Telenovelas für Afrika

von Marta Lança

Brasilien: alles drin (Ausgabe I/2013)


Brasilien ist ohne die kulturellen Einflüsse aus Afrika nicht zu verstehen. Dies mag der Grund dafür sein, dass Brasilien mittlerweile eine gewisse Neugier gegenüber dem afrikanischen Kontinent an den Tag legt. Zu einem großen Teil geht dies auch auf die Außenpolitik des früheren Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva zurück, der von 2003 an auf zahlreichen Afrikareisen Wirtschaftsabkommen unterzeichnete und Brasiliens diplomatische Vertretungen in Afrika von 18 auf 34 erhöhte. Auch die brasilianische Präsenz in den portugiesischsprachigen Ländern Afrikas hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Brasilianische Firmen engagieren sich heute beispielsweise in Angola in der Erdölindustrie, im Bauwesen sowie im Bergbau.

Ein weiteres Feld regen Austausches ist das Kommunikationswesen: Medien- und Werbeunternehmen bringen brasilianische Fachleute nach Luanda, die einen erheblichen Einfluss auf lokale Konsum- und Kommunikationsmuster haben und sogar Wahlkämpfe und Imagekampagnen der herrschenden Parteien prägen.

Der wachsende Einfluss der größten brasilianischen Fernsehkanäle – Globo und Record – auf Angola, Mosambik, die Kapverden, Guinea-Bissau sowie São Tomé und Príncipe ist erheblich. In manchen Fernsehern dieser Länder hört man von morgens bis abends nur brasilianisches Portugiesisch in Telenovelas und Spielshows. Schon seit Jahren sind brasilianische Telenovelas Teil des afrikanischen Alltags. Bester Beweis hierfür ist der berühmte Roque-Santeiro-Markt, einer der größten von Luanda, der seinen Namen einer erfolgreichen brasilianischen Telenovela aus den 1980er-Jahren verdankt.

Mittlerweile werden aber auch Nachrichtensendungen aus Brasilien in Afrika gesehen und Angolaner und Mosambikaner sind bestens informiert über brasilianische Celebrities, ihre Themen, Trends und Liebesdramen. Dies wiederum schlägt sich nieder in der Art sich zu kleiden, sich zu verhalten, ja sogar auf die Art zu sprechen, indem der Satzbau aus dem brasilianischen Portugiesisch übernommen wird. Und nicht zu übersehen ist die beständige Übernahme neuer Begriffe in das afrikanische Portugiesisch: Vor Kurzem erst fiel mir auf, dass man in Angola mittlerweile das brasilianische Wort „bufunfa“ für „Geld“ benutzt.

Vornehmliches Feld des brasilianisch-afrikanischen Kulturaustauschs ist die Pop­kultur. Begegnungen in der Diaspora, die gegenseitige Entdeckung von Sounds und rhythmischen Analogien haben in der musikalischen Geschichte Angolas und Brasiliens Tradition. Unter den Jüngeren und insbesondere bei den elektronischen Beats wird versucht, eine Parallele zwischen dem angolanischen Kuduro und dem Baile Funk aus Rio de Janeiro zu ziehen. „Kuduro ist näher an Techno und House, Baile Funk dagegen speist sich aus Miami Bass, einer aggressiven, sexuell aufgeladenen Hip-Hop-Variante der späten Neunziger“, erklärt Kalaf von der Kuduro-Band Buraka Som Sistema. „Da Kuduro allerdings auch vom Sampling lebt, samplen Kuduro-Künstler vor allem Stimmen des Baile Funk.“

Im Hip-Hop hatte der Brasilianer Gabriel o Pensador großen Einfluss auf die afrikanische Jugend, indem er den Beweis erbrachte, dass portugiesischsprachiger Rap auch als Medium ironisierter Kritik an Ungerechtigkeiten und Korruption in ihren jeweiligen Ländern taugt. Einige Protagonisten des angolanischen Underground, wie die Rapper Keita Mayanga oder MCK, unterhalten heute enge Beziehungen zur brasilianischen Musikszene.

Auch in der Literatur ist die Beziehung solide und fruchtbar, die Lektüre von Jorge Amado etwa ist für alle portugiesisch schreibenden Afrikaner fundamental. Mia Couto sagte einmal in einem Fernseh­interview, dass „nach dem Modernismus und der Selbstbefreiung von europäischen Mustern Brasilien sein Afrika fand und wir dies als Möglichkeit erkannten, das zu tun, was wir tun wollten, um mit dem Portugal, das sich in der portugiesischen Sprache fand, zu brechen.“ In der Kreativität und Freiheit der Sprache, der Möglichkeit, Volkskultur und Oralität in den Diskurs eines eigenen Idiolekts zu überführen, fanden sich viele Parallelen. Die Beispiele dafür sind bekannt: Der Brasilianer João Guimarães Rosa beeinflusst den angolanischen Schriftsteller Luandino Vieira, der wiederum den Mosambikaner Mia Couto beeinflusst. Indem diese Autoren neue  künstlerische Formen suchen und Stereotype sprengen, werden sie zu den besten Multiplikatoren für die Annäherung zwischen Afrika und Brasilien.

Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler



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