Die Kirchenburg in Radeln

von Peter Maffay

Brasilien: alles drin (Ausgabe I/2013)


Ich stelle mir die Menschen vor, die dort im Mittelalter Schutz suchten: deutsche Siedler, die von den ungarischen Monarchen ins Land geholt worden waren, um es urbar zu machen. Ihre Dörfer lagen weit auseinander und so mussten sich die Bauern allein gegen Tataren, Hunnen und Türken, die aus dem Osten über die Karpaten ins Land drangen, verteidigen. Deshalb bauten sie ihre Kirchen zu Festungen aus, mit Mauern, Verteidigungstürmen und Vorratskellern. Wenn draußen die Häuser brannten, war man drinnen in der Kirchenburg sicher.

Als ich in Siebenbürgen aufwuchs, waren viele dieser Kirchenburgen bereits verfallen. Ans Restaurieren dachte damals niemand, man war viel zu sehr damit beschäftigt, selbst über die Runden zu kommen. Außerdem wurde im kommunistischen Rumänien beobachtet, wer in die Kirche ging, und der Staat versuchte mit allen Kräften zu verhindern, dass ein neues siebenbürgisches Nationalbewusstsein entstand.

Heute gibt es hier noch rund 150 Kirchenburgen, die weltweit größte Ansammlung dieser Bauten, und einige wurden inzwischen mit beeindruckendem Ergebnis wiederaufgebaut. Kirchenburgen waren zum Schutz da, und genau das ist die Kirchenburg in Radeln, die wir zurzeit restaurieren, heute auch wieder: ein Schutzraum für traumatisierte Kinder aus ganz Europa, die hier in den Ferien herkommen können.

Protokolliert von Julia Reichardt



Ähnliche Artikel

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Bücher)

Kunstaustausch

von Gudrun Czekalla

Seit 1963 hat das Berliner Künstlerprogramm des DAAD mehr als 1.000 renommierte internationale Künstler aus den Sparten Bildende Kunst, Musik, Film und Literatu...

mehr


Treffen sich zwei. Westen und Islam (Pressespiegel)

Phönix aus der Asche

Das Nationalmuseum in Bagdad zeigt wieder seine bedeutende Sammlung von Kulturschätzen aus 8.000 Jahren irakischer Geschichte

mehr


Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Weltreport)

„Wie viel Angst hält man aus?“

ein Interview mit Hertha Müller, Liao Yiwu

Die beiden Schriftsteller wurden in ihrer Heimat vom Staat verfolgt. Ein Gespräch über Verzweiflung und Momente des Trosts          

mehr


Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Was anderswo ganz anders ist)

Was die Zahl 4 in der Kultur der Navajos bedeutet

von Moroni Benally

Der Eigenname der Navajo-Indianer in den Vereinigten Staaten von Amerika ist „Diné“, das bedeutet „Menschenvolk“. Im Schöpfungsmythos der Diné wird ihre spirituelle Geschichte durch Sinnbilder vermittelt

mehr


Iraner erzählen von Iran (Magazin)

Jenseits der Stille

von Holger Schulze

Klänge und Geräusche sind allgegenwärtig. Was sie über unser Leben erzählen

mehr


Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Theorie)

„Not macht erfinderisch“

von Marco Solari

Kultur als Standortfaktor: Welche Bedeutung hat Kultur für die Entwicklung von Städten und Regionen? Sind die gewaltigen öffentlichen Investitionen in Kulturevents und kulturelle Institutionen gerechtfertigt?

mehr