Faszinierend und verstörend

von Anna Raulf

Brasilien: alles drin (Ausgabe I/2013)


An einem Freitag im Sommer 2012 passiert etwas Ungewöhnliches auf dem Kariakoo-Markt in Daressalam, der größten Stadt Tansanias. Das bunte, hektische Treiben im Schatten grauer Betonbauten wird jäh unterbrochen, Passanten bleiben stehen, um zu schauen, was sich auf dem kleinen Platz vor der Markthalle abspielt. Männer, Frauen und Kinder – alle lassen ihre täglichen Pflichten ruhen,  Stirnrunzeln, irritierte Blicke, hier und da ein scheues Lächeln auf dem Gesicht. Die Marktbesucher haben einen Kreis um eine Gruppe junger Menschen gebildet, einige Männer und eine Frau, die sich schnell und irgendwie seltsam bewegen. Sie springen hoch, drehen sich, werfen sich auf den Boden, fassen sich an, heben sich hoch, laufen auf den Händen und gestikulieren.

„Das müssen Verrückte sein“, raunt es aus dem Publikum. „Vielleicht wollen sie uns ablenken, um uns auszurauben“, fürchtet ein anderer Passant und eine Dame ist sich sicher: „Das muss ein Tanz gegen Geister sein.“ Auch wenn keine Musik läuft, es handelt sich tatsächlich um Tanz, einen, der in Tansania bislang unbekannt ist: um zeitgenössischen Tanz, jene bewegungs- und ausdrucksbetonte westliche Bühnenkunst, die vieles sein kann, nur eines nicht, nämlich klassisches Ballett. Und so beobachtet die Menge erstaunt, wie physisch um eine Frau geworben wird, wie Männer ihre Konkurrenz miteinander austragen, vor etwas Angst bekommen oder sich freuen. Wer länger stehen bleibt, scheint Gefallen an dem Spektakel zu finden.

Unter den Tänzern ist Isack Peter, ein junger Mann in schwarzer sportlicher Kleidung und weißen Turnschuhen, der die anderen um fast einen halben Meter überragt. Die spontane Performance auf dem größten Markt der Stadt war seine Idee. Tanzen ist seine große Leidenschaft. Schon als Kind fing er damit an, doch als er vor zwei Jahren die Chance bekam, an einem dreimonatigen intensiven Workshop für traditionellen und zeitgenössischen Tanz im Senegal teilzunehmen, veränderte das sein ganzes Leben. „Das war wie ein Wunder für mich. Ich hatte die Möglichkeit, Lehrer und Choreografen aus der ganzen Welt zu treffen und von ihnen zu lernen“,  sagt er strahlend. „Außerdem konnte ich mich mit anderen afrikanischen Tänzern austauschen und erfahren, was in ihren Ländern passiert.“ Voller Inspirationen kam Isack zurück nach Tansania und gründete zusammen mit Freunden aus einer Theatergruppe das Projekt „Haba na Haba“ („Schritt für Schritt“), das eine Szene für zeitgenössischen Tanz in Tansania aufbauen will. Seit 2010 organisieren Isack und seine Mitstreiter jährlich mehrwöchige Workshops zur Ausbildung junger tansanischer Tänzer und Tänzerinnen. Aktive Unterstützung erhalten sie dabei vom Goethe-Institut in Daressalaam, wie auch von anderen internationalen Institutionen, die Isack Arbeitsaufenthalte in Europa ermöglichen, damit er sich fortbilden kann.

„Im ersten Jahr musste ich noch Teilnehmer für meinen Workshop suchen und Freunde  überreden mitzumachen“, erzählt der 22-Jährige. 2012 gab es schon sehr viel mehr Bewerber als Plätze. Viele träumen davon, in Zukunft wie Isack vom Tanzen zu leben. In Isacks Workshops geht es nicht nur um das Erlernen von Techniken, sondern auch um Körperfitness, die Entwicklung gemeinsamer Choreografien und nicht zuletzt ums Netzwerken. Unterstützt wurde er 2012 von vier Choreografen, darunter zwei Norwegerinnen, und einem weiteren tansanischen Tänzer. Die Teilnehmer kommen aus dem traditionellen Tanz oder Hip-Hop – Techniken und Repertoires, die der zeitgenössische Tanz nutzt, denn er lebt von der Vielfalt. Deshalb fließen in die improvisierte Aufführung der „Haba na Haba“-Teilnehmer auf dem Markt auch viele Elemente aus anderen Tanzformen mit ein.

Das ist es, was Isack so fasziniert: die Freiheit immer neue Formen der Bewegung zu schaffen, die Möglichkeit durch Körpersprache Geschichten zu erzählen. Als die Performance nach einer knappen Stunde endet, umringen die Menschen die Tänzer. „Was habt ihr da gemacht?“, wollen sie wissen. Isack und die anderen geben bereitwillig Auskunft – denn genau das wollen sie ja: Neugier wecken und noch mehr Begeisterte finden, damit die neue Tanzszene wachsen kann. Schritt für Schritt.



Ähnliche Artikel

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Was anderswo ganz anders ist)

Warum man in Tansania nicht mit Kindern schwimmen geht

von Nickson Lutenda

Für Erwachsene ist es eine Sünde, mit Kindern zu schwimmen, denn Shorts, Bikini oder Badeanzug enthüllen Teile des Körpers, die Kinder nicht sehen dürfen, weil sie sonst keinen Respekt mehr vor den Erwachsenen haben

mehr


Russland (Wie ich wurde, was ich bin)

Körpersprache

von Marcel Gbeffa

Wie Voodoo-Rituale und Pina Bausch mich zu dem Tänzer machten, der ich heute bin

mehr


Iraner erzählen von Iran (Was anderswo ganz anders ist)

Tanzen für den Regen

von Clara Heinrich

Über eine Feierlichkeit aus Sri Lanka

mehr


Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Thema: Erderwärmung)

„Schwimmende Städte sind bezahlbar“

von Hubert Savenije

Es gibt bereits gute Ideen, sich vor Überschwemmungen zu schützen. Der Wasserexperte über Pegelstände in den Niederlanden, Tansania und Bangladesch

mehr


Neuland (Die Welt von morgen)

Elefantenschreck

Eine Kurznachricht aus Tansania

mehr


Iraner erzählen von Iran (Thema: Iran)

Schritte im Verborgenen

von Niloufar Shahisavandi

Rhythmische Bewegungen statt Tanz: Wie Choreografen und Tänzer Wege finden, die Zensur zu umgehen 

mehr