Das lange Schweigen

von Antônio Modesto da Silveira

Brasilien: alles drin (Ausgabe I/2013)


Die Militärs putschten sich in Brasilien 1964 an die Macht. In den folgenden Jahren bis zur Rückkehr der Demokratie 1985 unterdrückte das Regime die Opposition. Junge Menschen, Intellektuelle, Arbeiter und Studenten, Journalisten und Anwälte gerieten unter Generalverdacht: Das Regime schleuste Informanten in die Fabriken ein, um Arbeiter und Gewerkschaftsführer zu überwachen. In den Vorlesungssälen der Universitäten standen Studenten und Dozenten unter Beobachtung. Sogar die Kirche wurde ausspioniert.

Ich will von einem Studenten erzählen, um dessen Fall ich mich damals als Anwalt gekümmert habe. Er hatte sich mehrfach verdächtig gemacht: Er war nicht nur jung, sondern trug auch einen Bart wie Ernesto „Che“ Guevara, hielt ein Buch in der Hand und stand in der Nähe einer Fakultät. Er wurde festgenommen und auf das Polizeikommissariat (DOPS) gebracht. Ein Beamter fand in einem seiner Bücher eine Notiz mit „Maiakovski“ darauf. Die Erklärung des Studenten, es handele sich um eine Hausaufgabe in Literatur über den russischen Dichter, half ihm nicht. Der Beamte auf der Wache schrie den Studenten an und bedrohte ihn. Offenbar wollte er bei der Entlarvung eines russischen Spions in der Stadt ganz vorn dabei sein. „Schnell, bevor er flüchtet!“

Der Beamte wollte schon anfangen, den Studenten zu foltern, als sein Chef wissen wollte, was los war. Dann sah er sich selbst die Aufzeichnungen des Studenten an, dachte nach, blickte erst auf das Papier, dann zu seinem Untergebenen, und „verordnete“ leicht gereizt: „Du Dummkopf, siehst du nicht, dass es zwei Spione sind? Einer ist Brasilianer, mit Namen Maia. Der andere ist Russe und heißt Kovski. Er muss beide verraten. Schnell, bevor sie flüchten!”

Ein anderer Fall: Ein Ehepaar war wie viele andere Anhänger des Erzbischofs und Befreiungstheologen Dom Helder Câmara in Pernambuco von Verfolgung bedroht. Man warnte die beiden und half ihnen, nach Rio de Janeiro zu gehen. Von Agenten der politischen Verfolgungseinheit entdeckt, wurden sie von der Zentrale für Information und innere Sicherheit (DOI-CODI) festgenommen, oder besser gesagt entführt. In dieser Abteilung der Heerespolizei wurde systematisch körperliche und seelische Folter auf verschiedenste Weisen betrieben. Das Paar weigerte sich, gegeneinander auszusagen. Als Strafe sollten sie sich gegenseitig quälen, was sie jedoch nicht taten. So verlegte man sie in getrennte Zellen innerhalb der Kaserne.

Nach langer Zeit im Gefängnis wurden sie freigelassen und die Frau suchte mich in meiner Anwaltskanzlei auf. Sie berichtete von mehrfachen Vergewaltigungen durch ihre Peiniger. „Jetzt bin ich schwanger! Was soll ich nur tun?“, fragte sie mich. „Ich denke, ich kann eine Abtreibung durchbringen. Aber da Sie vor einem ethisch-religiösen Problem stehen, sprechen Sie zunächst mit Ihrem Mann und Ihrem Bischof und kommen Sie dann alle zu mir zum Gespräch. Denken Sie daran: Wenn Sie sich für das Kind entscheiden und es kommt mit dem Gesicht eines ihrer Vergewaltiger zur Welt, werden Sie bei jeder Berührung Ihres Babys die Anwesenheit Ihres Peinigers spüren. Dies könnte für Sie lebenslange Qualen bedeuten“, sagte ich zu ihr.

Ein paar Tage später kam die Frau wieder in meine Kanzlei, lächelte und sagte: „Ein Wunder ist geschehen, Dr. Modesto! Ich habe mit meinem Mann gesprochen. Er hat sich alles schweigend und ohne mich anzusehen angehört. Es war, als wäre er in Trance … ,Du kannst auf mich zählen!‘, sagte er auf einmal und versprach: ,Wenn du dich für dieses Kind entscheidest, erziehen wir es gemeinsam zu einem guten Menschen.‘ Auf einmal“, erzählte die Frau weiter, „fühlte ich eine unglaubliche Erleichterung, in meinem Kopf wie in meinem Körper, wie ich sie noch nie zuvor gespürt hatte. Die Erleichterung war derart groß, dass ich nachts eine spontane Fehlgeburt hatte.“

Geschichten wie diese verdeutlichen, was man die „Enzyklopädie des Terrors“ der Militärdiktatur in Brasilien nennen kann. Obwohl die Drahtzieher dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit ihre Spuren verwischten und Teile der Beweismittel vernichteten, gibt es Zeugen und viele Dokumente in den öffentlichen Archiven und Gerichten sowie zahlreiche weitere Unterlagen. Auch gibt es Tonnen sichergestellten Materials, die die kriminellen Machenschaften der Diktatoren und ihrer Verbindungsleute belegen. Unter den Hunderttausenden Opfern der Diktatur in Brasilien gibt es unzählige Überlebende, die Aussagen machen können und ihre Narben und körperlichen Entstellungen zeigen können, die sie in den Militärkasernen, Polizeikommissariaten und „Todeshäusern“ im Verborgenen erlitten haben.

Bereits veröffentlichte Bücher enthüllen Hunderte Namen von Militärangehörigen und Polizisten, die versessen darauf waren, politische Gefangene und Entführte zu quälen, zu vergewaltigen und zu töten. Darunter waren bekannte Generäle, Oberste, Hauptmänner, Unteroffiziere und Soldaten. Im Gegenzug gab es auch Tausende von Militärs, die Opfer ihrer Kameraden, die dieselbe Uniform trugen, wurden und ähnliche Grausamkeiten erlitten.

Brasilien war zwar nicht das Land Südamerikas mit der höchsten Zahl politischer Morde oder Entführungen, obwohl es das größte und bevölkerungsreichste ist. Doch hier gibt es die meisten direkt und indirekt von der Diktatur betroffenen Opfer: eine halbe Million Menschen.

Während der 21 Jahre andauernden Tyrannei kam es immer wieder zu politischen Prozessen, in ganz Brasilien beliefen sie sich vermutlich auf einige Tausend Fälle. In fast allen Prozessen waren Dutzende, wenn nicht Hunderte Verfolgte involviert, in einigen wenigen mehr als tausend Personen angeklagt. Ingesamt wurde wohl gegen über 500.000 Personen ermittelt, es kam jedoch nicht immer zur öffentlichen Anklage.

Bei den Spezialeinheiten (DOPS, SOPS und anderen) kam es mitunter dazu, dass alle Zellen überfüllt waren, so wurden zusätzlich Kasernen, Inseln und Teile von Strafanstalten als Gefängnisse genutzt. Da es selbst dann an Platz fehlte, noch mehr Menschen zu inhaftieren, beschlagnahmten sie drei Handelsschiffe der brasilianischen Schiffsgesellschaft Lloyd und ein Schiff der Kriegsmarine. 1964 besetzten sie sogar das Fußballstadion Caio Martins in Niterói im Bundesstaat Rio de Janeiro, wo 1.200 politische Gefangene untergebracht wurden.

Kasernen der drei Streitmächte – Heer, Marine und Luftfahrt – wurden genutzt, um als „Subversive“ oder „Terroristen“ Verdächtigte festzuhalten. Dies konnten bekannte sozialistische oder kommunistische Politiker sein, politische, studentische oder religiöse Anführer. Verwandte von politisch Verfolgten, wie Ehepartner, Eltern und sogar Kinder, wurden von den politischen Unterdrückern entführt und als Geiseln gehalten. Im Gefängnis konnte den Insassen alles widerfahren. Von Erniedrigung, sexuellem Missbrauch und jeglicher Art von Folter bis hin zur eiskalten Ermordung. Allein in Rio de Janeiro mussten etwa 20 spezialisierte Anwälte zu jeder Tages- und Nachtzeit Wunder vollbringen, um die Folgen von Entführung, Folter und Ermordungen zu verringern.

Viele Opfer und Menschenrechtsverbände unterstützen heute die Nationale Wahrheitskommission bei der Aufdeckung dieser Verbrechen. Die Kommission, die in Brasilien am 18. November 2011 per Gesetz ins Leben gerufen wurde, nahm am 16. Mai 2012 offiziell die Arbeit auf. Sie besteht aus sieben angesehenen Persönlichkeiten: ehemaligen Politikern, Juristen, Wissenschaftlern und einer Psychoanalytikerin, die von der Präsidentin Dilma Roussef ernannt wurden. Ihre Arbeit ist auf zwei Jahre angesetzt – die um zwei weitere verlängert werden kann –, um die politischen Verbrechen im Land, die zwischen den beiden letzten rechtmäßigen Verfassungen (1964 und 1988) begangen wurden, zu untersuchen.

Aufgrund eines 1979 erlassenen und 2010 vom Obersten Gerichtshof bekräftigten Amnestiegesetzes wurde bis heute kein einziger Täter verurteilt. Selbst die zwischen 400 und 500 politischen Morde der Dikatur sind noch immer ungesühnt. Die vorherigen brasilianischen Regierungen setzten allein auf Entschädigung. Rund 11.000 Opfer der Militärdiktatur bekamen vom Staat eine finanzielle Wiedergutmachung zugesprochen. Und das, obwohl selbst die amtierende Präsidentin des Landes, Dilma Roussef, sowie Gouverneure, Parlamentsmitglieder und andere Autoritäten Opfer dieser Verbrechen waren. Die Wahrheitskommission könnte ein erster Schritt sein, an dieser Situation etwas zu ändern.

Aus dem Portugiesischen von Johannes Reiss



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