Das Leuchten der Neuronen

von António Damásio

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Es ist gut möglich, dass die Geschichte Menschen und Kulturen eines Tages danach bewertet, was sie denken und tun, und nicht danach, was sie fühlen. Tatsache bleibt jedoch, dass die Qualität unseres Denkens und Handelns im Großen und Ganzen nicht losgelöst ist von unseren Gefühlen. Ganz im Gegenteil hängen unser Denken und Handeln in hohem Maße von unseren Gefühlen ab, im Guten wie im Schlechten.

Die Vorstellung, dass Gefühle negativen Einfluss auf unser Handeln haben können, ist natürlich nicht neu. Sie entspricht dem seit Langem bestehenden konventionellen Blick auf menschliches Verhalten. Der Erfolg des reinen Rationalismus beruht zu einem großen Teil auf einer verwandten Vorstellung: dass das Abschalten jeglicher Gefühlsregungen den Geist frei macht, damit er gut funktionieren kann, allein und ohne Interferenzen. Neu an meiner Position ist der Gedanke, dass sowohl negative als auch positive Emotionen und Gefühle unter den richtigen Umständen eine wichtige Rolle für unser Denken und Handeln spielen, ja dass Emotionen und Gefühle für Anpassungs- und kreatives menschliches Verhalten sogar unverzichtbar sind.

Wie kommt es, dass Emotionen und die aus ihnen entstehenden Gefühle, die so lange in die hintersten Reihen verwiesen wurden, mittlerweile als seriöse und erstrebenswerte Komponenten unseres Verhaltensrepertoires in Erscheinung getreten sind und sich sogar zu reizvollen und angesehenen Themen der Mind-and-Brain-Forschung, der interdisziplinären Forschung zu Geist und Gehirn, entwickelt haben? Und in welcher Weise üben Gefühle ihre positive Rolle aus und welche Errungenschaften hat die Menschheit ihnen zu verdanken? Gefühle, so mein Ergebnis, sind für den gesunden menschlichen Verstand nicht nur unabdingbar, sondern sie haben in der gesamten Menschheitsgeschichte anregende, bemerkenswerte Kreationen hervorgebracht, die einige der am meisten beachteten gegenwärtigen Eigenschaften unserer Spezies ausmachen. Doch bevor ich diese wunderbaren Entwicklungen skizziere, muss ich zunächst erklären, worüber wir sprechen, wenn wir aus Sicht der modernen Mind-and-Brain-Forschung von Gefühlen sprechen.

Woher kommen Gefühle und was leisten sie? Die moderne Forschung beantwortet diese Frage so: Gefühle sind mentale Erfahrungen eines speziellen Teils der Realität, nämlich des lebenden Körpers und des Zustands, in dem er sich gerade befindet. Die Organe und Gewebe des Körpers – Eingeweide wie Herz, Lunge, Darm, Haut und die Gewebe, aus denen sie bestehen – verändern permanent ihren Zustand. Das ergibt sich aus einer einfachen Tatsache: Um zu überleben, muss der Körper die Abläufe des Lebens innerhalb enger Parameter halten. Diese schwierige Regulation wird als „Homöostase“ bezeichnet, damit sind die weitgehend automatischen physiologischen Reaktionen gemeint, die erforderlich sind, um in einem lebenden Organismus stabile innere Zustände aufrechtzuerhalten.

Während das Gehirn vielfältige Bedürfnisse verspürt – einen Mangel an Wasser oder an Energie, eine zu hohe oder zu niedrige Temperatur und so weiter – passt sich der Körper an, um die Abläufe ins überlebensfähige Maß zu bringen. Die elementarsten Gefühle unseres Repertoires – Hunger, Durst, Lust – sind Erfahrungen von Körperzuständen. Sie zeigen an, dass (wie im Falle von Hunger und Durst) etwas fehlt oder dass ein Teil des Körpers verletzt ist (Schmerz) oder dass alles bestens ist (Lust). Kurzum: Gefühle sollte man in erster Linie als Wächter betrachten, als bewusste Beobachter unseres Lebens, während wir uns bewegen, handeln und uns mit der Welt beschäftigen.

Könnte menschliches Leben ohne Gefühle reguliert werden? Oder anders gefragt: Könnte es ohne die mentale Erfahrung von Körperzuständen ablaufen? Die Antwort lautet: Ja, theoretisch könnte es das, aber Gefühle machen diese Abläufe effizienter. Unser Leben wäre ohne Gefühle nicht von langer Dauer. Gefühle machen auf ein Problem oder eine gute Verfassung aufmerksam und zwingen den Geist zum Handeln, sodass ein Vorteil ausgenutzt oder das Problem angegangen werden kann – und zwar schnell. Gefühle lassen uns auch besser begreifen, dass gewisse Situationen gefährlich (oder vorteilhaft) sind. Die Erfahrungen, die aus jenem optimierten Lernen resultieren, können genutzt werden, um die Zukunft zu antizipieren und entsprechend zu planen.

Emotionen und Gefühle sind aufs Engste miteinander verbunden, aber sie sind nicht dasselbe. Wenn ich auf eine beängstigende Situation etwa mit Angst reagiere, durchlebt mein Körper eine Reihe von Veränderungen, deren Fülle die Emotion Angst ausmacht. Bei Emotionen geht es um Reaktionen, die im Körper ablaufen, wie etwa ein beschleunigter Herzschlag, erhöhter Blutdruck, veränderte Atemmuster, blasse Haut, das Ausschütten von Kortisol in den Blutkreislauf, das Zusammenziehen des Darms – aber nicht nur ums sie. Auf der anderen Seite besteht das Gefühl von Angst zum großen Teil aus meiner mentalen Erfahrung dieser Veränderungen. Dieser Unterschied muss ganz klar sein. Die Emotion Angst ist ein Konzert von Vorgängen im Körper, die alle – manchmal sogar mit bloßem Auge (auch von anderen Menschen) – beobachtet und gemessen werden können. Das Gefühl Angst ist eine mentale Erfahrung ähnlich der Erfahrung von Hunger oder Durst oder Schmerz, nur komplexer. Eine mentale Erfahrung können wir beschreiben und ihre Intensität abschätzen, aber wir können sie nicht genau messen.

Um die Unterscheidung zwischen Emotionen und Gefühlen weiter zu ergänzen, müssen wir im Hinterkopf behalten, dass nicht alle Gefühle gleich sind: Manche Gefühle entstehen nicht aus Emotionen, sondern aus noch elementareren Körperzuständen. Wir können nicht nur die als Emotionen bekannten besonderen Körperzustände empfinden, sondern auch die vielen anderen Zustände des Körpers, die ein fester Bestandteil fortlaufender Lebensprozesse sind: die einfacheren Zustände, die die Veränderung eines Parameters im Körper widerspiegeln – den Glukosespiegel im Fall von Hunger oder den Wasseranteil im Fall von Durst.

Im Gehirn lösen diese Körperzustände Aktivitäten aus, Neuronen leuchten auf und ergeben zusammengenommen eine bestimmtes wiederkehrendes und beobachtbares Muster. Emotionen und Körperzustände haben also im Gehirn eine Repräsentation, sie werden abgebildet. Wir können nun beobachten, dass dieselben Gehirnregionen, die durch Emotionen verursachte Körperzustände abbilden, auch bei grundlegenderen Körperzuständen aktiv werden. Die Repräsentationen der Köperzustände im Gehirn schaffen die Grundlage dafür, dass wir diese Zustände mental erfahren können.

Entwicklungsgeschichtlich gingen elementare Körperzustände der Ausbildung von Emotionen voraus: Tiere hatten selbstverständlich Hunger, Durst oder Schmerz entsprechende Körperzustände, bevor sie Körperzustände hatten, die Freude und Trauer und Mitgefühl entsprachen. Dies ist in aller Kürze das, worüber wir reden, wenn wir über Emotionen, Körperzustände und die Gefühle reden, die das bewusste Erleben von beiden erst möglich machen.

Gefühle finden im Geist statt und sind nur für den Besitzer dieses Geistes und niemanden sonst direkt verfügbar. Alles, was man braucht, um ein Gefühl zu erleben, ist ein Bewusstsein. Dank der modernen Werkzeuge der Neurowissenschaft (wie etwa des Kernspintomografen) können wir heute jedoch eine Reihe von Phänomenen beobachten, erfassen und analysieren, die so eng mit dem Erleben von Gefühlen einer anderen Person korrelieren, dass diese zu Stellvertretern von Gefühlen werden. Wenn man zum Beispiel Angst erlebt, werden bestimmte Hirnregionen auffällig aktiv. Zu diesen Regionen zählen ein großer Teil der Großhirnrinde, der als Insula bezeichnet wird, und Teile des Hirnstamms, des wichtigen und entwicklungsgeschichtlich ältesten Teils des Gehirns, der die jüngere Großhirnrinde und die Basalganglien mit dem Rückenmark verbindet. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Regionen, die während des Erlebens von Gefühlen besonders aktiv sind, auch bei der Repräsentation von Körperzuständen aktiv werden.Genauer gesagt registrieren sie die physiologischen Veränderungen, die ich oben beschrieben habe – ein für die Aufrechterhaltung des Lebens notwendiger Vorgang.

Mit den modernen Instrumenten der Wissenschaft kann ich die Phänomene Emotion und Gefühl als eine einmalige Abfolge von eigenartigen Ereignissen beschreiben. Die Abfolge beginnt mit einem Ereignis, das der Auslöser der Emotion, zum Beispiel Angst, ist. Dieses Ereignis kann in einem Film dargestellt sein, den man gerade sieht, oder in einem Roman, den man liest, oder es kann sich in der Realität ereignen – ein Schatten oder ein unvermitteltes Geräusch in einer dunklen Straße oder ein besonderes Musikstück. Vielleicht erinnert man sich auch an ein Ereignis aus der Vergangenheit, das damals Angst ausgelöst hat. Ganz gleich, was die Ursache sein mag: Sobald das Ereignis wahrgenommen wird, findet eine emotionale Reaktion statt. Teile des Gehirns wie die Amygdala lösen ein Aktionsprogramm aus, wie ich es oben beschrieben habe. Während dieses Programm abläuft und das Gehirn die Aktionen abbildet, die in dem sich nun rasch verändernden Körper vor sich gehen, tritt die mentale Erfahrung dessen, was im Körper abläuft, ein. Aufgrund des engen zeitlichen Nebeneinanders ist die Erfahrung kausal mit dem Triggerereignis, als dem auslösenden Reiz, verbunden, woraufhin der Kreis vom Ereignis und der bewussten Erfahrung der Angst sich schließt.

Ein Grund, weshalb die Unterscheidung zwischen Emotion und Gefühl so wichtig ist, sollte nun klar sein. Die Unterscheidung ermöglicht es, den Prozess realitätsgetreu nachzuverfolgen und den Blick auf die verschiedenen Schritte zu richten, die zeitlich geordnet in verschiedenen Teilen des Gehirns und in verschiedenen Aspekten des eigenen Seins ablaufen – das wahrgenommene Ereignis, mit dem alles anfängt; die Gehirnregionen, deren Aufgabe darin besteht, Emotion zu erzeugen; der Körper, der sich durch das emotionale Aktionsprogramm verändert; die Gehirnregionen, die diese körperlichen Veränderungen abbilden; und schließlich wieder im Bereich des eigenen Geistes, wo die gesamten Vorgängen integriert mental erfahren werden.

Diese Darstellung trifft auf das gesamte Universum von Emotionen und sich später einstellenden Gefühlen zu. Sie gilt für Angst oder Ärger, Freude oder Trauer sowie für komplexe soziale Emotionen wie Mitleid oder Bewunderung, Scham und Verlegenheit, Schuld und Verachtung. Ich schildere hier jedoch nur die vereinfachte Version von Prozessen, die in Wirklichkeit sehr komplex sein können. Angst ist ein relativ praktisches Beispiel, da sie relativ leicht und paradigmatisch sein kann, doch viele Emotionen entstehen aus komplizierten und vielschichtigen Situationen, die Zwischentöne zu den Grundtönen hinzufügen. Man kann also behaupten, dass einige Gefühle reichhaltiger sind als andere, auch wenn der Kern des funktionalen Prozesses derselbe ist.

Die Neurowissenschaft hat es uns in den vergangenen zwanzig Jahren ermöglicht, die Grundlagen für Gefühle auf der Ebene großer Systeme, der Makroregionen des Gehirns, zu erkunden. Derzeit versuchen wir, auch die mikroskopische Ebene des Gefühlsprozesses zu verstehen. Was geht in Neuronen vor, sodass wir etwas spüren? Welche Arten von Neuronen sind an Gefühlen beteiligt? Welche Moleküle tragen zu dem Prozess bei? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir die Zellebene dieser wichtigen Phänomene verstehen. Die Aussicht, die Ursprünge unseres Empfindungsvermögens und unserer Affekte aufzuklären, ist bestechend, und ebenso die Möglichkeit, effektive Behandlungsmethoden für die vielen Gefühlskrankheiten – Schmerzzustände, Depression, Abhängigkeit – zu entwickeln.

Warum sind Gefühle für die Menschheit von so großer Bedeutung? Ich habe bereits erwähnt, dass Gefühle für das Überleben von entscheidender Relevanz sind, da sie Wächter sind, die uns darüber informieren, was in einem lebenden Körper gut oder nicht so gut läuft. Doch es gibt weitere Gründe. Unser Erlernen dessen, wie man lebt, wird von der wiederholten Erfahrung von Gefühlen geprägt, und nicht nur das. Soziales Verhalten, von den frühesten Moral-, Wirtschafts- und Politiksystemen bis hin zur Entwicklung von Religionen, gründet auf dem Erleben von Gefühlen. Das Gleiche gilt für die Entwicklung der Künste. Die gesamte Schöpfungskraft entwickelte sich aus der Gefühlswelt.

Als Gefühle erstmals in der Geschichte der Lebewesen auftauchten, begann ein neues Kapitel. Das Empfindungsvermögen setzte ein und wurde richtungsweisend für das Bewusstsein.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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