Stadt, Land, Revolution

von Bahia Shehab

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Als die Israelis 1982 den Libanon besetzten, schickte meine Großmutter alle ihre Kinder und Enkel in die Berge. Sie selbst bestand darauf, in Beirut zu bleiben. Die Soldaten wollten ihr Haus beschlagnahmen, doch die kleine alte, halb blinde Frau stellte sich den bewaffneten Männern entgegen und rief: „Wenn ihr das Haus wollt, müsst ihr mich zuerst erschießen!“ Nach dieser Großmutter bin ich benannt. Bahia ist ein alter ägyptischer Bauernname. Die Namen der anderen kleinen Mädchen, die ich als Kind kannte, klangen niedlich, wie Lara, Lina oder Nina. Nur ich hatte diesen uralten, sperrigen Namen, der mit so viel Ballast verbunden schien.

Doch ich empfand ihn auch als Privileg und er gab mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Mein Mann, ein Ägypter, liebt „Bahia“, weil es so rustikal klingt und in so starkem Kontrast zu meinem Aussehen steht. Wir trafen uns in Dubai, wo ich mit Anfang 20 lebte. Damals war ich noch keine Künstlerin, sondern arbeitete als Art-Direktorin bei einer Werbeagentur. Es war eine spannende Zeit. Die Stadt boomte, war weltoffen und modern. Trotzdem entschloss ich mich nach fünf Jahren, mit meinem Mann nach Kairo zu ziehen, weil ich schwanger war. Dubai ist eine Transitstadt und gut zum Geschäfte machen, aber nicht, um dort Kinder großzuziehen. Inzwischen betrachte ich Ägypten als meine Wahlheimat – obwohl ich fast überall auf der Welt leben könnte. Ich besitze einen ägyptischen und einen libanesischen Pass und habe eine amerikanische Greencard. Der 15-jährige Bürgerkrieg im Libanon hat meine Familie in alle Welt verstreut, sodass ich in den meisten Ländern zwischen Kanada und Australien sicher sein könnte, dass mich jemand aufnehmen würde.

Doch die ägyptische Kultur war schon in meiner Kindheit allgegenwärtig. Zu Hause hörten wir die Lieder der berühmten ägyptischen Sängerin Umm Kulthum und Aufnahmen der Reden von Gamel Abdel Nasser, der in den 1950er-Jahren eine Politik des Zusammenschlusses der arabischen Länder verfolgte. Wie viele Schulkinder hatte ich ein Stiftekästchen aus Metall –  made in China und mit einer Karte der arabischen Welt als Einheit. Mit dieser mir unterschwellig vermittelten Idee identifiziere ich mich noch heute.

Über den Bürgerkrieg zu sprechen, fällt mir schwer. Nicht nur wegen des Traumas, das man davonträgt, wenn man eines Morgens aufwacht und entdeckt, dass die ganze Straße niedergebrannt ist oder dass der Vater eines Freundes von einem verirrten Geschoss getötet wurde. Es ist auch die Erinnerung an die Erniedrigung, ausgebombt zu werden, immer wieder wie eine Ratte fliehen und in Notunterkünften leben zu müssen. Die Berge waren für meine Familie ein Rückzugsort, wo ich auf Bäume klettern und Blumen pflücken konnte. Es kam mir absurd vor, von so viel Schönheit umgeben zu sein und in Frieden mit Drusen und Christen zusammenzuleben, während nur eine Stunde entfernt an der Küste die verschiedenen religiösen Gruppen sich gegenseitig abschlachteten.

Ein Schlüsselmoment in meinem Leben war, als ich im November 2011 ein Foto auf meiner Facebook-Seite entdeckte. Die Amateuraufnahme zeigte aus der Vogelperspektive mehrere tote Männer auf dem Tahir-Platz in Kairo. Ich dachte, es kann nicht sein, dass neun Monate nach Beginn der Revolution die Regierung Menschen auf der Straße tötet wie Vieh. Ich fertigte eine Schablone mit den Worten „Nein zur Militärdiktatur“ und sprühte meine Botschaft an Mauern auf den Straßen und Plätzen von Kairo. Ich hatte schon vorher politische Kunst gemacht, aber noch nie hatte ich das Bedürfnis gehabt, dies außerhalb von geschützten Galerieräumen zu tun. Inzwischen kann man die revolutionsfreundlichen Gegenden Kairos daran erkennen, dass meine Bilder dort nicht übermalt werden.

Protokolliert von Stephanie Kirchner



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