Stolz und Vorurteil

von Cornelia Kästner

Brasilien: alles drin (Ausgabe I/2013)


Berittene Einheiten, knackende Funkgeräte, Personenkontrollen: Das Sicherheitsaufgebot während der Belgrader-Gay-Pride Woche ist groß. Für Sprengstoff sorgt besonders eine Ausstellung der schwedischen Künstlerin Elisabeth Olson Wallin. Ihre Fotomontagen zeigen Jesus in der Gesellschaft von Schwulen und Lesben und den Einzug in Jerusalem als Schwulenparade. Eine solche hat Premierminister Ivica Dačić in Belgrad allerdings verboten, offiziell aus Sicherheitsgründen. Und das, obwohl die Komödie „Parada“, in dem sich ein Serbe, ein Kroate, ein Kosovare und ein bosnischer Moslem verbünden, um eine Gay-Pride -Parade in Belgrad zu schützen, in Serbien ein Kassenschlager war – 300.000 Menschen haben den Film gesehen. Trotzdem rücken im Herbst 2.600 Polizisten mit Plastikschilden und Helmen an, um die Proteste gegen die Ausstellung im Zaum zu halten. Doch vor der Absperrung stehen keine vermummten Schlägertrupps, sondern „normale“ Bürger, Frauen, orthodoxe Priester. Sie halten Ikonen und rufen die Muttergottes um Hilfe an. Dazwischen verteilen Aktivisten der rechtsnationalen Bewegung „Dveri“ Flugblätter.

Milić Radević besitzt eine Kneipe gegenüber dem alternativen Kulturzentrum „Grad“, in dem einige Veranstaltungen der Gay-Pride-Woche stattfinden. Für ihn sind die Sicherheitsvorkehrungen eine gewaltige Geldverschwendung. „Unser Land hat ernsthaftere Probleme.“ Wie um seine Worte zu unterstreichen, krempelt Radević den Ärmel hoch und zeigt seine Kriegsnarbe am Oberarm. „Erst sollten wir Mladić und Karadžić ausliefern, dann das Kosovo hergeben und jetzt zulassen, dass die Schwulen bei uns auf der Straße marschieren. Wenn das der Preis für die EU ist, dann will ich da nicht hinein!“, schimpft er. Äußerungen wie diese zeigen, wie stark politisch und nationalistisch aufgeladen die Proteste gegen die schwul-lesbische Aktionswoche sind. „Wir brauchen Sündenböcke“, sagt Saša Ansentijević, die als Dolmetscherin die Gay-Pride-Bewegung unterstützt. Die Jugoslawienkriege und die Nato-Bombardements und Sanktionen während des Kosovokrieges haben Serbien in den 1990er Jahren wirtschaftlich stark geschwächt. Die Mehrheit der Bevölkerung muss mit 300 Euro monatlich auskommen und hat daher kein Verständnis für eine Schwulenparade, die mit 700.000 Euro aus dem Ausland finanziert wird. Doch die Proteste haben eine weitere Komponente, die Nationalisten als „Krieg der Gebärmütter“ bezeichnen. Die Kosovo-Albaner bekommen mehr Kinder und verdrängen die Serben, argumentieren sie. Homosexualität, für sie gleichbedeutend mit der Weigerung, sich zu vermehren, ist in dieser kruden Logik Verrat an der Nation.

Die Diskussionen um die Aufarbeitung der Geschichte und die Rechte von Lesben und Schwulen sind in Serbien eng miteinander verknüpft. Wer sich mit einer der beiden beschäftigt, trifft oft auf die gleichen Leute. Maja Micic leitet das Jugendzentrum für Menschenrechte, ist Mitglied des Organisatorenteams der Schwulenparade und Mitbegründerin von Rekom, einer Initiative zur Aufarbeitung von Kriegsverbrechen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Sie sagt: „Hier geht es nicht nur um die Rechte von Lesben und Schwulen. Hier geht es um Menschen- und Bürgerrechte.“ Der amtierende serbische Präsident habe sich geweigert, die Petition mit den Unterschriften für eine nationale Wahrheitskommission entgegenzunehmen, die die Schicksale von Kriegsopfern aller Nationalitäten untersuchen soll, sagt Micic. Zudem würden Rekom-Aktivisten auf der Straße angefeindet. Dennoch ist sie sicher: „Wenn du die Leute dazu bringst, dir zuzuhören, dann bekommst du auch ihre Stimme.“



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