern bestenfalls zufrieden ist. Der Wunsch nach einer stabilen, auf Treue und Vertrauen gründenden Partnerschaft mit zwei Kindern im Eckreihenhaus im Grünen war noch nie so stark wie heute. 



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