Kultur von unten

Wolfgang Schneider

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Elton John soll – wie andere Popstars – für die Söhne des lybischen Tyrannen gesungen haben, ein arabischer Kulturminister propagierte einmal die Verbrennung israelischer Literatur, islamische Studenten protestierten im ägyptischen Ins­titut für Bildende Kunst gegen Aktmalerei: Ist das schon Kulturpolitik? Kunst und Kultur entwickeln sich mit der Gesellschaft, in autokratischen Staaten meist zentral und gesteuert lizensiert und zensiert im Sinne der Herrschenden. Das war bislang auch in Arabischen Staaten politische Praxis. Doch mit dem Arabischen Frühling wurde auch dort die Kraft der Kultur entfesselt und eine neue Kulturpolitik gedacht, die ihrer Umsetzung harrt.

Der Band „Cultural Policies in Algeria, Egypt, Jordan, Lebanon, Morocco, Palestine, Syria and Tunesia“ versammelt nun acht Studien, die auf einer ersten Konferenz zur Kulturpolitik in der arabischen Region 2010 in Beirut diskutiert wurden, und markiert den Aufbruch einiger Nationen, die neu zu definieren versuchen, welche Rolle Kunst und Kultur in der Entwicklung von Gesellschaften spielen. Während bisher Kulturpolitik im Top-down-Prinzip bestimmt wurde und die staatlichen Eliten Kultur definiert haben, gelte es jetzt – in einer weiteren Phase der Dekolonisierung – der kulturellen Entfremdung der Menschen entgegenzuwirken und neben der westlichen Massenkultur eine eigene panarabische Kultur zu befördern. Schon der palästinensisch-amerikanische Denker Edward W. Said formulierte 2000 in der Wochenzeitung Al-Ahram, dass die kulturellen und religiösen Feindseligkeiten, die zwischen dem Westen und den Arabern existieren, mit der Geschichte des Orients, mit dem Problem Israels, mit dem Status von Demokratie in der arabischen Welt, mit der Ignoranz zwischen den Kulturen, aber auch mit der Abwesenheit einer ernsthaften Kulturpolitik der Staaten Arabiens zu tun haben.

Hier setzt zum Beispiel die libanesische Kulturaktivistin Hanan Hajj Ali in ihrer Fallstudie an: Sie beschreibt den Rahmen einer Kulturpolitik, nämlich die Verschmelzung von inhaltlicher Konzeption, politischen Entscheidungen und kulturellem Handeln; Theorie und Praxis denkt sie selbstverständlich zusammen, basierend auf den Ansprüchen einer Gesellschaft unter Einsatz all der menschlichen und materiellen Ressourcen. Es sei an der Zeit für Regeln, Gesetze und Pläne, um langfristig Wechsel und Entwicklung möglich zu machen. In einem umfangreichen Essay steht ihr Milena Dragicevic Sesic vom UNESCO-Chair für „Interculturalism, Art Management and Mediation“ an der Universität der Künste in Belgrad zur Seite. Aus den unterschiedlichen kulturpolitischen Modellen entwickelt sie ein kleines Vademekum konkreter Engagements für Prozesse der Entscheidungsfindung, der Einbindung der Zivilgesellschaft und für die Akzentuierung durch kulturelle Vielfalt. Sie setzt auf „Public Governance“ und die Rolle der Internationalen Organisationen. Kultur ist für sie ein kritischer Raum für Reflektion und Zweifel, aber auch Unterhaltung. Kultur – wie sie aus den Länderreports identifizierbar wird – ist zudem „National Brand“, ein Instrument, um ethnische Spezifika zu konstruieren und zu repräsentieren. Eines wird deutlich: Neben dem allseits geschätzten Kulturerbe, das insbesondere in der westlichen Welt bisher durch den Kulturtourismus erschlossen wurde, ist es die Alltagskultur, sind es die Künstler in den Popularkulturen und im Amateurbereich, ist es die unterdrückte Kunst, die es zu entdecken gilt – in Marokko ebenso wie in Tunesien. In Ägypten wird sich zeigen, wie eine solche Kulturpolitik durch die Verfassung gestärkt wird, in Algerien, wie eigenständig eine regionale Politik dem französischen Kulturexport entgegentritt. In Jordanien und im Libanon wird sich noch zeigen, was in Sachen kulturelle Bildung durchzusetzen ist. Und in Palästina und in Syrien braucht es vor allem Freiheit und Frieden, um Kulturpolitik als gesellschaftlichen Motor zur kulturellen Identitätsfindung zu entwickeln.

Cultural Policies in Algeria, Egypt, Jordan, Lebanon, Morocco, Palestine, Syria and Tunisia. An Introduction. Von Reem Al Khatib et al.  Boekmanstudies, Amsterdam, 2011.



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