Editorial

von Jenny Friedrich-Freksa

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)

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Foto: Max Lautenschläger


Wir lieben und fürchten uns, wir sind neugierig, fröhlich, wütend oder traurig, manchmal fühlen wir uns schwach, dann wieder mutig. „Gefühle sind Wächter, die uns darüber informieren, was in einem lebenden Körper gut oder nicht so gut läuft“, schreibt der portugiesische Neurowissenschaftler Antonio Damasio in dieser Ausgabe.

In jedem Menschen wohnt ein ganzes Spektrum von Gefühlen. Doch offenbar prägt jeder von uns bestimmte Emotionen stärker aus als andere. Es gibt Melancholiker und Frohnaturen, Rationalisten und Sensibelchen, Aggressoren und Unterwürfige. Wovon hängt es ab, wie wir unsere Gefühle zeigen? Von den Genen? Von den Eltern? Sind wir für unsere Befindlichkeit selbst verantwortlich oder sind unsere Empfindungen maßgeblich von Gesellschaft und Kultur beeinflusst? Es geht um große Gefühle in diesem Heft, um Liebe, Angst oder Scham. Es geht außerdem darum, wie Emotionen das Weltgeschehen prägen und politische Prozesse beeinflussen: Auch Präsidenten haben mal schlechte Laune. Und wir fragen: Wann sollten wir über Gefühle reden, wann lieber schweigen? Hierzu haben Menschen aus unterschiedlichen Weltregionen oft sehr verschiedene Ansichten. Wie immer erklären und ergründen internationale Autoren diese Themen: Die aus Benin stammende Choreografin Germaine Acogny denkt über Gefühle beim Tanzen nach, der schottische Dichter Robin Robertson über das Unbewusste in der Dichtung.

Der kanadische Psychotherapeut Leslie S. Greenberg glaubt, dass Menschen in allen Kulturen das gleiche emotionale „Grundsystem“ haben. Wie Gefühle ausgedrückt werden, unterliege aber bestimmten Regeln: In China gehöre es sich beispielsweise nicht, in der Öffentlichkeit wütend zu sein – „heißt das, dass niemand wütend ist? Nein!“ In Globalisierungszeiten wird gerne darauf hingewiesen, wie schnell man die Gefühle von Menschen aus anderen Religionen oder Kulturen verletzen kann. Bloß aufpassen, dass Asiaten ihr Gesicht nicht verlieren! Nichts tun, worauf ein Araber empfindlich reagieren könnte!

Wer reist, weiß, wie hilfreich es ist, lokale Sitten und Gebräuche zu kennen. Vielleicht sollten wir uns dennoch mehr auf unsere Intuition verlassen. Und darauf vertrauen, dass fremde Menschen von uns gar nicht erwarten, dass wir uns so verhalten wie sie. Ob man „miteinander kann“ hängt selten vom Einhalten starrer Verhaltenregeln ab, sondern von der Fähigkeit, offen zu sein. Woran es dann liegt, ob man sich mag oder nicht, bleibt oft ein Rätsel – wie so vieles in der Welt der Gefühle.



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