Handelsbeziehungen

von Arlie Russell Hochschild

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Im Westen hat man sich daran gewöhnt, dass ein Arbeitsmigrant sich um ein Kind aus der Ersten Welt kümmert oder man mal eben den Flieger nimmt, um sich im Ausland operieren zu lassen. Heutzutage kann sich ein Westler mit mittlerem Einkommen sogar ganz legal an eine indische Klinik wenden und eine Leihmutter mieten, die für ihn ein Kind austrägt.

Die Akanksha Infertility Clinic in Anand im indischen Bundesstaat Gujarat verfügt über die größte Zahl an Leihmüttern weltweit  – Frauen, die ihre Gebärmutter „verleihen“, um befruchtete Eizellen von Kunden aus Indien und dem Ausland auszutragen. Normalerweise wird der Leihmutter eine befruchtete Eizelle des Kundenpaares eingepflanzt. Falls die Ehefrau keine Eizellen produzieren kann, können diese gekauft und mit dem Sperma des Ehemanns befruchtet werden. Seit die Akanksha-Klinik im Jahr 2004 erstmals ihre Dienste anbot, hat sie die Geburt von über 500 Babys betreut. 60 Leihmütter tragen jeweils ein Baby aus. Und Akaksha ist nicht die einzige Klinik, die entsprechende Dienste anbietet. Seit Leihmutterschaften in Indien 2002 für rechtens erklärt wurden, haben landesweit mehr als 350 Kliniken für künstliche Befruchtung ihre Türen geöffnet.

Im Januar 2009 folgte ich einem freundlichen Embryologen, Harsha Bhadarka, in ein Büro im Obergeschoss der Akanksha Infertility Clinic, um mit zwei Leihmüttern zu sprechen, die ich Geeta und Saroj nennen werde. Schüchtern nickend be­traten sie den kleinen Raum. Die beiden wohnten im zweiten Stock der Klinik, während die meisten anderen Leihmütter für die Dauer ihrer Schwangerschaft in einem der beiden klinikeigenen Hostels untergebracht waren. Im Hostel schliefen die Frauen neun Monate lang zu neunt in einem Zimmer auf Feldbetten. Jüngere Kinder durften bei ihnen schlafen; ältere Kinder durften nur zu Besuch kommen, jedoch nicht bei ihnen übernachten. Die Frauen erhielten nahrhaftes, mit Eisen angereichertes Essen auf Blechtabletts und wurden von neugierigen Schwiegereltern und einsamen Ehemännern ferngehalten; sie durften neun Monate lang nicht nach Hause und keinen Sex haben. Wie andere Leihmütter, mit denen ich sprach, lernte auch Geeta die genetischen Eltern, die sie bezahlten, nur flüchtig kennen. „Sie kommen von weit her, ich weiß nicht, woher”, sagte sie über die Eltern, deren Baby sie austrug. „Sie sind Kaukasier, das Baby wird also weiß sein.” Neben Geeta saß Saroj, eine korpulente dunkle Frau mit durchdringenden neugierigen Augen und einem Mund, der sich langsam zu einem Lächeln verzog.

Wie andere hinduistische Leihmütter in Akanksha trug sie „sindoor“ (einen roten Puder, der auf den Scheitel aufgetragen wird) und „mangalsutra“ (eine Kette mit einem goldenen Anhänger), beides Hochzeitssymbole. Sie habe drei Kinder, erzählte sie mir, ihr Mann verkaufe auf der Straße Gemüse. Vor einem Jahr und drei Monaten hatte sie erstmals ein Kind für ein anderes Ehepaar ausgetragen; nun wartete sie, ob sich die Eizelle bei diesem zweiten Mal einnisten würde. Die genetischen Eltern stammten aus dem indischen Bangalore (Schätzungen zufolge sind die Hälfte der Kunden, die sich zwecks Leihmutterschaft an eine indische Klinik für künstliche Befruchtung wenden, Inder. Die andere Hälfte stammt aus dem Ausland, ungefähr die Hälfte davon wiederum aus den USA). Auch Saroj wusste so gut wie nichts über ihre Kunden. „Sie kamen, sahen mich und gingen wieder“, sagte sie. Da ihr Mann nur 1260 Rupien (rund 17 Euro) im Monat verdient, entschied sich Saroj für eine Leihmutterschaft, damit die Familie aus dem Schuppen mit Lehmfußboden in ein regensicheres Haus umziehen und sie ihre Familie gut ernähren konnte. (Eine Leihmutter in Indien verdient etwa zwischen 2.300 und 3.800 Euro, in den USA sind es um die 23.000).

Sie stand jedoch vor demselben Dilemma wie alle Leihmütter vom Land: Nachbarn und entfernte Verwandte verdächtigten sie des Ehebruchs – und das sei ein Grund, sie zu meiden, wenn nicht gar Schlimmeres. Ich fragte die Frauen, ob sich durch das Geld, das sie verdienten, nicht auch ihr sozialer Status verbessert habe. Zum ersten Mal mussten sie laut lachen und redeten aufgeregt miteinander. „Mein Schwiegervater ist tot und meine Schwiegermutter lebt getrennt von uns, und zuerst habe ich es vor ihr versteckt“, sagte Saroj. „Doch als sie es herausfand, sagte sie, sie empfinde es als einen Segen, eine Schwiegertochter wie mich zu haben, denn ich hätte der Familie mehr Geld gebracht, als ihr Sohn es könne. Manche Freunde fragen mich allerdings, warum ich mir das alles antue. Ich sage ihnen: ‚Das ist meine eigene Entscheidung.‘“

Die Direktorin von Akanksha, Dr. Nayna Patel, organisierte Leihmutterschaft ganz in der Art, wie jemand die Herstellung von Bekleidung oder Schuhen organisiert. Stolz war sie darauf bedacht, das Inventar zu vermehren, Qualitätskontrollen durchzuführen und die Effizienz zu verbessern. Im Falle von Leihmüttern bedeutete dies konkret, mehr Babys zu produzieren, Ernährung und Sexualkontakte der Leihmütter zu überwachen und eine reibungs- und emotionslose Übergabe des Babys gegen Geld zu gewährleisten. (Für jede Rupie, die an die Leihmutter geht, erhält die Klinik Schätzungen zufolge das Dreifache). Die Frauen verbrachten fast die gesamte Zeit im Hostel, wo sie sich auch sportlich betätigen konnten; Ausgang gab es nur mit Erlaubnis. Nach Ansicht der Klinikdirektorin wickelten Kunde und Anbieter ein Geschäft zum beiderseitigen Nutzen ab.

Ein kinderloses Paar bekäme ein Kind. Eine arme Frau verdiene Geld. „Wo soll das Problem sein?“ fragte sie. Wenn man nicht hinter die Kulissen des freien Weltmarktes blickt, hatte Dr. Patel durchaus recht. Doch hinter den Kulissen geschieht einiges mehr. Wie Kindermädchen leisten Leihmütter ein hohes Maß an emotionaler Arbeit, um Gefühle zu unterdrücken, die sich störend auf die Arbeitsleistung auswirken könnten – Gefühle für die Babys etwa, die sie austragen. Leihmütter leisten die emotionale Arbeit, sich von dem Baby, das sie austragen, zu trennen und von dem Teil ihres Körpers zu lösen, der das Baby austrägt; sie leisten die emotionale Arbeit, ein Gefühl der Selbstentfremdung gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Was passiert, wenn eine Leihmutter bei der Geburt stirbt? Oder die Auftraggeber, die genetischen Eltern, ein behindertes Baby ablehnen? Oder das Geld nicht bei der Leihmutter ankommt? Seit 2004 stehen Gesetzesvorschläge zur Regelung der kommerziellenLeihmutterschaft  in Indien zur Diskussion, doch bis heute ist kein Gesetz verabschiedet worden. Selbst wenn es dazu käme, würde sich an den Lebensbedingungen von Frauen wie Geeta und Saroj wenig ändern. Der Entwurf, über den derzeit beraten wird, sieht vor, dass der Arzt – und nicht die Leihmutter – das Recht hat, über eine „fötale Reduktion“ – eine Abtreibung – zu entscheiden. Unter keinen Umständen kann die Leihmutter darüber entscheiden, da sie aus rechtlicher Sicht nicht ihr eigenes Kind austrägt. Außerdem hat die föderale Gesetzgebung in Indien für starke Regierungen in den Bundesstaaten lediglich beratenden Charakter; es steht ihnen frei, Bundesgesetze schlicht zu ignorieren.

Zudem sind die meisten Gerichte in Indien mit Prozessen so hoffnungslos im Verzug, dass es zu jahrelangen, manchmal jahrzehntelangen Verzögerungen kommt. Selbst wenn das Gesetz beschlossen würde, welche Leihmutter könnte die Verträge lesen, die sie unterschrieben hat? Die meisten Menschen in Gujarat sind sieben Jahre zur Schule gegangen, und die Verträge sind auf Englisch abgefasst. Manche Leihmütter, die Analphabetinnen sind, unterschreiben per Daumenabdruck. Selbst wenn sie den Vertrag lesen könnte, welche geschädigte Leihmutter könnte sich einen Anwalt leisten?

Sollte das Gesetz im indischen Parlament verabschiedet werden, würde es nichts an der erdrückenden Armut ändern, die Frauen überhaupt erst dazu treibt, sich als Leihmutter anzubieten. Die indische Regierung betrachtet Leihmutterschaft wie andere Formen des medizinischen Tourismus als eine Form „wirtschaftlicher Entwicklung“. Sie macht privaten Krankenhäusern, die Patienten aus dem Ausland behandeln, Steuergeschenke und senkt die Einfuhrzölle für medizinische Güter. Mit 455 Millionen Dollar Umsatz im Jahr verbessern Leihmutterschaften die nationale Bilanz. Doch wie im Falle der Migranten, die Geld nach Hause schicken, lindert das Einkommen aus kommerziellen Leihmutterschaften die Armut Einzelner; an der Gesamtentwicklung der lokalen Wirtschaft ändert es wenig.

Der Beitrag ist eine adaptierte Version eines Textes, der im Juli 2013 in dem Sammelband "So How's the Family? And Other Essays" bei University of California Press erscheint.
Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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