Chefe Brasil

von Raúl Zibechi

Brasilien: alles drin (Ausgabe I/2013)


Im Jahr 2012 stieg Brasilien zur sechststärksten Wirtschaftsmacht der Welt auf. Vor 2020 wird es sicher Platz fünf erreichen und dabei nur noch von China, den USA, Indien und Japan übertroffen sein. Diese hohe Platzierung ist nicht verwunderlich. Erstellt man Listen mit den jeweils fünf größten, am dichtesten besiedelten und rohstoffreichsten Ländern der Erde, taucht Brasilien in jeder davon auf. Brasilien schöpft also nur ein lange bestehendes Potenzial aus. Was wir derzeit erleben, ist die Aufhebung des Verhältnisses Zentrum-Peripherie, auf das sich der Kapitalismus in den vergangenen fünf Jahrhunderten stützte. Dieses Verhältnis führte dazu, dass sich eine ungerechte Reichtumskonzentration auf der Nordhalbkugel sowie ein ebenso großes Ausmaß an Armut auf der Südhalbkugel bilden konnte. Der Beginn des neuen Jahrtausends brachte jedoch eine Neuheit mit sich: Einer Handvoll Länder, hier besonders den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika), gelang es, sich aus ihrer marginalisierten Position zu befreien. In der Folge veränderte sich die wirtschaftliche Weltkarte und es entstanden neue internationale Beziehungen. Da der Aufstieg der BRICS-Staaten eine Art wirtschaftliches, politisches und militärisches Erdbeben für die Welt bedeutet, wird man in Zukunft definitiv auch tiefgreifende kulturelle Veränderungen diskutieren müssen: Für Lateinamerika bringt der Aufschwung Brasiliens zur führenden Wirtschaftsmacht des Subkontinents langfristige Veränderungen mit sich, sowohl in geopolitischer Hinsicht als auch in Bezug auf die sozialen Bewegungen.

Brasiliens Aufstieg zur Weltmacht begann vor einem halben Jahrhundert. Die beiden Amtsperioden des Präsidenten Getúlio Vargas (1930–1945 und 1951–1954) waren entscheidend, um den Grundstein für eine heutige Industrienation zu legen, die stolz auf sich selbst und entschlossen genug ist, sowohl ihre schier unermesslichen Rohstoffe zu fördern als auch ihr demografisches und geopolitisches Potenzial zu entwickeln. Unter Vargas wurden Firmen wie Petrobras gegründet, der heute weltweit viertgrößte Mineralölkonzern. Dieser entdeckte im letzten Jahrzehnt die meisten neuen Erdölvorkommen. Zudem entstanden zivile und militärische Think Tanks wie das Institut für Angewandte Ökonomie (IPEA) und die Escola Superior de Guerra, die Oberste Kriegsschule, die von einem Großteil des nationalen Unternehmertums durchlaufen wurde.

Nachdem 2003 Lula in den Palácio do Planalto, den Sitz der brasilianischen Regierung, einzog, war das Potenzial bereit, sich zu entfalten. So wurden mehrere Initiativen ins Leben gerufen – dazu gehören das Programm zur Beschleunigung des Wachstums, das die Wirtschaft fördern und festigen soll, eine nationale Verteidigungsstrategie für den Aufbau einer leistungsstarken und unabhängigen Militärindustrie sowie das Programm Bolsa Família, um die Armut zu verringern und den sozialen Frieden zu fördern.

Zudem lassen sich drei parallel ablaufende Prozesse verzeichnen: ein Anwachsen und Erstarken der führenden Eliten sowie eine Allianz zwischen der international agierenden brasilianischen Bourgoisie und dem Staatsapparat, der sowohl das Militär als auch öffentliche Regierungsmitglieder einschließt, und zuletzt eine Anhäufung von Kapital im Land – dank der Pensionsfonds und des Wachstums der brasilianischen Entwicklungsbank (BNDES), die mittlerweile weltweit zu den führenden Entwicklungsbanken zählt.

Zu der Gruppe von Managern der Kapital- und Pensionsfonds, die immerhin 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Brasiliens ausmachen, gehören auch Gewerkschaftsführer, die Bündnisse mit den führenden Unternehmen eingegangen sind. Diese neuen Eliten sind in der Lage, den Rückgang der Wirtschaftskraft der USA für sich zu nutzen und Räume zu besetzen, die ihre Vormachtstellung innerhalb der Region noch weiter ausbauen. Dies erreichen sie unter anderem durch strategisch wichtige Beziehungen mit Argentinien und Venezuela. Hierbei geht es um das Vordringen in „leere“ Gebiete, wie etwa in das Amazonas-Gebiet, und in andere südamerikanische Länder oder nach Ostafrika – Regionen, die empfänglich sind für das „brasilianische“ Kapital, sein privates und staatliches Bankensystem, sein Militär und seine Zivilverwaltung.

Der Ausbau von Projekten zur Integration wie dem Gemeinsamen Markt des Südens (Mercosul) oder der Südamerikanischen Union (Unasul) sowie dem ersten überregionalen Militärbündnis, dem Südamerikanischen Verteidigungsrat (CDS) ist Teil eines Netzwerkes aus Beziehungen und Abkommen, das von Brasilien initiiert wurde.

Das wichtigste Projekt ist die „Initiative für die Integration der regionalen Infrastruktur Südamerikas“ (IIRSA), die 2000 von Fernando Henrique Cardoso angestoßen und von Lula fortgeführt wurde. Zwölf Verkehrsachsen sollen künftig bislang auf dem Landweg voneinander isolierte Teile des Subkontinents verbinden. Vor allem der Transport von der Atlantik- zur Pazifikküste und der Handel mit China werden dadurch beschleunigt. Zu den größten Profiteuren zählen brasilianische Baufirmen sowie Agrarunternehmen und Bergbaukonzerne, die ihre Transportkosten verringern. Viele der Infrastrukturmaßnahmen im Rahmen des Projekts werden mittlerweile von der brasilianischen Entwicklungsbank finanziert, das Empfängerland verpflichtet sich damit aber dazu, brasilianische Firmen unter Vertrag zu nehmen.

Der zweite Aspekt ist die Entstehung einer regional ausgerichteten Hegemonialmacht – ein Novum in der lateinamerikanischen Geschichte: Alle früheren Hegemonialmächte kamen von außerhalb und vertraten offensichtlich andere Interessen als die der Region. Heute sind die Dinge wesentlich komplexer. Den kleinen südamerikanischen Ländern eröffnet sich ein besonders kompliziertes Panorama, in dem das Überleben der Nationen als relativ unabhängige Staaten in den kommenden Jahrzehnten infrage gestellt werden wird. Weite Gebiete der Grenzregionen von Paraguay, Bolivien und Uruguay werden bereits seit mehreren Jahrzehnten von brasilianischen Einwanderern und Unternehmern besiedelt. Tatsächlich haben brasilianische Strategen ein Projekt zur Integration entwickelt, das nicht auf eine Vormachtstellung gegenüber ihren Nachbarn abzielt. Es steht also noch lange nicht fest, ob sich die Weltmacht Brasilien in einen neuen Imperialisten verwandeln wird. Es existiert kein Automatismus, nach dem die Schwellenländer die Geschichte der europäischen Kolonialmächte wiederholen müssen. Der italienische Soziologe Giovanni Arrighi macht am Beispiel Chinas deutlich, dass auch ein friedlicher Aufstieg möglich sein kann.

Die Länder des Subkontinents können sich also von den Ambitionen der neuen Macht abgrenzen, indem sie wie Ecuador ihre Beziehungen zu Brasilien abbrechen und sich China zuwenden. Derzeit herrscht in den innerkontinentalen Beziehungen allerdings eine Tendenz zum Konsens vor, die seitens der brasilianischen Regierung mit einer Mischung aus Stärke und Zurückhaltung angetrieben wird. Dennoch, wenn essenzielle Interessen Brasiliens betroffen sind, wie etwa bei Energiefragen, wird auch mit militärischen Drohgebärden reagiert: Als Paraguay höhere Preise für den Strom aus dem gemeinsam betriebenen Wasserkraftwerk Itaipú durchsetzen wollte, ließ die brasilianische Regierung ein Militärmanöver an der Grenze abhalten.

Grundsätzlich hat der Aufschwung Brasiliens und die damit verbundene Menge an Infrastrukturmaßnahmen zu neuen Protestwellen geführt: So etwa 2011 in Bolivien, als ein Großteil der Bevölkerung gegen den von der brasilianischen Entwicklungsbank finanzierten Bau der Fernstraße, die durch das Territorium der Indigenen im Nationalpark Isibro Secure (TIPNIS) führen sollte, demonstrierte. Hierbei kollidierten die kommerziellen und geopolitischen Interessen Brasiliens mit den Interessen der indigenen Gemeinden. Der Protest erzwang vorerst die Aussetzung der Bauarbeiten. Auch die sozialen Bewegungen sind in der Lage, die neue Großmacht herauszufordern – auch innerhalb Brasiliens selbst. Ein Beispiel dafür ist der hartnäckige Widerstand der indigenen Gemeinden gegen den Bau des Staudamms in Belo Monte am Rio Xingu, der mit seiner Leistungsfähigkeit bei der Stromerzeugung der drittgrößte weltweit sein würde. Schon einmal, Ende der 1980er-Jahre, gelang es den Indigenen, den Bau des Wasserkraftwerks zu stoppen.

Aus dem Spanischen von Barbara Buxbaum



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