Grüner Riese

von Sérgio Abranches

Brasilien: alles drin (Ausgabe I/2013)


Als Präsident Lula seine Reise zum Weltklimagipfel 2009 in Kopenhagen vorbereitete, schien es, als wolle er einen Paradigmenwechsel in der Entwicklungspolitik Brasiliens einleiten. Er erließ ein Gesetz über den Klimawandel, das erstmals Ziele und Bedingungen für die Verringerung von Treib­hausgasen festlegte. In der dänischen Hauptstadt  angekommen, bemühte sich Lula sehr um ein Klimaabkommen. Er und der indische Premierminister Manmohan Singh vermittelten bei den Gesprächen zwischen dem US-Präsidenten Barack Obama und Chinas Premier Wen Jiabao. In letzter Minute konnte eine Übereinkunft unterzeichnet werden.

Alles deutete darauf hin, dass sich die Führungsriege Brasiliens entschlossen hatte, zusammenzuarbeiten, um den Klimawandel abzumildern und etwas dafür zu tun, die Produktions- und Konsumstandards in Richtung einer Niedrigemissionsgesellschaft zu verändern. Brasilien verpflichtete sich zum ersten Mal auf internationaler Ebene, den CO2-Ausstoß zu verringern. Und in der Tat gelang es der brasilianischen Regierung, die Abholzung des Regenwalds im Amazonas-Gebiet von mehr als 27.000 Quadratkilometern im Jahr 2004 auf 7.500 Quadratkilometer im Jahr 2009 zu verringern. Im vergangenen Jahr sank die Abholzungsrate noch weiter, auf 6.400 Quadratkilometer. So endete die Regierung Lula im Januar 2011 mit einer positiven Umweltbilanz: Die Abholzung hatte sich verlangsamt, das Gesetz über den Klimawandel war verabschiedet.

Doch der Widerspruch zwischen dem vorherrschenden Streben nach Entwicklung und der Nachhaltigkeit für Umwelt und Klima ist dennoch offensichtlich: Um den Anforderungen der seit Mitte der 1990er-Jahre stark gewachsenen neuen Mittelschicht gerecht zu werden, bemühte sich die Lula-Regierung, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu beschleunigen. Es wurden neue Flächen für die landwirtschaftliche Nutzung urbar gemacht, neue Transportwege eingerichtet und neue Energiequellen erschlossen.

Allein um die riesige Amazonas-Region zu erschließen und ihr Potenzial an Wasserkraft zu nutzen, setzte die Regierung auf ambitionierte Megaprojekte. Sie ließ neue Straßen für die Abfuhr von Soja und anderen Agrarprodukten bauen und Wasserkraftwerke errichten, was heftige Folgen für die Umwelt und umstrittene sozioökonomische Vorteile mit sich brachte.

Logistikstudien zeigen, dass die beste Lösung für die Erschließung der Amazonas-Region, sowohl in finanzieller Hinsicht als auch für die Umwelt, eine Kombination aus Wasserstraßen und Eisenbahnlinien wäre. Der Transport über Straßen verursacht deutlich höhere Kosten und mehr CO2-Ausstoß als die Beförderung mit Schiffen oder Zügen. Doch die Lula-Regierung brachte vor allem den Ausbau der Straßen voran. Und gerade die neu angelegten Bundesstraßen, wie etwa die BR163, die Cuiabá, die Hauptstadt des Bundesstaates Mato Grosso, mit Santarém im Bundesstaat Pará verbindet und dabei ein für die Erhaltung der Artenvielfalt in Amazonien strategisch wichtiges Waldgebiet durchschneidet, haben stark zur Abholzung und zu zügelloser Landnutzung in der Region beigetragen.

Gleiches gilt für die großen Talsperren und Wasserkraftwerke an den Flüssen Madeira (Santo Antônio und Jirau), Xingu (Belo Monte), Tapajós (São Luiz und Jatobá) und Teles Pires (Teles Pires). Sie führen außerdem zu sozialen Spannungen und Konflikten mit den lokalen Bewohnern. Die Belo-Monte-Talsperren etwa liegen mitten in Siedlungsgebieten indigener Völker, andere, wie am Teles Pires, könnten eine Überflutung von Naturschutzgebieten zur Folge haben.

Aber auch unter technischen Aspekten gibt es Vorbehalte gegen die neuen Megaprojekte: Die Flüsse Amazoniens besitzen besondere Eigenschaften, die von Wasserhochständen (mit Überschwemmungen) bis hin zu Niedrigwasser (mit starker Austrocknung) reichen. Diese wechselnden Pegelstände verringern den durchschnittlichen Ertrag der Wasserkraftwerke erheblich. Darüber hinaus transportieren die Flüsse große Mengen an Sedimenten und organischer Materie, was die Wartung der Kraftwerke und Stauseen erschwert und teurer macht. Letzere sind durch die Zersetzung der überschwemmten organischen Materie hochanfällig für den Ausstoß von Methan. Die Lula-Regierung hielt dennoch an diesen Plänen fest, weil die Wasserkraftressourcen in den übrigen Landesteilen bereits voll ausgeschöpft sind.

Auch was die Nutzung fossiler Energien betrifft, setzte die Regierung auf eine riskante Entwicklung.  Lula erklärte die Erdölgewinnung im sogenannten „Pré-Sal“-Gebiet vor der brasilianischen Küste zur Priorität für die Zukunft. Natürlich könnte die Erdölgewinnung strategische Ressourcen für die Entwicklung sauberer Technologien für die Zukunft schaffen. Das „Pré-Sal“-Gebiet ist jedoch weit von der Küste entfernt, zudem liegt ein Großteil des Erdölvorkommens in beachtlicher Tiefe. Die Förderung des Erdöls auf hoher See und aus diesen Lagen ist sehr gefährlich. Die entsprechende Technologie dafür steckt noch in der Entwicklung.

Dabei hat Brasilien enorme Potenziale für erneuerbare Energien, vor allem aus Biomasse, Wind- und Solarkraft. Außerdem verfügt das Land über eine hohe Walddichte und eine große biologische Vielfalt, die eine hochmoderne Bioindustrie ermöglichen. Würden diese Ressourcen erschlossen und genutzt, könnte sich Brasilien zu einem der fortschrittlichsten Länder der Welt im Bereich Niedrigemissionen entwickeln.

Trotzdem setzte die Regierung bei der Energiepolitik hauptsächlich auf konventionelle Wasserkraftwerke und Erdöl und ließ Wind- und Solarenergie mehrheitlich außer Acht. Zwar wurde in den letzten Jahren in Windenergie investiert. Doch bis heute wurden nur Windkraftanlagen mit einem Volumen von insgesamt zwei Gigawatt errichtet, bis 2015 sollen es acht Gigawatt sein. Alles in allem ist dies jedoch noch sehr wenig im Verhältnis zu den Möglichkeiten des Landes.

Unter der Regierung von Dilma Roussef, die seit Anfang 2011 an der Macht ist, verstärken sich die Widersprüche zwischen der Entwicklungspolitik und den Umwelt- und Klimazielen noch weiter. Die Präsidentin verkleinert gegenwärtig die Flächen der Schutzzonen in Amazonien, um den Bau von Wasserkraftwerken zu ermöglichen. Dass davon geschützte Gebiete mit großer Artenvielfalt und Siedlungen indigener Völker betroffen sind, ist zum Gegenstand vieler gerichtlicher Klagen geworden, wodurch die Bauarbeiten immer wieder unterbrochen werden müssen. Die neue Regierung hat mittlerweile eine fragwürdige Lösung gefunden, um die Gerichtsverfahren abzuwehren: Sie änderte einfach die Gesetzgebung für die Schutzgebiete und verringerte auf diese Weise deren Ausdehnung.

Auch die Regenwald-Abholzungsrate in Amazonien stieg in diesem Jahr wieder an. Noch gibt es keine offiziellen Zahlen, aber der unabhängige Think Tank Imazon fand durch die Analyse von Satellitenbildern heraus, dass es zwischen August und Oktober 2012 verglichen mit demselben Zeitraum des Vorjahres insgesamt einen 125-prozentigen Anstieg der Abholzungsrate gab. Ursache hierfür ist die gestiegene Nachfrage nach Soja aus Brasilien, da in den USA aufgrund von Trockenheit die Erträge eingebrochen sind. Der mit der Abholzung in Verbindung stehende äquivalente CO2-Ausstoß stieg in diesem Zeitraum um 27 Prozent an.

Die Entwicklung, die Brasilien gegenwärtig verfolgt, ist weder nachhaltig noch von Dauer. Sofern das Land diesen Widersprüchen nicht ins Auge sieht, wird es ohne Zweifel in eine beispiellose Umweltkrise mit sehr negativen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen geraten. All diese Widersprüche werden Brasilien dabei beeinträchtigen, sein in Kopenhagen vorgelegtes Ziel – die Verringerung des CO2-Ausstoßes – zu erreichen. Sie lenken das Land von seinem Weg ab, in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts eine Wirtschaftsmacht mit geringem CO2-Ausstoß zu werden. Die große Herausforderung Brasiliens besteht darin, einen Weg für seine Entwicklung zu finden, der das wertvolle Naturerbe bewahrt.

Aus dem Portugiesischen von Johannes Reiss



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